Seit anderthalb Jahrhunderten stehen Feuerwehrleute in Dorsten bereit, wenn andere Hilfe brauchen. Am Wochenende feiert der Löschzug Altstadt sein großes Jubiläum am Gerätehaus im Lippetal.
Wenn am Wochenende am Gerätehaus im Lippetal gefeiert wird, dann geht es nicht nur um ein rundes Jubiläum. Es geht um 150 Jahre Einsatzbereitschaft, um Kameradschaft, um technische Entwicklung und um Menschen, die Verantwortung übernommen haben, lange bevor es moderne Fahrzeuge, digitale Meldeempfänger oder hydraulische Rettungsgeräte gab.
Der Löschzug Altstadt der Freiwilligen Feuerwehr Dorsten blickt auf eine Geschichte zurück, die tief in die Stadt hineinreicht. Sie beginnt im 19. Jahrhundert, in einer Zeit, in der Brände zu den größten Gefahren für Städte gehörten. Enge Straßen, Fachwerkhäuser, offene Feuerstellen, Werkstätten und Scheunen konnten dabei aus einem Funken schnell eine Katastrophe werden lassen. Wer damals löschte, brauchte vor allem eines: viele Hände.
Als Bürger selbst zur Feuerwehr wurden
Die Wurzeln des Löschzuges reichen bis in das Jahr 1876 zurück. Unter der Führung des damaligen Bürgermeisters Geissler und mit Unterstützung von Persönlichkeiten wie Professor Heissing vom Gymnasium Petrinum entwickelte sich aus den kaum organisierten Lösch-Companien eine straffer geführte Freiwillige Feuerwehr Dorsten. Zu den prägenden Namen der Anfangszeit zählen auch Johann Koop, Fritz Kampmann, Ludwig Rhode, Wilhelm Erwig und Arn. Schmitz.
Die Feuerwehr war damals noch weit entfernt von dem, was man heute kennt. Es gab keine roten Löschfahrzeuge, keine Funkgeräte und keine Atemschutzgeräte. Die Ausrüstung bestand aus Ledereimern, Leitern, Haken, tragbaren Kufen und Handdruckspritzen. Das erste Spritzenhaus befand sich in der Nähe der St.-Agatha-Kirche an der Wiesenstraße. Dort stand das wichtigste Gerät der jungen Wehr: eine Handdruckspritze, die nur mit Muskelkraft funktionierte.

Vor nahezu jedem Haus mussten nummerierte Löscheimer bereitstehen. Wurde Feueralarm gegeben, bildeten die Bürger Eimerketten. Wasser wurde aus Brunnen, Gräben oder anderen Wasserstellen von Hand zu Hand weitergereicht, bis es endlich an der Brandstelle ankam. Das war mühsam, langsam und körperlich anstrengend, aber lange Zeit die einzige Möglichkeit, ein Feuer überhaupt zu bekämpfen.
Der Brandschutz war streng geregelt. Wer gebraucht wurde, hatte zu helfen. Gleichzeitig setzte die Stadt auf ungewöhnliche Anreize. Wer besonders schnell am Brandort erschien oder wichtige Aufgaben übernahm, konnte einen Taler erhalten. Für damalige Verhältnisse war das ein stattlicher Betrag. Ebenso deutlich waren die Strafen für alle, die den Einsatz behinderten oder die Brandstelle unnötig betraten.
Zwei Handdruckspritzen als Fortschritt
Schon wenige Jahre nach der Gründung wurde deutlich, wie wichtig technische Verbesserungen waren. 1888 erhielt die Wehr zwei neue Handdruckspritzen. Sie galten damals als hochmodern und leisteten jeweils rund 150 Liter Wasser pro Minute. Aus heutiger Sicht wirkt diese Technik bescheiden. Damals aber bedeutete sie einen enormen Schritt nach vorn.
Zugleich blieb die Feuerwehr eng mit dem Alltag der Stadt verbunden. Handwerker, Kaufleute, Schornsteinfeger, Wirte und andere Bürger prägten die Wehr. Sie rückten aus, wenn es brannte, übten gemeinsam und stellten sich in den Dienst der Allgemeinheit. Im Archiv taucht auch eine kleine, sehr menschliche Episode auf: Ein Bürger soll sich darüber beschwert haben, dass Feuerwehrleute beim Alarm nicht erst ihre Orden anlegen sollten, sondern sofort zum Einsatzort eilen müssten. Aus heutiger Sicht würde man ergänzen: Helm, Stiefel und Schutzkleidung dürfen natürlich trotzdem nicht fehlen.
Die Feuerwehr wächst mit der Stadt
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Wehr neu organisiert. Unter Brandmeister Gustav Reckmann entstand eine klarere Struktur. Die damalige Wehr bestand aus rund 48 Männern und wurde in vier Trupps eingeteilt: Steigertrupp, Löschtrupp, Wassertrupp und Absperrtrupp. Jeder wusste, welche Aufgabe er im Einsatz zu übernehmen hatte.
Mit der Eingemeindung der Hardt im Jahr 1924 veränderte sich auch die Feuerwehr. Die dortige Freiwillige Feuerwehr wurde aufgelöst, ein Teil der Hardter Feuerwehrmänner schloss sich der Dorstener Wehr an. Dadurch wuchs die Gesamtstärke auf rund 60 aktive Männer. Es entstanden zwei Löschzüge, die Organisation wurde weiter ausgebaut.
Der nächste große Sprung folgte 1926. Die Dorstener Feuerwehr erhielt ihre erste Motorspritze. Die Magirus-Motorspritze war teuer, leistungsstark und für die damalige Zeit eine kleine Revolution. Mit einer Förderleistung von rund 1000 Litern pro Minute veränderte sie die Brandbekämpfung grundlegend. Plötzlich musste Wasser nicht mehr nur mit reiner Muskelkraft bewegt werden. Die Technik wurde zum entscheidenden Helfer.

