Die Geschichte der Gnadenkirche ist eng mit der Geschichte des wachsenden Wulfener Nordens verbunden. Bei der Veranstaltung „Kirche im Zeitraffer. Bilder und Zeitzeugen zur Geschichte der Gnadenkirche“ wurde jetzt deutlich, wie sehr das Gotteshaus aus einer konkreten Not heraus entstand und sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu erfinden musste.
Eine kleine Chronik der Kirche hatte Sabine Bornemann zusammengestellt. Ergänzt wurde der Abend durch Erinnerungen von Zeitzeugen, unter ihnen Helmut Winkler, dessen Vater den Aufbau der Kirche maßgeblich mit auf den Weg gebracht hatte, sowie Hans Udo Schneider, der 1973 nach Wulfen kam und gemeinsam mit Frank Maibaum und Bernhard Korn das besondere Modell des Gruppenpfarramts prägte.

Eine Kirche aus der Not heraus
Am Anfang stand ein Mangel. Nach dem Krieg lebten in der Region viele Vertriebene und Flüchtlinge, unter ihnen zahlreiche evangelische Christen. Doch eine evangelische Kirche gab es in Wulfen zunächst nicht. Vieles wurde improvisiert, Gottesdienste und Gemeindeleben mussten unter provisorischen Bedingungen organisiert werden. Lange blieb Wulfen kirchlich an Hervest angebunden, obwohl die Zahl der Gläubigen stetig wuchs.

Mit dem Zuzug neuer Einwohner, unter anderem durch die Entwicklung rund um die Zeche Fürst Leopold, den Bahnhof und später die Neue Stadt Wulfen, wurde der Bedarf immer größer. 1968 entstand schließlich eine eigenständige evangelische Gemeinde in Wulfen. Die Gnadenkirche wurde damit zur ersten evangelischen Keimzelle im Norden, mitten im katholisch geprägten Münsterland.
Ein Modell mit Signalwirkung
Zugleich fiel diese Entwicklung in eine Zeit des kirchlichen Aufbruchs. Die Verantwortlichen suchten damals nicht nur nach einem klassischen Pfarrer, sondern nach einer neuen Form von Gemeindeleitung. Daraus entstand, mit Genehmigung der Landeskirche, ein auf Zeit angelegter Modellversuch: das Gruppenpfarramt. In Wulfen arbeitete nicht nur ein Theologe, sondern ein Team aus Theologe, Pädagoge und Psychologe zusammen. Dieses ungewöhnliche Konzept erwies sich über viele Jahre als erfolgreich und wurde immer wieder positiv bewertet.

Hans Udo Schneider erinnerte daran, dass dieses Modell fast drei Jahrzehnte funktionierte, sich aber in der westfälischen Kirche letztlich nicht durchsetzen konnte. Die kirchenrechtlichen Strukturen seien auf klassische Pfarrstellen zugeschnitten gewesen. Für Pädagogen und Psychologen habe es darin auf Dauer keinen festen Platz gegeben. So wurde das Wulfener Modell schrittweise beendet. Schneider wechselte später nach Gladbeck, Frank Maibaum blieb noch bis in die späten 1990er Jahre in Wulfen tätig.
Fusion, Sparzwänge und neue Wege
Auch danach blieb die Gemeinde im Wandel. Sinkende Kirchensteuern, weniger Personal und strukturelle Veränderungen führten 2007 zur Fusion mit Hervest. Aus zwei Gemeinden wurde Hervest Wulfen. Gleichzeitig wuchs der Druck, Gebäude anders zu nutzen, zu vermieten oder aufzugeben. Selbst ein Abriss der Gnadenkirche zugunsten einer Wohnbebauung stand zeitweise im Raum.

Dass es anders kam, ist dem großen Einsatz vor Ort zu verdanken. Denn die Kirche, die einst mit starren Bänken ausschließlich für Gottesdienste gedacht war, wurde nach und nach umgebaut. Küche, Toiletten, Trennwände und neue Nutzungsmöglichkeiten machten aus dem Raum einen multifunktionalen Ort. Wo früher fast nur Gottesdienste stattfanden, konnte nun auch Gemeindeleben im weiteren Sinne stattfinden.
Der Förderverein als Wendepunkt der Gnadenkirche
Ein entscheidender Schritt war schließlich die Gründung des Fördervereins im Juni 2012. Von Anfang an stand dabei die Frage im Raum, ob die kleine Kirche vielleicht dauerhaft in andere Trägerschaft übergehen und auf diese Weise erhalten werden könnte. Ein Vorbild gab es dafür nicht. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses Experiment bis heute trägt. Inzwischen sind nach Angaben der Beteiligten weit über 300 einzelne Veranstaltungen in der Gnadenkirche organisiert worden. Dazu kommen regelmäßige wöchentliche und monatliche Angebote.

Ein Ort, der sich neu behauptet
So wurde bei der Veranstaltung nicht nur an Steine und Baujahre erinnert. Es ging um eine Kirche, die aus Mangel entstand, durch Aufbruch geprägt wurde und bis heute vom Engagement vieler Menschen lebt. Die Gnadenkirche erscheint damit tatsächlich wie im Zeitraffer als Spiegel der Wulfener Geschichte, vom Provisorium der Nachkriegszeit bis zu einem lebendigen Ort, der sich immer wieder neu behauptet hat.




























