Der Dorstener Norbert Hinz kennt die Industrie nicht aus der Distanz, sondern aus den Schaltzentralen und aus der Werkhalle. Über zwei Jahrzehnte arbeitete er international in Führungsrollen als CEO, COO, CTO und CRO, oft dort, wo es eng wird und Entscheidungen nicht auf Folien, sondern im Betrieb getroffen werden. Seit 2015 ist er als Executive Interim Manager im Einsatz und nennt sich lieber Unternehmensentwickler. Er führt Industrie und Mittelstand durch kritische Umbruchphasen und versucht, Organisationen zu revitalisieren, die ihre ursprüngliche Kraft verloren haben.
Jetzt hat Hinz sein erstes Buch selbst veröffentlicht. „Die zweite Macht, Anpassungsstrategien für eine entgrenzte Welt“ ist nach seinen Angaben auf vielen Plattformen bestellbar. Dass er den Weg der Selbstveröffentlichung wählt, wirkt folgerichtig: unabhängig, direkt, ohne lange Instanzen, nah an dem, was ihn im Alltag antreibt.
Im Gespräch erzählt Hinz, wie sich seine Arbeit aus der Investmentwelt heraus verdichtete. Dort habe er gesehen, dass Unternehmen im Portfolio schnell zu Fällen werden, während die Probleme im Kern oft lösbar wären, wenn man sie ernsthaft angeht. „So kam dieses Interim Management eigentlich raus“, sagt er. Ihn reizt dabei die Beweglichkeit. „Du gehst so frei dabei, so locker, du kannst so ist es, mach es oder lass es.“ Ein Blick von außen, weniger politisch, stärker auf Wirkung ausgerichtet.
Die Effizienzfalle und der Kontrollverlust
Im Zentrum seines Buches steht eine Diagnose, die viele Unternehmer spüren, aber selten so zugespitzt hören: Effizienz war lange das Leitbild, doch sie funktioniert nur in stabilen Systemen. Hinz beschreibt eine Welt, in der Stabilität zur Ausnahme wird. Geopolitische Brüche, fragile Lieferketten, ökologische Extremereignisse, technologische Beschleunigung. Was gestern nach Perfektion aussah, kann morgen zum Risiko werden.

Hinz arbeitet mit Bildern, die hängen bleiben. Effizienz vergleicht er mit Hochleistungssport: Weltrekorde sind möglich, solange das Umfeld verlässlich ist. Kommt der Bruch, kippt das System. „Ist das System instabil, ist das, was eigentlich dein System ausmacht, kontraproduktiv“, sagt er. Und er beobachtet ein Muster: Je mehr Kontrolle entgleitet, desto stärker reagieren Organisationen mit noch mehr Kennzahlen, Dashboards und Reporting. Aktivität steigt, Wirksamkeit sinkt.
Die zweite Macht heißt Intuition und Anpassungsintelligenz
Was setzt Hinz dagegen? Sein Leitbegriff ist die „zweite Macht“. Die erste Macht sei die Logik, die zweite die Intuition. Nicht als Wohlfühlformel, sondern als Führungsfähigkeit, die unter Druck entscheidet, Risiken abwägt und dennoch handlungsfähig bleibt. Hinz erklärt das popkulturell, fast spielerisch, mit Star Trek: Spock steht für Logik, Kirk für Mut, Idee, Umsetzung. In Unternehmen, so Hinz, dominiert oft das Spock Prinzip, während Kirk unter Systemdruck verschwindet.
Praktisch übersetzt er das in Anpassungsintelligenz. Robustheit, Wiederherstellungsfähigkeit, Elastizität. Er nutzt das Bild des Tennisballs: Nicht nur der Schlag zählt, sondern die Zeit, bis die Form zurückkehrt. Daraus folgt eine unbequeme Konsequenz für Betriebe: Wer nur auf maximale Verschlankung setzt, verliert Spielraum. Wer Stöße abfangen will, braucht Puffer, Redundanzen, alternative Pfade, kurz: Zukunftsfähigkeit jenseits reiner Effizienz.
Kritik an Hyperkapitalismus und Finanzlogiken
Hinz bleibt nicht bei der Binnenperspektive von Unternehmen. Er beschreibt die „verborgenen Systeme“ des Hyperkapitalismus und der Finanzialisierung, in denen Firmen zu Assets werden, die verschoben, zerlegt und bewertet werden, während Mittelständler die Schocks ausbaden. Der Ton ist deutlich, aber nicht moralistisch. Kapital brauche es, sagt er, doch die heutige Übersteuerung durch Renditelogiken beschädige Substanz. Seine Sorge gilt am Ende dem, was in Deutschland oft unsichtbar wird, bis es fehlt: industrielle Wertschöpfung, Fachkräfte, Arbeitsplätze, langfristige Stabilität.
Warum Selbstveröffentlichung passt
Dass Hinz sein Buch selbst veröffentlicht, ist damit mehr als eine Vertriebsentscheidung. Es ist ein Signal: schneller ins Gespräch kommen, ohne Filter, ohne große Maschinen. „Die zweite Macht“ will kein Rezeptbuch sein, sondern ein Denkrahmen, der globale Kräfte in konkrete Handlungsoptionen übersetzt. Hinz steht für Führung, die Klarheit, Maß und Verantwortung betont und die Menschen im Betrieb nicht als Variable, sondern als Träger der Unternehmenskraft versteht.




























