StartGeschichteKirche im Zeitraffer: Vortrag erzählt die Geschichte der Gnadenkirche

Kirche im Zeitraffer: Vortrag erzählt die Geschichte der Gnadenkirche

Veröffentlicht am

Sabine Bornemann vor der Gnadenkirche. Foto: Alexander Fichtner

Die Geschichte der Gnadenkirche ist eng mit der Geschichte des wachsenden Wulfener Nordens verbunden. Bei der Veranstaltung „Kirche im Zeitraffer. Bilder und Zeitzeugen zur Geschichte der Gnadenkirche“ wurde jetzt deutlich, wie sehr das Gotteshaus aus einer konkreten Not heraus entstand und sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu erfinden musste.

Eine kleine Chronik der Kirche hatte Sabine Bornemann zusammengestellt. Ergänzt wurde der Abend durch Erinnerungen von Zeitzeugen, unter ihnen Helmut Winkler, dessen Vater den Aufbau der Kirche maßgeblich mit auf den Weg gebracht hatte, sowie Hans Udo Schneider, der 1973 nach Wulfen kam und gemeinsam mit Frank Maibaum und Bernhard Korn das besondere Modell des Gruppenpfarramts prägte.

Anzeige
Anzeige von Ohrwerk Hörgeräte: Fit im Ohr. Fit für den Alltag.
Die Kirche war fast bis auf den letzten Platz besetzt. Foto: Alexander Fichtner

Eine Kirche aus der Not heraus

Am Anfang stand ein Mangel. Nach dem Krieg lebten in der Region viele Vertriebene und Flüchtlinge, unter ihnen zahlreiche evangelische Christen. Doch eine evangelische Kirche gab es in Wulfen zunächst nicht. Vieles wurde improvisiert, Gottesdienste und Gemeindeleben mussten unter provisorischen Bedingungen organisiert werden. Lange blieb Wulfen kirchlich an Hervest angebunden, obwohl die Zahl der Gläubigen stetig wuchs.

Helmut Winkler erzählt aus den ersten Tagen der Kirche. Foto: Alexander Fichtner

Mit dem Zuzug neuer Einwohner, unter anderem durch die Entwicklung rund um die Zeche Fürst Leopold, den Bahnhof und später die Neue Stadt Wulfen, wurde der Bedarf immer größer. 1968 entstand schließlich eine eigenständige evangelische Gemeinde in Wulfen. Die Gnadenkirche wurde damit zur ersten evangelischen Keimzelle im Norden, mitten im katholisch geprägten Münsterland.

Ein Modell mit Signalwirkung

Zugleich fiel diese Entwicklung in eine Zeit des kirchlichen Aufbruchs. Die Verantwortlichen suchten damals nicht nur nach einem klassischen Pfarrer, sondern nach einer neuen Form von Gemeindeleitung. Daraus entstand, mit Genehmigung der Landeskirche, ein auf Zeit angelegter Modellversuch: das Gruppenpfarramt. In Wulfen arbeitete nicht nur ein Theologe, sondern ein Team aus Theologe, Pädagoge und Psychologe zusammen. Dieses ungewöhnliche Konzept erwies sich über viele Jahre als erfolgreich und wurde immer wieder positiv bewertet.

Hans-Udo Schneider erzählt über seine Arbeit und den Aufbau der Kirchengemeinde. Foto: Alexander Fichtner

Hans Udo Schneider erinnerte daran, dass dieses Modell fast drei Jahrzehnte funktionierte, sich aber in der westfälischen Kirche letztlich nicht durchsetzen konnte. Die kirchenrechtlichen Strukturen seien auf klassische Pfarrstellen zugeschnitten gewesen. Für Pädagogen und Psychologen habe es darin auf Dauer keinen festen Platz gegeben. So wurde das Wulfener Modell schrittweise beendet. Schneider wechselte später nach Gladbeck, Frank Maibaum blieb noch bis in die späten 1990er Jahre in Wulfen tätig.

Fusion, Sparzwänge und neue Wege

Auch danach blieb die Gemeinde im Wandel. Sinkende Kirchensteuern, weniger Personal und strukturelle Veränderungen führten 2007 zur Fusion mit Hervest. Aus zwei Gemeinden wurde Hervest Wulfen. Gleichzeitig wuchs der Druck, Gebäude anders zu nutzen, zu vermieten oder aufzugeben. Selbst ein Abriss der Gnadenkirche zugunsten einer Wohnbebauung stand zeitweise im Raum.

Ein Stück Kirchengeschichte aus Barkenberg gab es auch in Wulfen zu entdecken. Foto: Alexander Fichtner

Dass es anders kam, ist dem großen Einsatz vor Ort zu verdanken. Denn die Kirche, die einst mit starren Bänken ausschließlich für Gottesdienste gedacht war, wurde nach und nach umgebaut. Küche, Toiletten, Trennwände und neue Nutzungsmöglichkeiten machten aus dem Raum einen multifunktionalen Ort. Wo früher fast nur Gottesdienste stattfanden, konnte nun auch Gemeindeleben im weiteren Sinne stattfinden.

Der Förderverein als Wendepunkt der Gnadenkirche

Ein entscheidender Schritt war schließlich die Gründung des Fördervereins im Juni 2012. Von Anfang an stand dabei die Frage im Raum, ob die kleine Kirche vielleicht dauerhaft in andere Trägerschaft übergehen und auf diese Weise erhalten werden könnte. Ein Vorbild gab es dafür nicht. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses Experiment bis heute trägt. Inzwischen sind nach Angaben der Beteiligten weit über 300 einzelne Veranstaltungen in der Gnadenkirche organisiert worden. Dazu kommen regelmäßige wöchentliche und monatliche Angebote.

Die Gnadenkirche. Foto: Alexander Fichtner

Ein Ort, der sich neu behauptet

So wurde bei der Veranstaltung nicht nur an Steine und Baujahre erinnert. Es ging um eine Kirche, die aus Mangel entstand, durch Aufbruch geprägt wurde und bis heute vom Engagement vieler Menschen lebt. Die Gnadenkirche erscheint damit tatsächlich wie im Zeitraffer als Spiegel der Wulfener Geschichte, vom Provisorium der Nachkriegszeit bis zu einem lebendigen Ort, der sich immer wieder neu behauptet hat.

Neuer WhatsApp-Kanal

Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal unter https://bit.ly/dorstenonline für aktuelle Infos. Wir bieten lokale Nachrichten, Event-Infos, Polizeimeldungen und mehr.

NEUSTE ARTIKEL

Östricher Bürgerforum sucht Talente für den Dorstener Kultursommer

Musik, Comedy, Theater oder Tanz: Beim Dorstener Kultursommer haben Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit, ihr Können vor Publikum zu präsentieren. Das Östricher Bürgerforum lädt am...

Mehr Personal an NRW-Schulen: Höchster Zuwachs seit über 40 Jahren

Die Personalausstattung an den Schulen in Nordrhein-Westfalen hat einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben des Schulministeriums arbeiten heute rund 12.600 Menschen mehr an den Schulen...

Dorsten setzt Strategie gegen Eichenprozessionsspinner fort

Dorsten setzt 2026 weiter auf feste Prioritäten und den digitalen Raupenmelder gegen Eichenprozessionsspinner.

Raub am Bahnhof Dorsten: Polizei sucht zwei Tatverdächtige mit Öffentlichkeitsfahndung

Nach einem Raub am Dorstener Bahnhof sucht die Polizei mit einer Öffentlichkeitsfahndung nach zwei bislang unbekannten Tatverdächtigen. Sie sollen am Nachmittag des 22. Februar 2026...

Klick mich!