Neulich habe ich Rottweil, die älteste Stadt Baden-Württembergs besucht. Sie hat nicht nur eine wunderschöne historische Altstadt, sondern auch einer robusten Hunderasse ihren Namen gegeben. Allerdings war ich doch sehr erleichtert festzustellen, dass nicht alle Rottweiler einen dicken Kopf und triefende Lefzen haben, sondern sehr herzliche und durchaus nett ausschauende Zeitgenossen sind.
Mit Deutschlands höchster Aussichtsplattform in 232 Meter Höhe und der längsten Hängebrücke Süddeutschlands (606 m lang) hat die Stadt am Neckar echte Highlights zu bieten. Da ich aber als bekennende „Trümmerfrau“ lieber in die Geschichte abtauche, führte mich mein Weg zuallererst in Rottweils Römerzeit, die in der Abteilung „area flaviae“ des Dominikanermuseum „ausgestellt“ ist. Herzstück ist das prächtige Orpheus-Mosaik, das den thrakischen Sänger Orpheus zeigt, wie er Tiere und Pflanzen bezaubert – und heute auch noch die vielen Besucher, die staunend diese antike Kostbarkeit bewundern.
Starke Nerven gefragt
Die Sammlung sakraler Kunst des Mittelalters ein Stockwerk höher erfordert jedoch starke Nerven: Da ist beispielsweise eine Statue der heiligen Agatha von Catania zu sehen, vor sich ein Buch, auf dem ihre beiden Brüste liegen. Wer ihre Leidens-Legende dazu liest, der erfährt, dass der römische Stadthalter Quintinian ihr beide Brüste hat abschneiden lassen aus Zorn darüber, dass die gottgeweihte Jungfrau seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Jetzt kann man sich selbst zusammenreimen, welches Martyrium der heilige Bartholomäus durchlitten haben muss, der als Attribute ein Messer und seine abgezogene Haut über dem Arm trägt …
Ehrlich gesagt, konnte ich mich als Protestantin mit Heiligen noch nie so richtig anfreunden. Obwohl ich durchaus zugebe, dass ihre blutrünstigen Foltergeschichten in Zeiten noch nicht erfundener elektronischer Kommunikationsmittel vor flackerndem Kaminfeuer durchaus ihre Faszination entfalten konnten.
Ein weiterer Vorteil von Heiligen ist, dass man ihretwegen Namenstag feiern kann. Ich erinnere mich gut, dass mein Sohn damals genauso wie seine katholischen Schulfreunde Namenstag haben wollte. Da er keinen Heiligen Lennart ausfindig machen konnte, fügte er sich einem Kompromiss: „Na gut. Dann nehme ich eben den Leonhard!“
Im Buch der Heiligen fanden wir gleich zwei Männer dieses Namens: Der eine ein Missionar und Apostel Italiens, der andere ein Einsiedler und Schutzpatron der Gefangenen. „Man sagt, wenn Gefangene im Kerker den Namen Leonhards gerufen hätten, seien die Ketten von ihnen abgefallen“, las ich meinem begeisterten Sohn vor, der ohne Zögern seine Wahl traf: „Ich nehme den mit den Ketten!“
Wenn Ihr also demnächst eine Heiligenfigur mit einer zerbrochenen Kette am Arm entdeckt, dann wisst Ihr nun, mit wem Ihr es zu tun habt.




























