Nach vielen Jahren im eigenen Laden hat Martin Schwenk „Lotto Tabak Presse Schwenk“ in Dorsten verkauft. Für den 34-Jährigen endet damit ein Lebensabschnitt, der schon in seiner Kindheit begann.
Als Dorsten-Online Martin Schwenk erreicht, steht er gerade im Garten. Er arbeitet draußen, hat Zeit, atmet durch. Es erzählt viel über diesen neuen Abschnitt in seinem Leben. Denn genau diese Zeit für sich, für die Familie und für ganz normale Dinge hatte der 34-Jährige in den vergangenen Jahren kaum noch.
Zum 1. Juni 2026 hat Martin Schwenk sein Ladengeschäft Lotto Tabak Presse Schwenk in Dorsten verkauft. Für viele Kunden war das eine Nachricht, die überraschte. Für Schwenk selbst war es eine Entscheidung, die lange in ihm gereift ist und ihm trotzdem schwerfiel.
„Ich bin in Lottogeschäften aufgewachsen, habe dort meine Hausaufgaben gemacht“, sagt er. Der Laden war für ihn nie einfach nur ein Geschäft. Er war Familiengeschichte, Alltag, Verantwortung und ein Stück Heimat.
Eine Familiengeschichte seit den 1960er-Jahren
Die Geschichte der Familie Schwenk im Lotto- und Pressegeschäft reicht weit zurück. Bereits seit den 1960er-Jahren führte die Familie ein Lottogeschäft. Zunächst waren es die Großeltern, ab 1989 übernahmen Martins Eltern die Geschäfte.
Im Jahr 2000 eröffneten seine Eltern das erste Geschäft in Dorsten. Martin war damals neun Jahre alt. Später kam 2009 die Postfiliale an der Essener Straße in der Dorstener Innenstadt hinzu. Der Laden wurde für viele Kunden zur vertrauten Anlaufstelle: Lotto, Tabak, Presse, Post, kurze Gespräche am Tresen, kleine Alltagsgeschichten.
2015 starb Martins Vater nach schwerer Krankheit. Ein Jahr später übernahm Martin Schwenk die Verantwortung für das Familienunternehmen. Damals war er noch jung, aber die Aufgabe war groß. 2016 eröffnete er zusätzlich eine weitere Filiale in der oberen Ladenzeile der Mercaden, neben Kaufland.
Was nach Unternehmergeist und Mut klingt, bedeutete im Alltag vor allem eines: sehr viel Arbeit.
„Man arbeitet selbst und ständig“
„Man arbeitet selbst und ständig“, sagt Martin Schwenk über die Selbstständigkeit. Für ihn war das keine Floskel, sondern Alltag. 60 bis 70 Stunden Arbeit pro Woche seien normal gewesen. Dazu kamen ständige Abrufbarkeit, Verantwortung für das Geschäft, die Mitarbeiter und die Kunden.
„Man ist ständig auf Arbeit, egal ob physisch oder gedanklich“, beschreibt er diese Zeit. Auch wenn er nicht im Laden stand, war der Laden im Kopf immer dabei.
Mit der Gründung seiner eigenen Familie wurde die Belastung größer. Als 2020 seine erste Tochter geboren wurde, merkte Schwenk immer deutlicher, dass sich etwas ändern musste. Zwei Jahre später gab er die Filiale in den Mercaden auf. „Ich wollte auch für meine Tochter da sein“, sagt er. Damals habe er gehofft, dass es mit einem Laden weniger vielleicht besser funktionieren könnte.
Doch die Entlastung reichte nicht. Inzwischen sind noch Zwillinge hinzugekommen. Drei kleine Kinder, ein Geschäft, zwei Mitarbeiter, viele Verpflichtungen und kaum echte Pausen: Irgendwann wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte.
Der Tod der Mutter machte die Entscheidung konkret
Im Frühjahr starb auch Martins Mutter. Der Gedanke, den er schon länger mit sich trug, wurde danach endgültig konkret. „Ich wusste, ich ziehe das jetzt durch“, sagt er.
Seine Frau wusste, wie schwer ihm diese Entscheidung fiel. Sie unterstützte ihn aber dabei. Heute ist auch sie froh, dass der stressige Alltag der Selbstständigkeit vorbei ist.
