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Simon Mehling: Verwandelt Fundstücke in Kunst

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Simon Mehling beim Aufbau seiner Ausstellung. Foto: Alexander Fichtner

Der Wuppertaler Künstler Simon Mehling zeigt in der Tisa-Stiftung Dorsten vom 22 Juni bis zum 31 August seine Ausstellung „Geländeinspektion“. Eröffnung: Samstag, 21. Juni 2025, 17:00 Uhr. Ein Gespräch über gefundene Materialien, Statik und die Romantisierung des Industrieerbes.

Die Sonne brennt auf das Gelände der Tisa-Stiftung in Dorsten, als Simon Mehling die letzten Handgriffe an seiner Skulptur vornimmt. Metallrohre, Holzplanken und Planen fügen sich zu einer eigenwilligen Konstruktion zusammen, die mit dem nahegelegenen Förderturm zu korrespondieren scheint. „Ich bin froh, wenn es steht“, sagt der 29-jährige Künstler und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

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Beim Betrachten des Werks entdeckt man die Auseinandersetzung mit dem Ort. Foto: Alexander Fichtner

Seine Ausstellung „Geländeinspektion“ zeigt zwei großformatige Skulpturen und zwölf Zeichnungen im Innen- und Außenbereich der Stiftung. Was auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Bauschrott wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als durchdachte künstlerische Auseinandersetzung mit Materialität, Nachhaltigkeit und dem Umgang mit Ressourcen.

Kunst aus dem Straßengraben

„Ich arbeite nur mit gebrauchten Material“, erklärt Mehling während er eine Plane über die Konstruktion spannt. „Eventuell kriege ich es geschenkt und es wurde noch gar nicht benutzt. Über die Jahre hat sich das dann rumgesprochen und jetzt kriege ich oft etwas angeboten.“ Manchmal muss er aber auch selbst aktiv werden: „Klar, manchmal muss ich auch in die Hecke kriechen oder so, aber es ist dann auch wert.“

Letzte Hangriffe an der Skulptur. Foto: Alexander Fichtner

Dabei hat der Künstler klare ethische Grenzen: „Ich würde jetzt nicht so ein Material irgendwie abziehen oder so, weißt du? Irgendwie uncool, das vermissen andere Leute. Aber wenn da irgendwie am Straßenrand fünf Bretter liegen und das erste ist durchgegammelt und die unteren zwei auch, dann habe ich auch nicht so viele Hemmungen und nehme die zwei mittleren mit. Wenn man merkt, okay, die liegen da schon drei Jahre.“

Architektur als Inspiration von Simon Mehling

Die Inspiration für seine Arbeiten bezieht Simon Mehling hauptsächlich aus der Architektur. „Vor allem aus der Architektur“, bestätigt er. „Mich interessiert vor allem die Architektur und der körperliche Einfluss auch dahinter.“ Als Beispiel nennt er das Gefühl, das große Räume auslösen können: „Dass man irgendwie in eine Halle geht mit viel Hall oder vielleicht eine christliche Kirche, wo man reingeht und man ist automatisch ruhiger, also leiser, man spricht leiser, weil das Gebäude einem einfach das Gefühl gibt, dass man die Klappe halten sollte.“

Simon Mehling beim Aufbau. Foto: Alexander Fichtner

Besonders geprägt haben ihn Reisen nach Osteuropa. „Vor allem Osteuropa, das dann zu vergleichen mit vor allem im Landleben oder Marokko“, zählt er auf. In Georgien erlebte er die Improvisation der sozialistischen Architektur: „90 Prozent der Bevölkerung lebt in Plattenbauten.“ Diese Erfahrung der Improvisation und Wiederverwertung findet sich auch in seiner Kunst wieder.

Statik als Spiel

„Und dann mag ich halt das Statikspiel“, sagt Mehling und deutet auf seine Skulptur. „Weil es so überhängt?“ – „Genau, und das ist hier dann im Endeffekt auch der Fall.“ Die Leiste unten sei nur temporär eingebaut: „Aber im Endeffekt wird das Ganze.“

Seine Materialien haben oft eine lange Geschichte. „Dieses Vierkantrohr zum Beispiel, das hier vorne liegt oder was da hinten rausschaut, drauf liegt. Die habe ich seit 2019 und die habe ich schon so unfassbar oft verbaut. Die habe ich bestimmt, ohne zu übertreiben, mindestens in zehn, zwölf Arbeiten immer wieder eingesetzt.“

Luxus der Verschwendung

Mehling sieht in seiner Arbeit auch eine Kritik an der Wegwerfmentalität. „Verrückt, dass die Leute das wegschmeißen. Schau dir die Rohre an. Das ist halt definitiv kein Müll. Und das ist halt irgendwie, da sieht man den Luxus Deutschlands, das ist doch irgendwie traurig.“