Ihre Feuertaufe bestand die Motorspritze beim Brand der Brennerei Tappehorn, dem späteren Hotel am Kamin. Dort war sie auch stationiert. In den Archivunterlagen findet sich zu dieser Zeit noch eine Anekdote, die bis heute Feuerwehrhumor atmet: Bei der feucht-fröhlichen Einweihung der neuen Technik soll der Brand des eigenen Feuerwehrgeräteschuppens erst recht spät bemerkt worden sein.
Als Dorsten zum Feuerwehrfest flaggte
1928 feierte die Freiwillige Feuerwehr Dorsten ihr 50-jähriges Bestehen. Schon damals war ein Feuerwehrjubiläum nicht nur eine interne Angelegenheit, sondern ein Stadtfest. Die Bürger wurden gebeten, die Häuser zu beflaggen. Im Lippetal wurde ein Festzelt aufgebaut. Es gab Konzerte, einen Zapfenstreich, Delegiertensitzungen, Festbälle, einen Parademarsch über den Marktplatz und eine Schulübung am Gymnasium.
Die Dorstener Volkszeitung begrüßte damals die auswärtigen Wehren in der „alten Lippestadt“ und schrieb, dass das Leben in den Straßen Dorstens stärker als sonst pulsieren werde. 58 Wehren sollten der Einladung folgen. Später ist sogar von rund 2000 Feuerwehrleuten die Rede, die zum Jubiläum in die Stadt kamen. Schon damals zeigte sich: Die Feuerwehr war in Dorsten tief verwurzelt.
Kurz darauf bekam die Wehr auch im Lippetal eine neue Heimat. 1928 wurde das Feuerwehrgerätehaus mit Brandsirene und Wohnungen für Feuerwehrleute fertiggestellt. 1929 wurde der Grundstein gelegt. Das Gebäude sollte über Jahrzehnte zum Mittelpunkt des Löschzuges werden. Von hier aus rückten Generationen von Feuerwehrleuten aus, hier wurde geübt, gefeiert, geplant und Kameradschaft gelebt.
Krieg, Verlust und mühsamer Neubeginn
Die Jahre des Zweiten Weltkrieges stellten die Feuerwehr vor besondere Herausforderungen. Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen, die Feuerwehr wurde in die Strukturen der Feuerschutzpolizei eingegliedert, Fahrzeuge wurden umlackiert, Einsatzbereitschaften mussten 24-Stunden-Dienste leisten. Die Bombenangriffe auf Städte und kriegswichtige Anlagen machten die Feuerwehrarbeit gefährlich und belastend.
Auch Dorsten blieb nicht verschont. Bei der Bombardierung der Altstadt im März 1945 wurde ein Teil des Gerätehauses im Lippetal getroffen. Durch den Treffer, durch Plünderungen und Beschlagnahmungen verschwanden das Löschfahrzeug und große Teile der Ausrüstung. Nach dem Krieg stand die Wehr praktisch vor einem Neubeginn.

