Der Saal im Jüdischen Museum Westfalen ist an diesem Dienstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als Ben Salomo das Mikrofon in die Hand nimmt. Der israelisch deutsche Rapper und Autor, bekannt als erster offen jüdischer Akteur in der deutschen Rap Szene und Gründer des Formats „Rap am Mittwoch“, ist nach Dorsten gekommen, um aus seinem Buch „Sechs Millionen, wer bietet mehr? Judenhass an deutschen Schulen“ zu lesen – und vor allem, um zu erzählen.
Eingeladen und ermöglicht wurde der Abend von der Konrad Adenauer Stiftung. Durch das Programm führte Vivianne Dörne, die mit ruhiger, präziser Moderation den Raum immer wieder öffnete für Nachfragen und Diskussion.

500 Schulen, 50.000 Jugendliche, ein Muster des Hasses
Zu Beginn zeichnet Ben Salomo den Weg nach, der zu seinem Buch geführt hat. Sechs Jahre lang, berichtet er, sei er mit Vorträgen durch die Republik gereist: bis zu 150 Veranstaltungen im Jahr, oft zwei an einem Tag, in Spitzenzeiten sogar drei. Über 500 Schulen, mehr als 50.000 Schüler eine Dichte, aus der sich, wie er sagt, „Muster, Tendenzen und eklatante Wissenslücken“ herauskristallisieren.

Vor dem 7. Oktober 2023, also vor den Terrorangriffen der Hamas auf Israel, habe er in etwa jeder fünften Schule antisemitische Ausbrüche während seiner Veranstaltungen erlebt. Viel zu viel und doch blieb die Bilanz für ihn damals noch hoffnungsvoll, weil dem etwa 80 Prozent positives Feedback gegenüberstanden.
Seit dem 7. Oktober hat sich das Bild dramatisch gewandelt. Die Zahl der offenen antisemitischen Zwischenfälle habe sich mindestens verdoppelt, schildert Salomo, teilweise sei der Anteil positiver Rückmeldungen auf 50 bis 60 Prozent gesunken. Vor allem aber habe sich die Qualität dieser Ausfälle verändert: Sie seien aggressiver, provokanter geworden, Jugendliche kämen bewusst mit Symbolen und Bildern in seine Vorträge, die er als eindeutig dschihadistisch einordnet.
Diese Entwicklung bleibe nicht ohne Folgen, erzählt er offen. Psychisch habe ihn das zunehmend belastet, sodass er seine Einsätze von vier auf drei Tage pro Woche habe reduzieren müssen. Selbst Moderatorinnen und Moderatoren, die ihn begleiteten, hätten nach besonders heftigen Szenen erklärt, sie hielten diese Arbeit nicht mehr aus. „Ich als Betroffener kann mir diesen Luxus nicht leisten“, sagt Salomo. Für ihn sei der Kampf gegen Antisemitismus eine Frage der Existenz der jüdischen Existenz in Deutschland.
Wie aus Sprachaufnahmen ein Buch wurde
Aus dieser Dauererfahrung entstand schließlich das Buch, über das er an diesem Abend spricht. Ein Literaturagent habe ihn nach einem Interview angesprochen und ermutigt, seine Beobachtungen aufzuschreiben. Gemeinsam mit dem Co Autor Christoph Lemmer entwickelte Salomo eine Arbeitsweise, die der Dringlichkeit des Themas entspricht.

