Kindergeschichte: Sami, der Schmetterlings-Opa, erzählt seine Geschichte weiter

Illustration: Claudia Esser

„Opa, Opa, erzähl‘ uns doch bitte die Geschichte von dir und Oma weiter“, rufen Samis hunderte kleine Enkelkinder durcheinander. Sie sitzen gemütlich in einer großen kuscheligen Blume und warten darauf, dass sich Sami, der Schmetterlings-Opa mit den grauen Fühlern, den vielen, vielen Falten in seinen Flügeln und mit der lustigen Brille zu ihnen setzt.  

Nun hören sie der spannenden Geschichte zu, wie ihr Opa und Seta, die Schmetterlings-Oma, die so laut und lange lachen kann, Eltern wurden. Sie kennen sie, aber sie hören ihrem Opa immer noch sehr gerne zu. 

Nachdem eure Großmutter mich aus Versehen fast von der Blume gestoßen hat, verliebten wir uns ineinander und verbrachten seitdem jede freie Minute miteinander. Eines Tages zog sie mich an meinem Flügel zu sich und lächelte mir zu: „Sami komm‘, ich muss dir etwas zeigen.“ Sie deutete dabei auf einen Ast. Ich sah aber nur Blätter, viele Blätter, sonst nichts. „Was ist denn da Seta?“, fragte ich. „Na sieh‘ doch mal genauer unter den Ast“, stupste sie mich freundlich an.  

Und dann sah ich eure Eltern zum ersten Mal. Damals lebten sie aber noch in den vielen, vielen kleinen weißen Eiern, die eure Oma an den Ast geklebt hatte. „Ich werde Papa“, dachte ich. „Ich werde Papa“, rief ich. „Ich werde Papa“, schrie ich voller Stolz in die Welt, sodass es jeder hören konnte. „Pssssttt Sami, sei doch bitte nicht so laut, du erschreckst ja unsere Kleinen“, tadelte mich sofort eure Oma.  

Ich ließ eure Eltern nicht mehr aus den Augen. Ich scheuchte jeden weg, der ihnen zu nahekommen wollte. Und selbst wenn ich schlief, hatte ich sie mit einem Auge immer im Blick.  

Eines Morgens sah ich eine Bewegung in den vielen Eiern. Aus jedem Ei schlüpfte eine kleine, bunt gestreifte Raupe. Sofort haben alle angefangen, sämtliche Blätter, an die sie herankamen, zu essen. Tagelang, ohne Pause haben sie nur gegessen und gegessen und gegessen. Ich hatte große Sorge, dass sie bald nicht mehr satt werden würden. Aber dann, von jetzt auf gleich, haben meine wunderschönen Raupen aufgehört, die Blätter zu essen. Sie haben sich sofort alle mit dünnen, weißen Fäden eingesponnen. Woher sie das konnten, das weiß ich nicht, denn ich habe es ihnen ja nicht beigebracht.  

Lange Zeit war es ganz, ganz still. Es passierte nichts in den dünnen Fäden, die wie Mäntel aussahen. Doch eines Tages konnte ich durch die Wand der Fäden deutlich das Muster, das wir alle haben, auf den Schmetterlingsflügel erkennen. Bald darauf bewegte sich etwas in den Mänteln, die auch Puppen genannt werden. 
„Seta, Seta komm schnell. Sieh‘ dir an, was mit unseren Kindern passiert“, rief ich aufgeregt. „Das ist normal, Sami“, beruhigte mich eure Oma. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass sich die bunten Raupen eines Tages in wunderschöne Schmetterlinge verwandeln werden. Ich sah, wie die Mäntel, in den sie sich eingesponnen haben und die sie die ganze Zeit über beschützten, plötzlich aufplatzten und aus jeder Hülle ein kleiner Schmetterling schlüpfte. Ganz still klammerten sie sich mit ihren dünnen Beinchen kopfüber an die Äste. Meine Schmetterlingskinder mussten sich erst einmal ausruhen. Schlüpfen ist nämlich sehr anstrengend. Sie bewegten sich nicht und ich dachte schon, sie hätten sich verletzt. 
Doch dann öffneten sie ihre Flügel und endlich war er da, der Moment, an dem hundert kleine Schmetterlinge durch die Sommerluft tanzten.