Über die Schwierigkeiten eines gleichgeschlechtlichen Paares, ein Kind zu bekommen

Mami und Mama. Auf den ersten Blick sieht Marie Klinge aus Dorsten aus, wie eine ganz normale schwangere Frau aus. Auf den zweiten Blick auch und auf dem dritten immer noch. Allerdings sieht es so nicht jeder.

Marie bringt die besten Voraussetzungen für eine Schwangerschaft mit: Sie ist im besten Alter, ist gesund, hat einen festen Beruf und ist seit Mitte Juli mit ihrer großen Liebe Jenny verheiratet.

So weit, so normal. Allerdings war es bis zur Schwangerschaft für beide ein langer, emotionaler und auch kostspieliger Weg, denn das deutsche Recht, die Kirche und die Krankenkassen haben ihre eigene Auffassung davon, wie eine Familie auszusehen hat. „Dass es auch heutzutage immer noch nicht ganz einfach ist, als gleichgeschlechtliches Paar zu leben, das wussten wir“, meinen beide unisono, „aber, dass wir so viele Mühen auf uns nehmen mussten, das haben wir nicht geahnt.“

Der lange Weg zur Schwangerschaft

Seit drei Jahren sind Marie und Jenny Klinge nun zusammen und für beide stand schon früh fest, dass sie eine Familie mit ein oder zwei Kindern sein wollten. Da dies ohne direkte Beteiligung eines Mannes nun mal nicht möglich ist, entschlossen sich beide zu der Methode der künstlichen Befruchtung. Zahlreiche Gesetze und Vorschriften machten die Suche nach einem Arzt oder einer Klinik in Deutschland jedoch fast aussichtslos.

So zahlt die Krankenkasse beispielsweise bei unverheirateten Paaren nur die Kosten der künstlichen Befruchtung (Insemination) für die Samenspende vom jeweiligen Partner. Somit ist also ein lesbisches Paar von vorneherein ausgeschlossen. Aber selbst wenn die beiden Barkenbergerinnen die Behandlung selbst gezahlt hätten, es finden sich kaum ein Arzt oder eine Samenbank, die sie bei unverheirateten lesbischen Paaren durchführen.

Kliniken in Dänemark

Marie und Jenny Klinge informierten sich daher in diversen Börsen im Netz und waren dort auf der Suche nach einem Spender. Aber ihre Ärzte rieten ihnen davon ab. „Sie hatten ja absolut recht, wir wissen ja nie, an wen wir geraten oder ob derjenige gesund ist. Also haben wir uns auf die Suche nach einer Klinik in Dänemark gemacht“, erklärt die werdende Mutter.

Jenny und Marie Klinge werden nächstes Jahr Mama und Mami.

Immer auf dem Sprung, wenn das Ei auch so weit war, immer den Druck im Nacken, dass es jetzt endlich klappen muss und immer mit dem Wissen, dass Familie, Freunde und Arbeitgeber positive Nachrichten hören wollten. „Doch dann kam Corona und die Grenzen waren dicht. Marie konnte endlich wieder durchatmen. Es war für sie nach dem vierten Versuch emotional zu viel und so haben wir eine Zwangspause eingelegt“, erklärt Jenny. „Zum Glück, denn wir waren wirklich ganz kurz davor aufzugeben“, ergänzt Marie.

Die Behandlung kostet Mami und Mama Geld und auch Nerven

Abgesehen vom emotionalen Stress kostet jeder Versuch auch ziemlich viel Geld. „Wir mussten zum Schluss 1200 Euro für eine einzige Behandlung zahlen. Es kamen aber auch noch die Fahrten und die Unterkünfte dazu und wir mussten uns jeweils zwei Tage Urlaub nehmen. Und das insgesamt fünfmal.“ Seit Juli sind sie nun verheiratet und somit hätte jetzt zumindest eine Klinik in Essen die künstliche Befruchtung vorgenommen, „aber jetzt brauchen wir sie vorerst ja nicht mehr“, strahlen die werdenden Eltern. „Marie ist die Mami und Jenny ist die Mama“, haben die zwei Mütter bereits entschieden.

Aber ihr steiniger Weg ist noch nicht zu Ende. Mutter ist per Gesetz immer diejenige, die das Kind zur Welt bringt. Bei Hetero-Paaren erkennt der Mann kurz und schmerzlos die Vaterschaft an. Jenny dagegen muss dafür kämpfen, dass sie später das Kind adoptieren darf, dass sie dieselben Rechte hat wie Marie. Zwei psychologische Gutachten, ein polizeiliches Führungszeugnis, Einblicke in meine Einkünfte und auch noch Kontrollen von Mitarbeitern des Jugendamtes, wie ich mit unserem Baby umgehe, all das werde ich mir gefallen lassen müssen“, ärgert sich Jenny Klinge zu Recht.

Mami und Mama: „Traut euch!“

Den beiden wurde bisher auf ihrem gemeinsamen Weg nichts geschenkt, aber das hat ihre Beziehung nur gefestigt. Eine kirchliche Hochzeit wurde ihnen von der katholischen Kirche verwehrt. Allenfalls wäre eine Segnung möglich gewesen, wenn sie einen Pastor gefunden hätten, der dazu bereit gewesen wäre. Auch ihr Kind erhält später nicht das Sakrament der katholischen Taufe.

„Traut euch! Traut euch im doppelten Sinne des Wortes“, ist daher Maries und Jennys Appell an andere Homo-Paare. „Der Weg ist nicht einfach, aber er ist in einer guten Partnerschaft machbar.“ Es wird Zeit, dass ein Umdenken in den Köpfen vieler Verantwortlicher beginnt und gleichgeschlechtliche Ehen mit denselben Rechten ausgestattet werden wie Ehen mit Partnern unterschiedlichen Geschlechts. Dieselben Pflichten haben sie ja bereits.

Um Ostern herum wird die kleine Familie um einen Mitbewohner reicher sein. So wie es aussieht, ist es ein Junge. Felix soll er heißen, Felix, der Glückliche. Kann er als absolutes Wunschkind, hineingeboren in eine glückliche Familie, einen noch passenderen Namen tragen?

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André Elschenbroich
Moin, ich bin André Elschenbroich. Vielen bekannt unter dem Namen Elsch. Der Eine oder Andere verbindet mich noch mit der WAZ, bei der ich 1988 als freiberuflicher Fotojournalist anfing und bis zur Schließung 2013 blieb. Darüber hinaus war ich in ganz Dorsten und der Region gleichzeitig auch für den Stadtspiegel unterwegs. Nachdem die WAZ dicht machte, habe ich es in anderen Städten versucht, doch es war nicht mehr dasselbe. In über 25 Jahren sind mir Dorsten, Schermbeck und Raesfeld mit ihren Menschen ans Herz gewachsen. Als gebürtiger Dorstener Junge merkte ich schnell: Ich möchte nirgendwo anders hin. Hier ist meine Heimat – und so freut es mich, dass ich jetzt als festangestellter Reporter die Heimatmedien mit multimedialen Inhalten aus unserer Heimat bereichern kann.

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