Hand aufs Herz, liebe Leserin, lieber Leser, hätten Sie mit 15 oder 16 Jahren den Mut gehabt, allein für ein ganzes Jahr in ein nicht-europäisches Land zu fliegen? Ich gebe ehrlich zu, ich hätte das damals nicht gewagt, für Lilli jedoch war es ein Abenteuer, das sie jederzeit neu wagen würde.
Lilli bewarb sich bereits in der 9. Klasse beim Rotary-Programm. Petra Scholten und verschiedene Ansprechpartner vom Rotary Distrikt 1870 in Münster begleiteten ihre Bewerbung und erklärten ihr alle wichtigen Details wie „Wie wird mein Alltag aussehen?“, „Wie gehe ich mit Heimweh um?“ oder „Welche Ups und Downs sind normal?“ Zur Vorbereitung auf die große Reise gehörten auch Briefe von Lilli und ihren Eltern an den aufnehmenden Club, sowie Briefe und Fotos von Zuhause an die Gastfamilie. Dies sowie der Austausch über die sozialen Medien gaben Lilli das Gefühl, ihre Gasteltern bereits zu kennen. „Schon mit 14 interessierte sich Lilli für dieses Austauschjahr, aber dazu war sie uns dann doch noch etwas zu jung“, erzählt ihre Mutter Sylvia.
Letztes Jahr jedoch gaben Sylvia und ihr Mann Ralf ihre Einwilligung, Lilli packte die Koffer und flog für sie ins Ungewisse, nach Argentinien. „Ich wollte den Austausch so gerne machen und zum Glück ermöglichte Rotary mir dieses Abenteuer, das mir unglaubliche Erlebnisse beschert hat.“

Fünf Regeln
Die fünf Regeln, die Rotary International zur Bedingung machte, da die Austauschschüler ja Repräsentanten des Clubs sind, waren für Lilli absolut nachvollziehbar: Don‘t drive, don‘t drink, no drugs, no dating und no decorations (piercings und tattoos).
Durch das begleitete Fliegen der Lufthansa verlor Lilli schnell ihre Nervosität und freute sich dafür umso mehr auf ihre Gastfamilie. „Sie holte mich vom Flughafen in Buenos Aires ab und auch vor Ort wurde ich sehr gut durch den Distrikt 4945 und vor allem den Rotary Club in Totoras, Argentinien, betreut.“

Angekommen in Totoras
In Totoras, in der Provinz Santa Fe, besuchte Lilli die 11. Klasse des „Colegio San José“, und das, ohne mehr als ein paar einfache Sätze Spanisch zu sprechen. Dass sie diese Sprache mittlerweile fließend spricht, muss ich sicher nicht extra erwähnen. Die junge Dorstenerin hatte bei ihrer Bewerbung die Wahl zwischen einem Aufenthalt von drei Monaten oder einem Jahr. Lilli entschied sich für die längere Version, was einen Aufenthalt bei drei verschiedenen Gastfamilien mit unterschiedlichen Ritualen bedeutete. „Ich wurde aber überall herzlich empfangen“, betont sie, und aus anfänglichen WhatsApp-Kontakten entstanden so weltweite Freundschaften.

Unvergessliche Eindrücke
Zwei längere, unvergessliche Reisen gehörten zum Programm. So reiste Lilli mit weiteren Austauschschülern in den Süden Argentiniens, durch Chile hindurch bis Feuerland. „Wir sahen direkt vor uns Wale und Pinguine“, ist Lilli heute noch begeistert. Die zweite Reise ging in den Norden zu den weltberühmten Iguazú-Wasserfällen an der Grenze zu Brasilien sowie zu den Roten Bergen, dem UNESCO-Weltkulturerbe in der Quebrada de Humahuaca. „Außerdem besichtigten wir die strahlend weiße Salinas Grandes, die größte Salzwüste im Norden Argentiniens. Diese atemberaubenden Erlebnisse, werde ich niemals vergessen“, schwärmt Lilli weiter. Vergessen wird sie sie schon deshalb nicht, weil sie ihre Erlebnisse in einem Bericht für Rotary festgehalten hat.

Die heilige Siesta
Ich frage Lilli nach den Unterschieden im Alltag zwischen Argentinien und Deutschland und sie lacht. „Die Siesta ist heilig. Alle Familienmitglieder kommen zum Essen zusammen und ruhen sich danach aus. Die Geschäfte sind geschlossen, erst abends geht das Leben dann weiter. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen, denn ich brauche meine neun Stunden Schlaf. Und zwar durchgehend.“ Auch beim Kochen sah die Gymnasiastin Unterschiede. „Argentinier essen viel Fleisch, haben aber nicht besonders viel Freude am Kochen. Sie lieben jedoch süßes Gebäck, das hervorragend schmeckt.“

Zurück in der Heimat
„Als Lilli nach ihrem Aufenthalt wieder in Dorsten ankam, sind wir drei Tage später erst einmal in den Urlaub gefahren“, erzählt Sylvia. „So konnte sie sich akklimatisieren und wir uns wieder aneinander gewöhnen. Es ist ja sehr still hier, wenn das einzige Kind nicht zu Hause ist. Meinem Mann und mir fiel sofort auf, dass Lilli viel gereifter zurückkam und sich das lebhafte Reden und Gestikulieren angewöhnt hat.“ Auch an den Schulalltag in Dorsten muss Lilli sich wieder gewöhnen. Flog Lilli nach Argentinien mit zwei Koffern, unter anderem gefüllt mit mit Bedacht ausgesuchten Gastgeschenken, kam sie nicht nur mit einem zusätzlichen Koffer voll mit realen Erinnerungsstücken zurück, sondern auch mit Erinnerungen und tausend Geschichten.

Lilli Moszdien und ihr Gast
Ab Februar erwartet die Familie Mosdzien die junge Brasilianerin Giordana, als Austauschschülerin. Sie besucht bereits mit Lilli gemeinsam die Schule und wohnt zurzeit bei Gasteltern in Wulfen. „Wir sind ein offenes Haus“, sagt Sylvia. „Giordana ist herzlich willkommen, Ralf, Lilli und ich freuen uns sehr auf sie.“
Mehr zum Jugendaustausch beim Rotary Club
Die Rotary-Initiative macht solche Erfahrungen möglich, auch für Jugendliche, die sich den Austausch finanziell sonst kaum leisten könnten. Petra Scholten, seit 2023 im Dorstener Destrikt für den Jugendaustausch zuständig, nennt das Hauptziel des Austausches: „Völkerverständigung! Wer sich kennt, der führt einen Krieg untereinander.“ Wer ebenfalls Lust auf dieses Abenteuer hat, kann sich gerne beim Rotary Club unter dorsten.rotary.de bewerben. Drei Dorstener Schüler bekommen hierbei die Möglichkeit im nächsten Jahr drei Monate oder auch ein Jahr im Ausland zu verbringen.




