Nach besonders drastischen Vorfällen an Schulen nahm er unmittelbar danach Sprachnachrichten auf, schilderte die Situation so frisch und ungefiltert wie möglich. Diese wurden transkribiert, anschließend analysierte und kontextualisierte er die Erlebnisse. So entstanden Fallgeschichten, in denen konkrete Szenen, persönliche Reflexion und gesellschaftliche Einordnung ineinandergreifen.
„Ich biete sechs Millionen“ – ein Titel und seine Geschichte
Besonders eindrücklich schildert Salomo an diesem Abend die Szene, die dem Buch seinen Titel gab. Regelmäßig frage er in seinen Veranstaltungen ab der achten, neunten Klasse, was die Jugendlichen über Nationalsozialismus, Holocaust und Antisemitismus wissen. Immer wieder falle dabei auf, wie wenig solides Wissen vorhanden sei und wie stark Halbwahrheiten den Unterricht ersetzen.
Wenn er die Zahl der von den Nationalsozialisten ermordeter Juden abfragt, reichen die Antworten oft von einer Million bis zu völlig überzogenen Schätzungen. In einer Schule rief ein Schüler schließlich provozierend in den Raum: „Ich biete sechs Millionen!“ als wäre die Zahl Teil einer Viehauktion.

Salomo schildert, wie ihn diese Mischung aus Zynismus, Unwissen und Distanz zum historischen Grauen in diesem Moment erschüttert habe. Er reagierte scharf, der Junge wurde still. Zugleich erkannte er darin ein Symptom: Für viele Jugendliche der vierten, fünften Generation nach dem Holocaust scheint die Vernichtung der europäischen Juden so weit weg zu sein, dass sie nicht mehr als realer Bruch wahrgenommen wird. Für Juden dagegen, so Salomo, bleibe der „riesige Riss in der Geschichte“ bis heute spürbar.
Der Verlag sah in dieser Szene den Schlüssel zum gesamten Projekt so wurde „Sechs Millionen, wer bietet mehr?“ zum Titel.
Dorsten als Spiegel: Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft
Wie aktuell und nah das Thema ist, zeigt sich in der Fragerunde am Ende des Abends. Eine Mutter aus Dorsten ergreift das Wort und berichtet von ihrem jüdischen Kind, das bereits in der Grundschule weil es jüdisch ist gemobbt werde. Ihre Schilderung lässt den Raum verstummen. Plötzlich ist Antisemitismus nicht mehr nur eine abstrakte Bedrohung oder ein Problem „irgendwo in Berlin“ oder „in der Rap Szene“ er steht buchstäblich mitten in Dorsten, mitten in der eigenen Nachbarschaft.

Der Abend macht schmerzhaft deutlich, was Ben Salomo immer wieder betont: Antisemitismus in Schulklassen, in Jugendkultur und Sozialen Medien ist kein Randphänomen. Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch in Städten wie Dorsten.
Kampf gegen Judenhass als Kampf für die Demokratie
Gleichzeitig zeigt der Abend im Jüdischen Museum Westfalen, was dem entgegengesetzt werden kann. Mit seinem klaren Bekenntnis zum Judentum stellt sich Ben Salomo nicht nur antisemitischen Tendenzen im Deutschrap entgegen, sondern macht den wachsenden Judenhass in Deutschland sichtbar. Seit 2019 hält er bundesweit Vorträge und Workshops zu Antisemitismus in Jugendkultur und Rap Szene, wird als Referent zu Fachtagungen eingeladen und ist inzwischen eine der wichtigsten jüdischen Stimmen in dieser Debatte.
In Dorsten wird spürbar: Der Kampf gegen Antisemitismus ist immer auch ein Kampf für die Demokratie. Wo Juden angefeindet werden, geraten automatisch auch Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde unter Druck.
Dass die Konrad Adenauer Stiftung gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Westfalen diesen Abend ermöglicht hat, ist deshalb mehr als eine Kulturveranstaltung. Es ist ein Signal, dass Dorsten hinschauen will. Doch die Schilderung der Mutter zeigt: Es reicht nicht, einen Abend lang betroffen zu sein.
Die Botschaft, mit der Ben Salomo das Publikum entlässt, bleibt im Raum: Antisemitismus geht alle an. Jede Schule, jede Stadt, jede Familie muss sich fragen, wie sie auf Judenhass reagiert oder ob sie schweigt. In Dorsten ist diese Frage an diesem Dienstagabend hoffentlich ein Stück lauter geworden.




























