Ganzheitliche Behandlung im Dorstener Krankenhaus verhilft zur Selbstständigkeit

Ob der gewellte Teppich, die steile Treppe oder das rutschige Laub: Schnell ist es geschehen und der Sturz ist passiert.

Stürzen kann jeder, doch gerade bei betagteren Menschen sind die Auswirkungen oft gravierend. Sie haben schwächere Knochen und können sich nur schlecht und langsam abstützen. Die Folge: Ein Knochenbruch am Oberschenkelhals, Unter- oder Oberarm, der operiert werden muss. Doch kann ein älterer Mensch, der womöglich medikamentös voreingestellt ist, mit einer solchen Fraktur einfach so operiert werden? Wirken sich die Medikamente der Patientin oder des Patienten nicht negativ auf die Operation aus oder umgekehrt? Welche weiteren Aspekte müssen vor und nach der OP beachtet werden? Antworten auf diese und viele weitere Fragen liefert das zertifizierte Alterstraumatologie-Zentrum des St. Elisabeth-Krankenhauses in Dorsten, in dem sowohl Unfallchirurgen als auch Geriater engmaschig zusammenarbeiten.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit für betagte Patienten

Der orthopädische Privatdozent Dr. Mike H. Baums, Chefarzt der Klinik für Chirurgie, Fachbereich Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie, und der Geriater Dr. Marco Michels, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Fachbereich Medizin im Alter, Neurogeriatrie, arbeiten hier Hand in Hand mit Therapeuten, Sozialdienst, Case Management und Pflegekräften zusammen.

Ziel ist es, Betroffene mit einem ganzheitlichen Konzept aus Mobilisation, Schmerztherapie sowie Hilfsmittelversorgung und hochfrequenter Begleitung zu therapieren. Als Dr. Baums seine Tätigkeit im Dorstener Krankenhaus im August 2016 begonnen hat, haben sich die beiden Chefärzte das erste Mal zusammengesetzt, um das Projekt ins Rollen zu bringen. Seit Februar 2017 behandeln sie nun gemeinsam Patientinnen und Patienten – und im September dieses Jahres wurden sie erstmalig zertifiziert.

Die Patienten des Alterstraumatologie-Zentrums

Doch wen genau behandeln die beiden Mediziner eigentlich? Die Patientinnen und Patienten der Alterstraumatologie sind in der Regel über 70 Jahre alt, haben verschiedene Vorerkrankungen und nehmen oft mehrere Medikamente ein. Sie sind gestürzt und müssen ins Krankenhaus. Hier beginnt die Arbeit von Dr. Baums und Dr. Michels.

Zunächst wird die oder der Betroffene „gescreent“. Dieses „Screening“, ein systematisches Testverfahren, ermöglicht, dass die Patientin oder der Patient schnellstmöglich behandelt werden kann und verhindert, dass Informationen verloren gehen. Die Senioren im St. Elisabeth-Krankenhaus profitieren dabei von einem Konzept, das bereits vor der OP beginnt und nach der OP weitergeht: „Nach einem Oberschenkelhalsbruch, der einer der häufigsten Knochenbrüche im hohen Alter ist, sterben laut den Deutschen Gesellschaften für Unfallchirurgie und Geriatrie ganze zehn Prozent der Patienten innerhalb von 30 Tagen nach dem Sturz. Rund ein Fünftel muss im Folgejahr in eine Pflegeeinrichtung ziehen. Das möchten wir verhindern: Die Rückkehr nach Hause in einen selbstständigen Alltag ist unser Ziel“, so Chefarzt Privatdozent Dr. Baums.

Aufgaben der Alterstraumatologie

Doch wie bewältigt das Zentrum für Alterstraumatologie das? „Durch gemeinsame Visiten und verschiedene Hilfsmittel wie Medikamente sowie Physio- und Ergotherapie können wir postoperative Komplikationen, wie zum Beispiel eine häufig auftretende Lungenentzündung, verhindern und den Patienten schnell wieder fit machen“, erklärt Dr. Michels.

