Auf dem Dach der Welt

Foto: Christian Sklenak

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Ob dieser Satz aus einem Lied von Reinhard Mey so stimmt, frage ich Adem Serilmez. Er machte sich 2019 auf den beschwerlichen Weg hoch zum Mount Everest Base Camp (MEBC) in Nepal. 

Adem überlegt kurz. „Wenn du nach der spirituellen Freiheit fragst, muss ich verneinen, zumindest bei mir. Ich habe die Tour ja nicht aus einem spirituellen oder esoterischen Grund gemacht.“ Er fährt fort: „Die Freiheit dorthin gehen zu können, wo ich möchte, habe ich dort oben natürlich auch nicht. Die Wege sind schon sehr uneben und auch gefährlich. Ein falscher Tritt und du stürzt ab, denn Absturzsicherungen gibt es nicht. Aber was ich dir sagen kann: Irgendwann ist dein Kopf einfach nur leer. Wenn diese Freiheit gemeint ist, dann trifft der Satz hundertprozentig zu.“ Aber der Reihe nach.

Jeden Morgen spürst du, wie dünn die Luft hier oben ist

2019 flog Adem Serilmez mit seinem Geschäftspartner Paul Harazim zur nepalesischen Hauptstadt Katmandu, um ihrer Fabrik zur Herstellung von biologischen Tellern einen Besuch abzustatten. Im Anschluss daran flog der Dorstener weiter nach Lukla in der Khubu Region. Dort befindet sich der gefährlichste Flugplatz der Welt, mit einer nur rund 530 Meter langen Landebahn. Von dort aus ging es nach Namche Bazar (3440 Meter), wo alle Touren die zum Everest führen, starten. Auch der Dorstener begann hier seine Tour hinauf auf den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt, der auf nepalesisch Sagarmatha heißt. „Eigentlich planten wir zu viert, aber nach und nach sprang jeder meiner Kollegen ab. So zog ich alleine, begleitet von einem nepalesischen Führer, einem Sherpa, los. Wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es auch durch.“ 

Dass der Weg beschwerlich wird, das wusste Adem, aber er war und ist ja körperlich und mental fit. Während der Übernachtungen bei nepalesischen Familien, konnte sich Adem zudem auch Tag für Tag akklimatisieren. „Dennoch spürte ich jeden Tag mehr und mehr, wie dünn die Luft wurde. Morgens wirst du wach und hast das Gefühl, als wäre deine Lunge eingefallen“, berichtet Adem. „Nach zehn Minuten hast du dich dann aber daran gewöhnt“, fährt der Weltenbummler fort. 

Adem übernachtete stets bei freundlichen nepalesischen Familien
Foto: Privat 

Du hast das Gefühl, du stehst auf einem anderen Planeten 

Nur mit dem Nötigsten im Rucksack ging es höher und höher. Vorbei an Frauen, die die Hinterlassenschaften der grasenden zotteligen Rinder, der Yaks, einsammelten, um sie als Brennmaterial zu nutzen. Vorbei an sich drehenden tibetischen Gebetsmühlen, die Glück bringen sollen. Essen konnte Adem in den Tea Houses. Die Speisezettel dort boten jedoch außer gebratenen Teigtaschen (Momos) nur noch wenige regionale Gemüsegerichte, die Thali, an.  

Adem erzählt weiter: „Je höher wir kamen, umso spärlicher wurde die Vegetation und bald darauf sahen wir auch keine Bäume mehr. Selbst die wenigen Flechten, die ab und an noch vorhanden waren, verschwanden und du hast das Gefühl, du stehst auf einem anderen Planeten. Um dich herum sind nur noch Fels und Geröll.“  

Hier oben hörst du dein Herz schlagen

Unterbrochen wird diese Welt durch die sich am Wegrand befindlichen zahlreichen Gebets- und Wunschtafeln, sowie den Stupas, den buddhistischen Bauwerken, die zum Beten einladen. Lediglich wehende bunte Gebetsfahnen bringen etwas Farbe in die Einöde. „Was ich auch überall gesehen habe, waren die Gedenktafeln und Steintürme, die jeweils für einen hier oben verstorbenen Menschen stehen.“ Verbrannt werden können sie hier nicht mehr, bei dem Druck kann kein Feuer entzündet werden und zudem gibt es auch kein Holz. „Hier oben ist es so still, dass ich mein Herz habe schlagen hören und du merkst, was wirklich wichtig im Leben ist – oder zumindest dort oben: eine Zahnbürste und ein Alubecher für Trinkwasser“, bringt es der 35-Jährige auf den Punkt. 

