Üble Gerüche kennt man auch heute noch in Dorsten: Bei Wetterumschwüngen kriechen sie bisweilen aus der Kanalisation hervor, und auch der sich tagtäglich durch die Lippestadt schiebende Verkehr gleicht nicht gerade einem rollenden Rosenbeet. Aber ländliche Duftnoten würde man heute nicht mehr in der Innenstadt erwarten – und dennoch war es in der Hühnerstraße vor dem Krieg ganz genau so. Hier wurde gewerkelt, geschmiedet und geschlachtet – mitten in der Altstadt.
Handwerk in der Hühnerstraße
Die Hühnerstraße ist heute eine eher ruhige Gasse: Von der belebten Lippestraße aus wandert sie ostwärts zum Ursulinenkloster, wo sie in die Kappusstiege mündet. Vor dem zweiten Weltkrieg aber war es hier schon früh morgens mit der Stille vorbei. An der eher kurzen Straße lebten und arbeiteten nämlich viele Handwerker, und besonders auf dem Schlachthof ging es ziemlich lautstark zu.

Schlachthof, Schmiede und Drahtesel
Richtig, ein Schlachthof: Mitten in der Innenstadt, wo sich heute ein ruhiger Hinterhof befindet, brüllte schon früh am Tag das Vieh, wenn die Schlachter ihr blutiges Handwerk begannen.
Zur selben Zeit, wenn vom Kirchturm sechs Schläge herüberschallten, ließ auch August Kottendorf seinen Schmiedehammer zum ersten Mal auf den Amboss knallen. Seine Schmiede ist heute einem Parkplatz nördlich der Einmündung zur Wiesenstraße gewichen, und mit ihr auch die Werkstatt seines Nachbarn Heinrich Kaiser, der die seinerzeit noch allgegenwärtigen Arbeitspferde beschlug und ihre Hufe ausbesserte.
Wer seinen Gaul schon gegen einen Drahtesel getauscht hatte, musste ein paar Meter weitergehen: Am Ende der Hühnerstraße konnte man bei Heinrich Koop Vollgummireifen erwerben und sie sich auch direkt montieren lassen. Auf der kurzen Wegstrecke konnte man außerdem den Schumacher Leineweber, den Schlosser Imberg, den Uhrmacher Lugge, den Möbelhändler Schmitz und den Klempner Baumann finden.
Wohnen über der Werkstatt
Hier wurde aber nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt: Die meisten Handwerker wohnten, aßen und schliefen über ihren Werkstätten. Da waren Konflikte programmiert.
Von der Witwe Grewer etwa, die direkt am Schlachthof wohnte, sind Proteste gegen das laute Vieh und die brodelnde Wurstküche überliefert.
Oder die pragmatische Art des etwas kauzigen Schmiedes Kottendorf, der noch im hohen Alter jeden Tag den Hammer schwang. Nachts fühlte er sich oft von der Straßenlaterne vor seinem Fenster gestört. Für den patenten Mann in Zeiten vor dem elektrischen Licht kein Problem: Er lehnte sich einfach aus dem Fenster und löschte die Funzel mit einem Besenstiel.