Die Ausstellung im Ruhrgebiet hat für Mehling eine besondere Bedeutung. „Zum Ruhrgebiet mache ich mir ja eh schon sehr lange Gedanken. Ist ja auch zugestopft mit Architektur, die einen begeistern kann und die ganz fürchterlich ist. Gerade deshalb mich begeistert es mich vielleicht.“

Hängung der Bilder in der Halle. Foto: Alexander Fichtner

Gleichzeitig reflektiert er kritisch über die Romantisierung der Industriekultur: „Das schwingt so viel Romantik bei den Leuten mit. Die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, weil das die ganze Zeit ja auch einfach ein unfassbares Leid gebracht hat. Wie viele Menschen gestorben sind durch diesem Kohleabbau, viele Menschen die immer noch erkrankt sind deshalb.“

Dabei ist er sich seiner Rolle als Außenstehender bewusst: „Wenn ich merke, okay, ich will auf so eine Thematik eingehen, das ist mir aber auch vollkommen klar, ich bin ein Beobachter. Ich bin da nicht Teil von. Ich bin nur Nutzen dieser. Von der Energie, die hier erzeugt wurde oder die Dinge, die hier produziert werden.“

Vergänglichkeit als Programm bei Mehling

Ein zentraler Aspekt seiner Arbeit ist die Vergänglichkeit. „Die großformatige architektonische Bauweise der Skulpturen ermöglicht keine längere Lagerung im Atelier des Künstlers“, heißt es im Ausstellungstext. Mehling bestätigt: „Deshalb zerlegt Simon Mehling besonders großformatige Werke nach dem Ende einer Ausstellungsreihe und verarbeitet das zurückgewonnene Material wieder in neuen Skulpturen.“

Diese Praxis entspricht seiner Philosophie: „Ich kann die natürlich nicht lagern. Die wird ja wahrscheinlich auch nie wieder exakt so aufgebaut werden, wie sie jetzt ist. Ich habe auch noch nie eine Arbeit zweimal gezeigt.“

Kritik an Greenwashing

Neben den Skulpturen zeigt Mehling zwölf Buntstiftzeichnungen auf DIN A1-Format. „Haben halt irgendwie so ein bisschen was Naives, Buntstift. Aber es geht auch um ähnliche Thematiken, ähnliche Fragen. Gerade was Ökologie angeht, Ökonomie angeht, wo das immer Hype ist, von Umweltfreundlichkeit zu sprechen und so, das ärgert mich so ein bisschen.“

Blick in die Mappe von Mehling. Foto: Alexander Fichtner

Seine Kritik richtet sich gegen das Marketing: „Alleine das Wort Umweltfreundlichkeit, weil im Endeffekt entweder verhalten wir uns, wie man sich in der Umwelt verhält oder halt nicht. Aber umweltfreundlich ist man nicht.“

Künstlerische Entwicklung

Mehling, der 1995 in Würzburg geboren wurde, kam über Umwege zur Kunst. Nach einer Ausbildung zum Veranstaltungstechniker studierte er ab 2015 an der Kunstakademie Münster, ab 2016 bei den Professoren Maik und Dirk Löbbert, ab 2019 als deren Meisterschüler. 2023 schloss er sein Studium ab und ist aktueller Träger des Ida-Gerhardi-Förderpreises 2025.

Noch Baustelle. Foto: Alexander Fichtner

„Ich war eigentlich auf der Hauptschule bis zur neunten Klasse. Dann die zehnte Klasse direkt drangehängt. Dann meine Ausbildung nach drei Jahren abgeschlossen. Und dann bin ich nach Münster zum Studium“, erzählt er über seinen Werdegang.

Zeitgeist und Materialität von Mehling

Mehlings Arbeiten treffen den Zeitgeist der Diskussion um Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch. „Es sei nicht sein Ziel, andere Menschen von bestimmten Vorstellungen zu überzeugen, sondern Orte und Situationen festzuhalten, die Gedankengänge zu Verbrauch und Bedarf auslösen“, heißt es in der Ausstellungsbeschreibung.

Simon Mehling. Foto: Alexander Fichtner

Mit seinen Skulpturen möchte der Künstler unser Bewusstsein für den Umgang mit Lebensraum anregen und fördern. Dabei ist ihm wichtig, den Energieaufwand, die Zeit der Produktion und die Beschaffung des Materials in die Gedankenwelt unserer Gesellschaft zurückzuführen.

Mehr über seine Arbeiten gibt es hier: Homepage


Ausstellungsinfo: Simon Mehling: „Geländeinspektion“ Tisa von der Schulenburg-Stiftung, Fürst-Leopold-Allee 65, 46284 Dorsten Laufzeit: 22. Juni bis 31. August 2025 Finissage & Artisttalk: 31. August 2025, 15:00 Uhr

Anmeldung und Führungen: [email protected]

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