In einem Facebook-Posting wandte sich Martin Schwenk Ende Mai an Kunden, Freunde und Wegbegleiter. Er schrieb von einem lachenden und einem weinenden Auge, von massivem Dauerstress, von Gesundheit und Familie. Er stellte zugleich klar, dass er im Guten gehe und sich in seiner Zeit als Chef nichts habe zuschulden kommen lassen. Vor allem aber sagte er Danke: für die Treue, die Gespräche am Tresen, das Vertrauen und die vielen gemeinsamen Momente.

Die Nachfolge war ihm wichtig
Seit dem Frühjahr suchte Schwenk nach einer passenden Käuferin für das Geschäft. Über einen Bekannten, der einen Kiosk an der Klosterstraße führt, kam der Kontakt zu dessen Schwester zustande. Seit dem 1. Juni führt nun Slivya Al-Ali, Mitte 20, den Laden weiter.
Ein Punkt war Martin Schwenk dabei besonders wichtig: „Sie hat auch die beiden Mitarbeiter übernommen“, sagt er. Das habe ihm viel bedeutet. Er wollte nicht einfach von einem Tag auf den anderen verschwinden, sondern eine saubere Lösung finden. Für die Kunden, für die Mitarbeiter und auch für sich selbst.
Der letzte Tag im Laden war entsprechend emotional. „Ich habe am Ende wie immer abgeschlossen und dann den Schlüssel überreicht“, erinnert er sich. Ein ganz normaler Handgriff, wie er ihn unzählige Male gemacht hatte. Und doch war diesmal alles anders. Mit dem Schlüssel gab er nicht nur ein Geschäft ab, sondern auch einen Lebensabschnitt, der seit seiner Kindheit zu ihm gehörte.
Zum ersten Mal die Tochter zum Kindergarten gebracht
Als Dorsten-Online mit ihm spricht, klingt Martin Schwenk erleichtert. Nicht euphorisch, nicht achtlos gegenüber dem, was hinter ihm liegt, sondern ruhig und dankbar. „Mir geht es sehr gut“, sagt er. „Ich nehme mir jetzt erst einmal einen Monat Zeit für meine Familie.“
Einen Moment erwähnt er besonders. Zum ersten Mal konnte er seine Tochter zum Kindergarten bringen. „Bisher hatte ich das nie geschafft“, sagt er. Es ist ein Satz, der zeigt, warum diese Entscheidung für ihn so wichtig war.
Ab Juli beginnt Martin Schwenk einen neuen Job als leitender Angestellter. Als Gebietsleiter im Außendienst wird er künftig unter anderem Raucherbedarf an Lottoläden und Kioske vermitteln. Er bleibt der Branche also verbunden, nur eben auf der anderen Seite des Tresens.
Ganz verschwinden wird er aus Dorsten deshalb nicht. „Auch in meinem neuen Beruf wird mich mein Weg bestimmt alle paar Wochen nach Dorsten führen“, sagt Schwenk.
Für ihn bedeutet der Wechsel trotzdem vor allem eines: feste Arbeitszeiten, freie Wochenenden, ein festes Gehalt und mehr Zeit für seine Familie.
Dank an die Kunden
Besonders gefreut haben Martin Schwenk die vielen persönlichen Nachrichten, die ihn nach seiner Ankündigung erreicht haben. Viele alte Kunden wünschten ihm alles Gute für die Zukunft. Für ihn ist das ein Zeichen, dass die Verbindung über all die Jahre mehr war als nur ein kurzer Einkauf am Tresen.
„Ich bin froh, dass man im Guten auseinandergeht“, sagt er. Genau so wollte er diesen Schritt gehen: offen, ehrlich und mit Respekt vor der gemeinsamen Zeit.
Auch nach dem Verkauf bleibt der Standort an der Essener Straße bestehen. Für Martin Schwenk endet dort ein prägender Lebensabschnitt. Zugleich beginnt ein neuer: mit weniger Dauerstress, weniger ständiger Abrufbarkeit und mehr Zeit für das, was ihm jetzt am wichtigsten ist: seine Familie und seine Gesundheit.




























