Es ist Karfreitag, kurz vor 9 Uhr morgens, als sich das Vereinsheim „Glühstübchen“ in Lembeck langsam füllt. Draußen ist es kühl, der Himmel grau. Drinnen herrscht bereits beste Stimmung. Die Oldtimerfreunde Lembeck treffen sich gemeinsam mit ihren Freunden von De Doskerkerls zur traditionellen Karfreitagsausfahrt. In diesem Jahr sind rund 50 historische Fahrzeuge unterwegs. Unser Autor ist mittendrin.
Für mich ist es eine Premiere. Zum ersten Mal begleite ich die Ausfahrt und darf direkt stilecht mitfahren. Besonders vorbereitet bin ich nicht, und ich weiß auch nicht genau, was mich erwartet. Ob ich nicht mal mitfahren möchte, hatte mich Georg Bögel von den Oldtimerfreunden nur wenige Tage zuvor gefragt. Es ist mein freier Tag, aber warum nicht? Ich sage schließlich zu.

Auf der Milchkiste durch die Vergangenheit
Mein Platz ist alles andere als gewöhnlich: eine Holzkiste auf der Kupplung eines Hanomag aus den 1950er-Jahren. „Darin wurden früher die Milchkannen transportiert“, erklärt Fahrer Heinz Winkelmann von den Oldtimerfreunden Lembeck. Der Trecker ist seit vielen Jahren in Familienbesitz und wird mit viel Liebe gepflegt. Ein Erbstück also? „Kann man so sagen, ja“, erklärt Heinz Winkelmann, ohne den Blick vom Feldweg zu nehmen, den der Traktor mühelos unter sich abspult.

Während der Motor kraftvoll vor sich hin tuckert, geht es voran. Der Wind weht kühl um die Nase, der Trecker rumpelt über Feldwege, die Landschaft zieht gemächlich vorbei. Schnell wird klar, warum die erfahrenen Fahrerinnen und Fahrer auf dicke Jacken und Kopfbedeckung setzen. Die Fahrtluft ist frisch, dazu kommt später die Sonne. Wer vorbereitet ist, genießt die Tour umso mehr.

Es ist entschleunigt im besten Sinne. Man verliert das Gefühl für Zeit. Der Kopf wird frei. Zwischenzeitlich schaue ich auf das GPS meines Telefons, weil ich längst die Orientierung verloren habe. Doch auch das stört irgendwann nicht mehr, denn der Weg ist das Ziel.
Kolonne durch die Landschaft
Die Kolonne zieht sich auf langer Bahn durch das Münsterland. Vor allem Traktoren aus den 50er bis 80er Jahren sind dabei, ergänzt durch besondere Fahrzeuge wie einen Mercedes-Lkw aus den 80ern oder einen originalen Unimog. Wenn der Trecker über schweres Gelände rumpelt, ist es auf der Holzkiste nicht gerade gemütlich, aber das macht auch den Reiz einer solchen Fahrt aus. Es ist alles viel unmittelbarer als im Auto, man spürt das Gelände mit dem ganzen Körper.

Am Wegesrand winken Kinder, Spaziergänger bleiben stehen, Radfahrer zücken ihre Handys. Sogar Pferde auf einer Weide lassen sich anstecken, laufen neugierig an den Zaun und begleiten die Trecker ein Stück. Selbst die Autofahrer, die an Kreuzungen einen Moment auf den Vorbeizug der Karawane warten müssen, schauen staunend durch die Scheibe oder winken mit einem Grinsen. Wer hier aufgewachsen ist, für den sind die Trecker rollende Kindheitserinnerungen.

Das Wetter bleibt zunächst wechselhaft. Es ist frisch und bedeckt. „Ein Hoch auf Ski-Unterwäsche“, denke ich mir und ziehe das Kinnband meines Buschhutes etwas fester. Hoffentlich gibt es keinen Regen. Doch wir haben Glück: Gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf, die Sonne kommt heraus und sorgt für beste Bedingungen.

Wenn der Hammer hilft
Ganz ohne kleine Zwischenfälle geht es nicht. Nach dem ersten Stopp macht sich bei der Fahrt ein deutliches Quietschen bemerkbar. Was ist die Ursache? Ich muss laut rufen, bis meine Frage gegen Wind und Lärm ans Ohr des Fahrers dringt. „Die Bremse hat sich nach der Winterpause etwas festgesetzt, das kann man mit einem Hammer schnell reparieren“, sagt Winkelmann über die Schulter.

Bei der nächsten Pause folgen ein paar gezielte Schläge und tatsächlich: Das Geräusch ist verschwunden. Jahrelange Erfahrung und Improvisation gehört hier einfach dazu.
Technik gestern und heute
Ein Ziel der Tour ist ein Landmaschinenbetrieb im Kreis Borken. Dort gibt es Einblicke in die Instandsetzung historischer Maschinen ebenso wie in die Wartung moderner Technik. Der Vergleich zeigt, wie stark sich die Landwirtschaft verändert hat und wie viel Leidenschaft in der Pflege der alten Fahrzeuge steckt.

Schnitzel, Herrencreme und Gemeinschaft
Zur Mittagszeit kehrt die Gruppe in der Landgaststätte „Zum Vennebauer“ in Raesfeld-Homer ein. Der Besuch ist natürlich längst angekündigt, denn nicht jede Gaststube kann mal eben einen Ansturm von 50 hungrigen Treckerfahrern bewältigen – vom nötigen Parkraum ganz zu schweigen. Drinnen ist es etwas eng mit so vielen Menschen, aber das spielt keine Rolle. Schnitzel, Gespräche, viel Gelächter und zum Abschluss eine klassische Herrencreme. Die Atmosphäre ist familiär und offen.

Am Nachmittag geht es zurück Richtung Lembeck. Dort wartet nach über 60 Kilometern der Abschluss mit Kaffee und Kuchen im Vereinsheim. Wer glaubt, dass Seeluft Appetit mache, sollte mal die westfälische Landluft ausprobieren. Als ich mich schließlich verabschiede und mich in meinen Kombi setze, kommt er mir unglaublich leise vor. Ich vermisse ein wenig die Offenheit des Traktors, aber meine Sitzheizung möchte ich nicht missen.

Früh aufstehen lohnt sich
Der Wecker klingelte früh an diesem Karfreitag. Es war kühl und der Himmel zunächst grau. Doch es hat sich gelohnt. Die Mischung aus Technik, Natur und Gemeinschaft macht den besonderen Reiz dieser Ausfahrt aus. Es ist kein lautes Event, sondern eine ruhige Reise durch die Region. Genau das macht sie so besonders.
Am Ende gebe ich mein Fazit: Ja, ich würde gerne wieder mitfahren. Aber ich denke, dieses Mal würde ich ein Sitzkissen einpacken…




