1946 wurde kurzerhand ein Löschfahrzeug LF 25 mit defekter Pumpe und ausgeschlachteter Ausrüstung sichergestellt, um den Feuerschutz überhaupt wieder gewährleisten zu können. Es fehlte an Schläuchen, Geräten und Dienstkleidung. Sogar die Alarmierung war schwierig, weil die britische Militärregierung die Benutzung der Luftschutzsirenen untersagte. Stattdessen mussten zunächst Werkssirenen aushelfen.
Trotz allem ging es weiter. In den 1950er Jahren wurden Kriegsschäden am Gerätehaus beseitigt, Ausrüstung ergänzt und die Feuerwehr gewann Schritt für Schritt wieder an Stärke. Auch öffentlich zeigte sich die Wehr wieder. Bei Feuerschutzwochen spritzten die Feuerwehrleute mit zahlreichen Strahlrohren quer über den Marktplatz. Die Wasserstrahlen vereinigten sich zu Wasserspielen, die besonders im Sonnenlicht ein eindrucksvolles Bild abgegeben haben sollen.
Neue Fahrzeuge, neue Aufgaben
Die folgenden Jahrzehnte brachten immer neue Anforderungen. Aus der Brandbekämpfung wurde zunehmend technische Hilfeleistung. Verkehrsunfälle, Sturmschäden, Einsätze auf dem Kanal, Umweltschutz und viele weitere Aufgaben kamen hinzu. Mit jeder technischen Entwicklung veränderte sich auch die Feuerwehr.

1960 füllten sich die Hallen wieder mit modernerem Gerät. Später folgten weitere Fahrzeuge, darunter neue Löschfahrzeuge und Tanklöschfahrzeuge. 1973 sollte ein neues LF 8 übergeben werden. Doch der Tag wurde überschattet von einer schweren Eisenbahnkatastrophe in Marl-Sinsen, bei der auch die Altstadt-Wehr im Einsatz war.

1976 wurde das 100-jährige Bestehen gefeiert, wieder mit großem Festzelt und einem umfangreichen Programm. Die Feuerwehr blieb das, was sie immer gewesen war: Einsatzorganisation und Gemeinschaft zugleich.

1981 kam ein neues Magirus LF 16 TS hinzu. Weil das Fahrzeug nicht in die alte Halle passte, packten die Feuerwehrleute selbst mit an und bauten in Eigenleistung eine neue Halle. Die alte Halle wurde später zum Schulungsraum umgebaut. Bei diesen Arbeiten kam eine alte Wandmalerei von Fritz Kampmann zum Vorschein. Sie war einst zur Einweihung des Gerätehauses entstanden, später aber übertüncht worden. Auch das zeigt: In alten Feuerwehrhäusern steckt oft mehr Geschichte, als man auf den ersten Blick sieht.

Das Geheimnis unter dem Gerätehaus
Zu den besonderen Geschichten des Löschzuges gehört auch die Entdeckung eines alten Luftschutzbunkers im Lippetal. An einem warmen Übungsabend erzählte Löschzugführer a.D. Werner Kleinken den Kameraden von einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen Eingang längst verschüttet war. Was zunächst nach einer typischen Feuerwehrgeschichte klang, ließ die Runde nicht mehr los.
Noch am selben Abend holten die Feuerwehrleute Schaufeln. Nach einiger Zeit stießen sie tatsächlich auf Beton. Der Eingang war gefunden. Mit Taschenlampen stiegen einige Kameraden hinab. Unten standen sie in knöcheltiefem Wasser, sahen feuchte Wände, alte Rohre und Spuren einer längst vergangenen Zeit. Mitgenommen wurde nichts. Aus Respekt blieb alles an seinem Platz. Der Eingang wurde wieder verschlossen. Bis heute gehört diese Nacht zu den Geschichten, die man sich im Löschzug erzählt.

Eine Botschaft aus dem Jahr 1929
Eine weitere Zeitreise erlebte der Löschzug im Jahr 2010, als das alte Gerätehaus im Lippetal vor dem Abriss stand. Beim Ausräumen fiel der Blick auf den alten Grundstein im Schlauchturm. Schnell kam die Vermutung auf, dass sich darin eine Zeitkapsel befinden könnte.
Mit Hammer, Meißel und viel Geduld öffneten die Feuerwehrleute den Stein. Tatsächlich kam ein Hohlraum zum Vorschein. Darin lagen alte Münzen, die Scherben einer Flasche Korn und eine sorgfältig verschlossene Bleikapsel. Die Flasche war vermutlich durch den Druck einer Luftmine im Zweiten Weltkrieg zerborsten. Die Kapsel aber hatte überdauert.

