Zwei Barhocker, zwei Gitarren, eine Mundharmonika und eine Leinwand, mehr brauchen Gerd Gratias und Markus Zöllner nicht, um ihre Zuhörer zum Mitsingen zu animieren. Keine Bühnenshow, keine Kostüme, keine einstudierte Choreografie, allein Markus‘ lockere Moderation reicht aus, um den nächsten Song anzukündigen, dessen Text großflächig auf der Leinwand läuft, und schon ist das Publikum in Mitsinglaune.
Was so einfach und unspektakulär aussieht, ist es beileibe nicht. „Und das liegt nicht nur daran, dass Gerd und ich einen völlig unterschiedlichen Musikgeschmack haben“, lächelt Markus. „Wenn ich einen Schlager perfekt zum Mitsingen im Kopf habe, schlägt Gerd seine Hände über den Kopf zusammen.“ Gerd nickt. „Ich muss den Song fühlen, sonst wird das nichts“, erklärt der Rolling-Stones-Fan.
Erste musikalische Auftritte auf Lehrerausflügen
Zum ersten Mal aufeinandergetroffen sind die zwei beim Fitnesstraining, später wurden sie Kollegen an der Gesamtschule Wulfen. Gerd unterrichtete Sprachen und Religion, Markus ist noch im Dienst und lehrt Sport, Englisch und ebenfalls Religion. Aus Spaß haben sie auf Lehrerausflügen Gitarre gespielt und wurden anschließend gebeten auf der Verabschiedung eines Freundes zu singen. Als sie dann dem Jubilar als „Vorbereitung“ zu seinem Helene-Fischer-Konzert „Atemlos“ vorsangen, ahnten Gerd und Markus nicht, dass aus diesem Spaß eine Idee mit großer Nachfrage werden würde. Die Musiker wurden plötzlich gebucht.

Zunächst waren sie überrascht, nahmen die Angebote jedoch gerne an und entschieden sich für Mitsingkonzerte. „Unser Repertoire bestand aus Songs der Rolling Stones, Status Quo und denen aus ‚Sommer 69‘. Wir dachten, wir hätten etwas Neues ins Leben gerufen, mussten dann aber später feststellen, dass dem nicht so war“, erinnert sich Markus. „Wir fingen 2014 im Keller an zu proben“, erinnern sich die zwei Lehrer.
Die Geburtsstunde von WirSing
Ein Jahr später hatten sie ihren ersten öffentlichen Auftritt. WirSing war geboren. „Wir spielen unplugged, aber unser Programm steht jeweils vorher fest. Dabei richten wir uns nach den Gästen. Auf einem Konzert bei einer goldenen Hochzeit spielen wir andere Lieder als beispielsweise bei den Landfrauen Rhade, die ein fantastisches Publikum sind. Vor Ort können wir leider keine Änderungen mehr vornehmen, da wir nur zu zweit sind. Da müssen wir dann durch und unsere Zuhörer auch“, schmunzelt Gerd. „Wir sind keine Musikbox, bei der sich die Gäste etwas wünschen dürfen. Das können wir technisch leider nicht leisten.“ Ich frage, warum es nicht einfach wäre, passende Lieder zum Mitsingen zu finden. „Sie zu finden ist schon einfach“, meint Gerd, „aber nicht alle lassen sich auch mit zwei Gitarren umsetzen.“

Mit nur zwei Spielern muss man tüfteln
Gerd hat eine Dobro, eine Resonatorgitarre aus den Südstaaten der USA, die alleine für sich schon sehr laut ist und einen eigenen Klang besitzt, Markus spielt die Akustikgitarre. Ab und an nimmt Gerd seine Mundharmonika dazu, das Banjo verwendet er nicht mehr, es war zu aufwändig es mit einzubauen. „Mit den wenigen Instrumenten können wir keinen großen Sound wie beispielsweise bei ABBA erzeugen.“ Markus ergänzt: „Bass oder Schlagzeug fehlen, sie werden durch eine Kickbox ersetzt, um den Zuhörern den Impuls zum Mitklatschen zu geben.“ Und so kann Gerd nach tage-, manchmal wochenlangem Tüfteln Markus dann doch noch eine Lösung präsentieren.

Von Oldies bis zu modernen Hits
Dennoch haben es von etwa 200 Liedern, die die Musiker auf ihrem PC haben, nur etwa 40 auf die Bühne geschafft. „Wir spielen pur und echt, keine aufgearbeiteten Lieder, dennoch haben wir unseren eigenen Stil“, erzählt mir Markus. Ihre Songauswahl reicht von Lagerfeuersongs und Country über Beatles- und Stones-Klassiker wie ‚Blowin’ in the Wind‘ oder ‚Let It Be‘ über die 70er bis 90er hin zu aktuellen Songs beispielsweise von Wincent Weiss.“ „Wir sind total überzeugt davon was wir machen, sonst wären wir nicht zwölf Jahre dabei. Aber wir merken auch unser Alter“, sind sich beide einig. „Ich ziehe den Hut vor Gerd“, betont Markus. „Er ist mit seinen 75 Jahren 19 Jahre älter als ich und meistert die Auftritte erstaunlich gut. Doch nicht nur für ihn werden die Pausen wichtiger und das Reisen beschwerlicher. „Wenn wir nachts manchmal erst um zwei Uhr zu Hause sind, dann bringt uns das körperlich an unsere Grenzen.“
Gerd und Markus haben sich auf der Bühne perfekt ergänzt. Markus hat die Zuhörer solange unterhalten, bis Gerd mit seinem musikalischen Umbau fertig war. „Aber nun ist der Zeitpunkt gekommen, das Projekt zu beenden. Wir verstehen uns weiterhin noch sehr gut, aber so wie der Running Gag über unsere persönliche Schalke-Dortmund-Fehde nach fünf Jahren durch ist, hat sich auch unser Repertoire erschöpft. Wir entwickeln uns diesbezüglich nicht weiter. Und bevor wir nicht mehr mit ganzer Energie und vollem Herzen dabei sind, haben wir beschlossen WirSing zum Jahresende ausklingen zu lassen“, betonen beide unisono.

Abschlusskonzert im CreativQuartier in Hervest
Das Abschlusskonzert wird im CreativQuartier stattfinden. „Hans Schuster war der erste, der uns die Chance gegeben hat aufzutreten, bei ihm in seiner Location beenden wir auch das Mitsingprojekt Wirsing“, erklärt Markus. „Es war immer unser Ziel, die Zuhörer zu begeistern, sie zum Mitsingen zu bringen“, zieht Gerd ein Fazit. „Das ist uns gelungen und darauf sind wir stolz.“ Und wenn wie immer nach zweieinhalb Stunden „Time to Wonder“ erklingt, dann endet bei der letzten Schicht in Hervest nicht nur das Mitmachkonzert, sondern auch die Ära WirSing.
Neben zwei privaten Auftritten, findet am 24. April 2026 im Carola-Martius-Haus um 19 Uhr ein Konzert bei den Landfrauen statt, bevor am 13. November um 20 Uhr im CreativQuartier die letzte Schicht beginnt. Karten dafür sind ab September erhältlich.




























