Ein halbes Jahrhundert nach der kommunalen Neuordnung ist die Geschichte Wulfens noch längst nicht vergessen. Beim Zeitzeugennachmittag im Hotel Humbert wurde am Wochenende deutlich, wie präsent die Ereignisse rund um die Eingemeindung bis heute sind.
Zahlreiche Besucher waren gekommen, um sich an die frühen 1970er-Jahre zu erinnern – eine Zeit, in der in Wulfen intensiv über die eigene Zukunft diskutiert wurde.
Durch die Veranstaltung führte Max Schürmann, der die damaligen Entwicklungen anhand von Dokumenten, Protokollen und Präsentationen einordnete und für das Publikum aufbereitete.
Politischer Kampf um die Zukunft Wulfens
Im Mittelpunkt des Nachmittags stand die zentrale Frage jener Jahre: Sollte Wulfen eigenständig bleiben oder Teil der Stadt Dorsten werden? Schürmann machte deutlich, wie groß der Einsatz der lokalen Politik damals war:
„Das hat sehr viel Energie gekostet für die Lokalpolitiker, nebenbei zu verhindern, dass man Teil der Stadt Dorsten wird.“
Die Gemeinderatssitzung fanden in kurzen Abständen statt, teils im Zwei-Wochen-Rhytmus. Neben alltäglichen Entscheidungen zur Ortsentwicklung – etwa Schulgründungen oder Infrastrukturfragen – beschäftigte die Politiker vor allem die drohende Gebietsreform.
Ein bemerkenswerter Punkt: CDU, SPD und FDP verfolgten in dieser Frage weitgehend ein gemeinsames Ziel. Sie wollten die Eigenständigkeit Wulfens erhalten. Diskutiert wurden sogar mögliche Zusammenschlüsse mit Nachbarorten wie Lembeck oder Erweiterungen durch angrenzende Gebiete.
Doch diese Pläne scheiterten – insbesondere, weil Lembeck sich gegen eine gemeinsame Lösung entschied.
Starke Unterstützung aus der Bevölkerung
Auch in der Bevölkerung war das Thema allgegenwärtig. Bürgerinitiativen organisierten Aktionen, Informationsveranstaltungen und Umfragen. Das Ergebnis war eindeutig: Eine große Mehrheit sprach sich für die Eigenständigkeit aus.
„Über 90 Prozent wollen, dass Wulfen eigenständig bleibt.“
Dabei ging es vielen nicht darum, Fortschritt zu verhindern – im Gegenteil. Die Entwicklung der „Neustadt Wulfen“ galt als zukunftsweisendes Projekt. Entscheidend war vielmehr der Wunsch, die Entwicklung vor Ort selbst gestalten zu können.
Landespolitik setzte sich durch
Trotz des breiten Widerstands vor Ort setzte sich letztlich die Landesregierung Nordrhein-Westfalen durch. Ziel der Gebietsreform war eine effizientere und leistungsfähigere Verwaltungsstruktur.
Aus Sicht des Landes hätte eine eigenständige Gemeinde Wulfen langfristig Schwierigkeiten gehabt, eine funktionierende Verwaltung aufrechtzuerhalten. Zudem wollte man Konkurrenzsituationen zur Stadt Dorsten vermeiden.
1975 wurde Wulfen schließlich eingemeindet – ein einschneidender Schritt, der bis heute nachwirkt.
Ein Blick zurück: Der letzte Gemeinderat
Besonders eindrücklich war der Blick auf das Protokoll der letzten Gemeinderatssitzung am 27. Dezember 1974, die ebenfalls im Hotel Humbert stattfand.
Damals wurden die Ratsmitglieder offiziell verabschiedet – ein historischer Moment, der das Ende der kommunalen Eigenständigkeit markiert.
Mit einer kleinen Quizfrage lockerte Schürmann den Rückblick auf: Welche Entscheidung wurde im Jahr 1973 tatsächlich getroffen?
Viele vermuteten große politische Beschlüsse – tatsächlich ging es jedoch um eine vergleichsweise alltägliche Maßnahme: eine beheizte Fußgängerbrücke in Barkenberg, die im Winter Schnee- und eisfrei bleiben sollte. Ein Beispiel dafür, wie konkret und praxisnah Kommunalpolitik damals war.
Engagement des Heimatvereins
Ergänzt wurde die Veranstaltung durch die Geschichtsgruppe des Heimatvereins Wulfen, die mit einem Informationsstand vertreten war.
Mit Büchern, Broschüren und historischen Materialien boten die Mitglieder den Besuchern zusätzliche Einblicke in die Entwicklung des Ortes. Viele nutzten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch – auch eigene Erinnerungen wurden geteilt.
Geschichte, die bis heute nachwirkt
Der Zeitzeugennachmittag zeigte eindrucksvoll, dass die Ereignisse von damals noch immer eine Rolle spielen.
Die Frage nach Identität, Selbstständigkeit und Entwicklung ist für die Wulfener auch 50 Jahre später noch präsent.


