In ihr fanden die Feuerwehrleute Dokumente, Bilder und eine Urkunde aus dem Jahr 1929. Die Kameraden von damals hatten festgehalten, wer beim Bau des Gerätehauses Verantwortung trug, wer die Wehr führte und wer an der Grundsteinlegung beteiligt war. Auch die Namen der Handwerker und Feuerwehrleute wurden bewahrt. Für einen Moment standen die Feuerwehrleute von 2010 ihren Vorgängern von 1929 ganz nahe.

Das alte Gerätehaus war damit mehr als nur ein Gebäude. Es war ein Speicher von Erinnerungen, ein Ort der Gemeinschaft und ein Stück Dorstener Stadtgeschichte.
Heute: moderne Technik, alte Tugenden
Heute ist der Löschzug Altstadt ein fester Bestandteil der Freiwilligen Feuerwehr Dorsten. Die Fahrzeuge sind moderner, die Technik ist leistungsfähiger, die Ausbildung umfangreicher. Aus Ledereimern sind Schläuche, Pumpen, Atemschutzgeräte, Funktechnik und Spezialausrüstung geworden. Aus dem Wecken, der Sirene und der handbetriebenen Alarmierung wurden digitale Meldeempfänger.

Doch der Kern ist derselbe geblieben. Wenn der Alarm kommt, machen sich Menschen auf den Weg, um anderen zu helfen. Sie verlassen den Arbeitsplatz, den Esstisch, das Familienfest oder die Nachtruhe. Sie tun das freiwillig, gut ausgebildet und mit einem Verantwortungsgefühl, das seit 150 Jahren weitergegeben wird.
Dabei ist Feuerwehr längst mehr als das Löschen von Bränden. Es geht um technische Hilfe, um Rettung, um Sicherung, um Ausbildung, um Nachwuchsarbeit und um Verlässlichkeit. Es geht aber auch um Kameradschaft. Viele Familien sind seit Generationen mit dem Löschzug verbunden. Aus Vätern wurden Söhne, inzwischen engagieren sich selbstverständlich auch Frauen in der Feuerwehr. Die Jugendfeuerwehr sorgt dafür, dass junge Menschen früh Verantwortung, Teamarbeit und den Umgang mit moderner Technik lernen.

Großes Fest am Lippetal
Das Jubiläum am 27. und 28. Juni 2026 ist deshalb mehr als ein Blick zurück. Es ist ein Dank an alle, die diesen Löschzug geprägt haben, und eine Einladung an die Bürger, ihre Feuerwehr aus nächster Nähe zu erleben.
Am Samstag, 27. Juni, beginnt das Fest ab 13 Uhr mit dem Kübelspritzenpokal der Feuerwehr Dorsten. Am Sonntag, 28. Juni, folgt ab 11 Uhr der große Familientag am Gerätehaus des Löschzuges Altstadt, Lippetal 19. Geplant sind Frühschoppen, Blaulichtmeile, Hüpfburg, Kuchentheke und viele weitere Angebote.
So schließt sich an diesem Wochenende ein Kreis. Dort, wo schon vor fast 100 Jahren Feuerwehrgeschichte geschrieben wurde, feiert der Löschzug Altstadt nun 150 Jahre Dienst an der Gemeinschaft. Vom Löscheimer vor der Haustür bis zur modernen Feuerwehrtechnik war es ein langer Weg. Geblieben ist der alte Gedanke, der über Generationen getragen wurde: Menschen helfen Menschen.
Oder, wie es der traditionelle Wahlspruch der Feuerwehr ausdrückt: Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr.
Programm: Jubiläumsfest 150 Jahre Löschzug Altstadt
Samstag, 27. Juni 2026
Ab 13 Uhr: Kübelspritzenpokal der Feuerwehr Dorsten
Sonntag, 28. Juni 2026
Ab 11 Uhr: Familientag mit Frühschoppen, Blaulichtmeile, Hüpfburg, Kuchentheke und weiteren Angeboten
Ort: Gerätehaus Löschzug Altstadt, Lippetal 19















