„Wollen Sie sich totfressen?“ Diese unverschämte Bemerkung eines Arztes ist der Hervesterin im Gedächtnis geblieben, seit sie ihn 2013 aufsuchte. Auch wenn es manchmal auf den ersten Blick so scheint, ein Lipödem ist keine Frage des (Über-) Gewichtes.
Es ist auch keine eigene Körperform, sondern eine chronische Erkrankung. Jede Frau kann diese Fettverteilungsstörung bekommen, bei der weder Diäten noch Sport helfen. Selbst bei einer ausgewogenen Ernährung, Normalgewicht und regelmäßigem Sport werden Beine und Arme immer dicker.
Kranke Fettzellen bestimmen den Alltag
In Deutschland leidet geschätzt jede zehnte Frau an dieser unheilbaren Fettverteilungsstörung. So auch Rosi Soggeberg. Bereits seit etlichen Jahren lebt sie mit dieser Krankheit, die sie ständig in ihrem Alltag behindert. Rosis Arme und Beine wurden immer dicker. Ein Lipödem tritt bevorzugt an Beinen auf und macht sich anfangs durch Spannungsgefühle und Schmerzen in den Beinen bemerkbar. Sie fühlen sich schwer an und die Beschwerden nehmen abends, nach langem Stehen oder bei Wärme an Intensität zu. Auch das Hochlagern der Beine verringert die Schmerzen nicht.
Im Gegensatz zu einer Gewichtszunahme, bei der sich die einzelnen Fettzellen vermehren, verändert und vermehrt sich bei einem Lipödem das Fettgewebe der Unterhaut symmetrisch an Beinen oder Armen. Parallel dazu lagert sich Wasser im Fettgewebe ein. Auf diese Weise entstehen die nicht zueinander passenden Körperproportionen mit tastbaren Knötchen in der Unterhaut. Als Folge der Wasseransammlung bilden sich Ödeme, die bei Druck stark schmerzen. Nicht nur Wasser wird vermehrt filtriert, auch die roten Blutkörperchen dringen leichter durch die Gefäßwände. „Selbst bei den kleinsten Berührungen bekomme ich dadurch sofort blaue Flecken“, bedauert Rosi Soggeberg.
Lipödeme und Lipo-Lymphödeme
Obwohl das Krankheitsbild Lipödem seit mehr als einem halben Jahrhundert bekannt ist, kennen sich nur wenige Ärzte mit dieser Erkrankung aus und raten daher erst einmal zur Gewichtsabnahme.
Rosi fandeinen Arzt, der bei ihr eine Magenverkleinerung vornahm. Sie verlor zahlreiche Kilos, als Folge davon bildeten sich jedoch Hautfalten an Armen und Beinen, die Proportionen stimmten weiterhin nicht.
Die zahlreichen Ekzeme, die sich durch die Hautlappen bildeten, trugen nicht dazu bei, dass sie sich besser fühlte. Rosi fiel in eine Depression, bis sie an einen Arzt geriet, der ihr die überschüssige Haut entfernte.
„Nie wieder würde ich diese Operation machen lassen, sondern eher mit den Beschwerden leben“, denkt die Dorstener Künstlerin mittlerweile darüber. Denn bei ihr kam als Folge der Oberarmstraffung zusätzlich zu Lipödemen in Armen und Beinen noch ein sogenanntes Lipo-Lymphödem in den Armen dazu. Verständlich, dass sie auf die bereits genehmigten Operationen zur Hautstraffung an den Beinen lieber verzichtet.
Als Folge einer Hautstraffung oder wenn die Erkrankung nicht richtig behandelt wird, drückt zu viel Fettgewebe auf das Lymphsystem und es bildet sich ein Lipo-Lymphödem, wie im Falle Rosi Soggebergs. „Ich kann morgens zusehen, wie sich das Wasser staut und meine Haut prall aussieht und glänzt. Meine Arme gehören nicht zu mir, aber ich lasse mir dadurch den Frohsinn nicht nehmen“, betont sie.
Lebenslange Behandlungen
Konventionelle Behandlungen, wie das Tragen maßgefertigter Kompressionstrümpfe oder manuelle Lymphdrainage, um das im Gewebe gespeicherte Wasser zu verringern, erzielen nur mäßige Erfolge bei der Behandlung eines Lipödems. Zudem müssen sie ein Leben lang fortgesetzt werden. Rosi kann ohne die Hilfe ihres Mannes Hans die Armstulpen und die Handschuhe nicht alleine anziehen.
Sie lindern zwar etwas die Beschwerden, tragen sich aber sehr unangenehm. Zudem kann sie nicht mehr greifen, wenn sie die Handschuhe trägt. „Es ist eine absolute Katastrophe, was mit Rosis Armen nach der OP geschehen ist und welche Einschränkungen und Schmerzen sie nun hat“, bringt es Hans Soggeberg auf den Punkt.
Bei einem Lipödem hilft auf Dauer nur eine Liposuktion, die Amputation des Fettgewebes. Die betroffenen Frauen sind krank, sie können ihr Aussehen nicht beeinflussen. Sie haben es im Alltag bereits schwer genug, ihnen sollten daher Respekt und Verständnis entgegengebracht werden.
Fotos: Christian Sklenak




























