Am vergangenen Donnerstag versammelten sich Bürger in der Gnadenkirche in Dorsten-Wulfen zum zweiten Dorstener Bürgergespräch. Organisiert von VEST ERLEBEN, Sparkasse Vest, Diakonischen Werk Recklinghausen und der Stadt Dorsten bot die Veranstaltung unter dem Titel „Deutschland 2024 – leben wir in ‚irgendwie anstrengenden‘ Zeiten?“ eine Plattform, um über die zunehmende Aufregungs- und Empörungskultur in der Gesellschaft zu diskutieren. Ziel war es, gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln und Wege für ein besseres Miteinander aufzuzeigen.
Runde 1: Aufregungskultur und Herausforderungen für Einsatzkräfte
Den Auftakt zum Bürgergespräch machte Polizeidirektor Daniel Süling mit einem nachdenklichen Einblick in die Herausforderungen seines Berufsalltags: „Wir erleben eine Gesellschaft, die immer ungeduldiger wird. Der Ton ist rauer, und das spüren wir als Einsatzkräfte besonders. Aber ich sage immer wieder: Wir dürfen nicht nur reagieren, sondern müssen auch den Dialog suchen, bevor Konflikte eskalieren.“

Ein zentraler Punkt waren die erschreckend hohen Angriffe auf Polizeibeamte. „46.000 Angriffe allein in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr – das ist eine Entwicklung, die uns alle alarmieren muss,“ mahnte Süling.
Gleichzeitig berichtete er beim Bürgergespräch von den Maßnahmen, die die Polizei ergreift, um sich diesen Herausforderungen zu stellen. „Kommunikation ist unser stärkstes Werkzeug. Wir trainieren nicht nur den Umgang mit Gewalt, sondern auch, wie wir durch gezielte Ansprache deeskalieren können. Und ja, manchmal hilft auch der Einsatz von Tasern, wobei diese in über 90 Prozent der Fälle nur angedroht werden müssen.“
Nina Laubenthal, Erste Beigeordnete der Stadt Dorsten, ergänzte zum Bürgergespräch: „Auch in der Verwaltung spüren wir, dass der Umgangston härter geworden ist. Unsere Rettungskräfte sind immer häufiger Beleidigungen und Übergriffen ausgesetzt. Nach Corona hat sich das verstärkt. Es ist unsere Aufgabe, diesen Menschen den Rücken zu stärken.“
Besonders betonte sie die Rolle von Ehrenamt und Familie: „Ohne die Unterstützung der Familien könnten viele Ehrenamtliche ihre wertvolle Arbeit nicht leisten. Dafür verdienen sie unseren größten Respekt.“

Runde 2: Prävention, Bildung und interkultureller Dialog
In der zweiten Gesprächsrunde wurden praxisnahe Ansätze zur Gewaltprävention und zum Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen vorgestellt. Christiane Timmer stv. Vorstandsmitglied von der Sparkasse schilderte eindringlich die Realität im Kundenkontakt:
„Es gibt Tage, da denken Sie: ‚Was ist nur los?‘ Menschen werden lauter, aggressiver – gerade, wenn es ums Geld geht. Doch wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Unsere Grundsatzklärung gegen Gewalt zeigt, dass wir klare Grenzen ziehen.“

Dr. Dietmar Kehlbreier vom Diakonischen Werk hob die Bedeutung des „BEO-Programms“ beim Bürgergespräch hervor, das auf die Sicherheit von Mitarbeitenden und Bewohnern abzielt: „Beobachten, Einfühlen, Orientierung geben – das klingt simpel, aber es erfordert höchste Achtsamkeit. Es hilft uns, Eskalationen frühzeitig zu erkennen und abzufangen.“
Ein besonders bewegender Moment war die Rede von Ronja Pischny beim Bürgergespräch, Kassiererin bei der Sparkasse. Sie berichtete von einem Vorfall, bei dem sie einem aggressiven Kunden gegenüberstand:
„Es war schwierig, ruhig zu bleiben, aber mein Team stand hinter mir. Dieses Gefühl der Unterstützung ist unbezahlbar. Wir sind wie eine Familie – das macht uns stark.“
Kathrin Boldrew, Fachbereichsleiterin für Bildung und Prävention sowie ausgebildete Anti-Gewalt- und Deeskalationstrainerin bei PlanB Ruhr, betonte abschließend: „Es ist entscheidend, den Selbstwert und die Selbstliebe bei Kindern zu stärken. Nur so können wir sie widerstandsfähig gegen Hass und Hetze machen.“ Sie appellierte eindringlich daran, die junge Generation in den Fokus zu rücken: „Kinder sind unsere Zukunft!“
Gemeinsam für eine Kultur der Wertschätzung beim Bürgergespräch
Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig eine neue Wertschätzungskultur für die Gesellschaft ist. Chefredakteur Stefan Prott fasste es zum Abschluss im persönlichen Gespräch treffend zusammen:
„Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle eine Verantwortung tragen – sei es im Beruf, im Ehrenamt oder in der Familie. Wenn wir uns mit Respekt begegnen und den Dialog suchen, schaffen wir den Raum für ein besseres Miteinander.“

In der Pause, begleitet von Flammkuchen und lebhaften Gesprächen, hatten die Gäste Gelegenheit, sich auszutauschen. „Das ist genau das, was wir brauchen: Begegnung und Dialog auf Augenhöhe,“ sagte eine Teilnehmerin.




























