Die gebürtige Dorstenerin Cornelia Funke, bekannt durch ihre zahlreichen Bücher und oft als „deutsche Rowling“ bezeichnet, war zu Gast bei den Couchgesprächen im Alten und Pflegeheim St. Anna. Zahlreiche Zuhörer verfolgten gespannt das Gespräch mit Einrichtungsleiter Markus Loth und erlebten einen persönlichen, offenen und stellenweise sehr nachdenklichen Abend.
Wenn es still wird im Raum
Es ist ein ruhiger Mittwochabend im Alten und Pflegeheim St. Anna in Dorsten. Die Stuhlreihen sind gut gefüllt, die Aufmerksamkeit richtet sich nach vorn, als Cornelia Funke Platz nimmt. Neben ihr sitzt Markus Loth, der durch das Gespräch führt. Schnell wird deutlich, dass dieser Abend kein klassisches Interview ist, sondern ein lebendiger Austausch. „Ich empfinde mich als Weltbürgerin“, sagt Funke gleich zu Beginn.
Von Hamburg in die Welt
Sie spricht über ihr Leben zwischen Deutschland und den USA, über Aufbruch und Neuanfang. „Mein Mann und ich waren uns immer einig gewesen, dass wir gerne nochmal in einem anderen Land leben würden“, erzählt sie. Hamburg sei lange ihr Zuhause gewesen, doch der Schritt ins Ausland habe vieles verändert.

Amerika anders gedacht
Besonders eindrücklich schildert sie die Unterschiede zwischen Deutschland und Amerika. „Ich habe in Amerika gelernt, dass man sich gleich mal umarmt, wenn man sich trifft, dass man fragt, wo man herkommt“, sagt sie. Diese Offenheit habe sie geprägt. „Diese Bereitschaft, auch mit Fremden zu reden, weil man weiß, man ist Mensch und man möchte miteinander in Kontakt kommen.“

Eine Szene bleibt hängen. „Ich kam mit drei Taschen auf eine Tür zu, davor standen drei Männer. Und keiner hat die Tür aufgemacht“, erzählt sie. „In Amerika hätten mir alle drei sofort geholfen.“ Für sie ist klar: „Das ist der Respekt für den Fremden.“
Aufzug statt Abstand
Auch kleine Alltagssituationen zeigen für sie große Unterschiede. „Wenn man in Los Angeles in einen Aufzug steigt, fangen die Menschen sofort an zu reden“, sagt sie. „In Europa schaut jeder woanders hin.“ Ein amerikanischer Freund habe dieses Verhalten einmal als „entsetzlich unhöflich“ bezeichnet. Funke selbst habe diese Offenheit als Geschenk erlebt.
Geschichten, die um die Welt gehen
Diese Erfahrungen haben auch ihre Arbeit beeinflusst. „Amerika ist sehr viel fremder, als wir alle denken“, sagt sie. Gerade dieses Fremdsein habe ihren Blick geweitet. Sie berichtet von Reisen nach Indien, Mexiko und Australien, von Begegnungen mit Leserinnen und Lesern weltweit. „Da standen 2000 Menschen und jeder kannte jede Zeile meiner Geschichten. Ich habe nur noch weinen müssen, weil es so schön war.“ Seitdem fühle sie sich überall dort zu Hause, wo ihre Leser sind.

Ein Zufall, der passt
Wie der Abend zustande kam, erklärt Markus Loth offen. „Das war reiner Zufall, weil einer meiner Mitarbeitenden Kontakt zu ihr hatte. Ich habe dann gefragt: Kannst du sie mal fragen, ob das nicht etwas für das Couchgespräch wäre?“ Die Zusage kam schnell. „Spontan hat sie sofort zugesagt“, sagt Loth.
Gegen die Angst vor Stillstand
Im weiteren Verlauf wird das Gespräch persönlicher. Funke spricht über Mut und die Angst vor Stillstand. „Ich habe mehr Angst davor, dass jeder Tag derselbe ist“, sagt sie. „Dass nichts sich bewegt.“ Für sie sei entscheidend, das Leben aktiv zu gestalten und nicht in Routinen zu verharren.

Mut heißt, sich nicht einzurichten
Was sie unter Mut versteht, beschreibt Cornelia Funke noch konkreter. Die größere Gefahr liege darin, es sich bequem zu machen und nichts mehr zu verändern. „Das Leben ist nicht die Probe, es ist die Veranstaltung“, sagt sie. Für Funke bedeutet das, Chancen zu nutzen und Dinge auszuprobieren.
Sie glaube daran, dass jedes Leben eine Aufgabe habe. „Wir dürfen es doch nicht einfach verschwenden.“ Gerade deshalb müsse sie sich selbst immer wieder herausfordern. „Deswegen muss ich ab und zu die Cornelia wegscheuchen und die Mutige raus.“

Nahbar bis zum Schluss
Am Ende der Veranstaltung kommen die Besucher selbst zu Wort. Einige lassen Bücher signieren, andere suchen das persönliche Gespräch oder bitten um ein Foto für die Enkelkinder. Die Nähe zur Autorin bleibt bis zuletzt spürbar.

Drei Fragen, klare Antworten
Auch die abschließenden Fragen greift Cornelia Funke direkt auf. Ob Geschichten etwas verändern können? „Oh, das tue ich bei jedem Leser, dem ich begegne, und ich nehme mir das immer als Geschenk mit. Deswegen nehme ich meine Arbeit auch sehr ernst.“
Was der Gesellschaft heute fehle? „Unserer Gesellschaft fehlt Gemeinschaft. Unserer Gesellschaft fehlt das füreinander eintreten und das Zusammen, statt das Gegeneinander und das für jeder für sich alleine. Das fehlt uns.“
Und der Abend in ihrer Heimatstadt? „Das ist natürlich eine ganz wunderbare Sache, das auch einfach zu sehen, wie die Kreise sich schließen. Und meiner Mutter morgen früh davon zu erzählen, wird bestimmt was ganz Schönes.“
Infokasten: Cornelia Funke
Bekannteste Bücher:
Tintenherz
Tintenblut
Tintentod
Drachenreiter
Herr der Diebe
Kurze Vita:
Cornelia Funke wurde 1958 in Dorsten geboren und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Kinder und Jugendbuchautorinnen weltweit. Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Viele Jahre lebte sie in den USA, heute arbeitet sie wieder in Europa und ist regelmäßig auf Lesereise.




