Dabei geht es manchmal nur darum, eine Mangelernährung auszugleichen oder spezielle Medikamente wegzulassen und schon gehen Betroffene gestärkter in die OP. „Zwar gibt es viele gut wirksame Medikamente, aber die Menschen werden älter und irgendwann kommen sie an Grenzen der Verträglichkeit. Dann werden die Medikamente durch eine Narkose, eine Operation oder aber auch nur durch einen Ortswechsel auf eine harte Probe gestellt“, berichtet der Altersmediziner. „Mit ein bisschen Zuwendung können wir hier oft mehr erzielen, als mit zwei Tabletten“, so Chefarzt Dr. Michels weiter. „Besseres Ausgangsniveau, besseres Ergebnis“ ist die Devise der Alterstraumatologie. Und die Zahlen sprechen für sich: Zwischen den Jahren 2014 und 2016 gab es aufgrund der multiprofessionellen Zusammenarbeit in Alterstraumatologie-Zentren laut den Deutschen Gesellschaften für Unfallchirurgie und Geriatrie rund ein Fünftel weniger Todesfälle.

Zukunftspläne des neuen Zentrums

Und die Alterstraumatologie am Dorstener Krankenhaus hat bereits weitere Pläne für die Zukunft: So soll in der dortigen Fachabteilung in den kommenden Jahren ein Therapiebegleithund eingesetzt werden. „Auf diese wertvolle Ergänzung sind wir schon sehr gespannt. Ein Therapiebegleithund stellt nicht nur für unser Krankenhaus, sondern auch für unsere Gesellschaft einen großen Nutzen dar, denn die Menschen werden immer älter und eine soziale Unterstützung sowie optimale Versorgung im Alter sind für jeden von uns von Belang“, so Dr. Michels.

Alterstraumatologie-Zentrum Dorsten
KKRN_Foto_Alterstraumatologie

Ein Erfahrungsbericht

Elisabeth Linnemann ist so eine Patientin, die auf die Hilfe der beiden Chefärzte Privatdozent Dr. Baums und Dr. Michels angewiesen war.

Anfang des Jahres ist die 92-Jährige noch mit Hilfe durch ihren hauseigenen Garten gelaufen, im September ist sie dann auf die linke Hüfte gestürzt und hat sich den Oberschenkelhalskopf gebrochen. Daraufhin hat die in Dorsten wohnhafte Seniorin im St. Elisabeth-Krankenhaus ein Hüftimplantat erhalten. „Ich fühlte mich bei den beiden Ärzten sehr gut aufgehoben: Sie haben nicht nur Späße mit mir gemacht, sondern mich auch kompetent beraten und behandelt. Mit meinem neuen Hüftimplantat fühle ich mich richtig gut“, erzählt Elisabeth Linnemann.

Der Grund dafür: Bereits vor der OP hat das multiprofessionelle Team des Alterstraumatologie-Zentrums die Vorerkrankungen von Elisabeth Linnemann in den Blick genommen: Bereits seit mehreren Jahren leidet sie unter dem Parkinson-Syndrom und noch vor wenigen Monaten erlitt sie einen Schlaganfall.

Um eine schnellstmögliche Genesung zu garantieren, wurde vor der Operation die medikamentöse Einstellung der Patientin kontrolliert. „Parkinson-Medikamente sind hier ein ganz besonderer Fall: Wenn man sie vor der Operation weglässt, besitzen sie die Eigenschaft, die Patientin nach der OP steif und lahm zu machen.

Deswegen haben wir Elisabeth Linnemann auch weiterhin Parkinson-Medikamente verabreicht, denn ohne sie wäre sie in ihrer Mobilität und Feinmotorik nach dem Eingriff deutlich eingeschränkt gewesen“, klärt Dr. Michels auf. Kurz nach der Operation lief die 92-Jährige, die immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, deshalb bereits wieder über den Krankenhausflur: „Täglich trainieren die Physio- und Ergotherapeuten hier mit mir, denn wer rastet, der rostet“, weiß Elisabeth Linnemann. Die Betroffene hat ihr gutes Bewegungsmuster wiedererlangt – gemeinsam mit dem Team der Alterstraumatologie aus Unfallchirurgen, Altersmedizinern, Physio- sowie Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialdienst, Case Management und Pflegekräften. www.kkrn.de

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