Irgendwann kannst du nicht mehr denken 

„Tag sechs war der Wendepunkt der Tour“, erinnert sich Adem. „Du hast so starke Kopfschmerzen, als würde dir jemand von innen die Augen herausdrücken.“ Das ist der Moment an dem viele Bergsteiger aufgeben. „Das ist keine Tour, so wie sie in Lifestyle-Magazinen bebildert ist. Diese Tour geht absolut an die Substanz. Aber ich gebe nie auf, und daher war es auch in dieser Situation für mich keine Option.“ Adem erinnert sich an die über 70 Länder, die er sowohl privat als auch beruflich bereist hat. „Bombenexplosion in Afghanistan, Erdbeben, mittendrin in Krisengebieten, mich schockt so leicht nichts mehr.“ So sagte der Dorstener am sechsten Tag zu sich: „Beiß‘ jetzt die Zähne zusammen und lauf weiter. Wenn du gleich stirbst, dann ist das eben so.“  

Die zwei Bergsteiger hatten eh keine andere Wahl, denn sie gerieten zudem noch in einen starken Schneesturm. Zum Umkehren war es zu spät, die nächste Station lag bereits näher. „Und so gehst du immer und immer weiter. Du bist alleine mit deinem Guide, kein Mensch begegnet dir. UND DANN HÖRST DU AUF ZU DENKEN.“ 

Der Rückflug mit dem Heli ersparte Adem ein paar Tages des Abstiegs 
Foto: Privat

Das Base Camp auf dem Mount Everest 

Aber irgendwann war er endlich da, der besondere Augenblick. „Den werde ich nie vergessen. Wir standen über der Wolkendecke und sahen zum ersten Mal den Gletscher“, schwärmt Adem noch heute. Das gab den beiden neue Motivation und sie erreichten am zehnten Tag ihr Ziel. „Wir waren im Base Camp auf dem Mount Everest. 

Unsere Tour startete auf 1400 Metern und endete oben bei 5300 Höhenmetern. Dazwischenging es immer wieder hoch und runter, der Weg nahm einfach kein Ende.“ Zurück endete die Tour zum Glück schneller. Nach drei Tagen des Abstiegs hatten die beiden die Möglichkeit von Lukla mit einem Helikopter nach Katmandu zu fliegen.  

„Die Welt ist in den letzten Jahren für mich ein Dorf geworden. Früher fuhrst du mit dem Auto in sieben Stunden nach München, heute fliegst du in dieser Zeit nach Katar“, fasst Adem seine Gedanken zusammen.  

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Hallo, ich bin Martina Jansen. Meine Heimat ist das Monatsmagazin „Lokallust“, aber da wir mit den „Heimatmedien“ eng zusammenarbeiten, richte ich mich seit einiger Zeit nun auch hier als freie Mitarbeiterin häuslich ein. Als nicht gelernte Redakteurin schreibe ich aus dem Bauch heraus und lasse dabei unbewusst, gerne aber auch ganz bewusst, redaktionelle Regeln aus. Soll heißen: Ich schreibe so, dass ich auch verstanden werde. Gerne treffe ich mich mit Menschen aus Dorsten, Schermbeck oder Raesfeld, die ein verrücktes Hobby haben, ehrenamtlich tätig sind oder einfach „gut drauf“ sind, also mit Menschen wie du und ich und bin jedes Mal darauf gespannt, welche Geschichte am Ende dabei herauskommt.