Denise Müller: Morgen woanders – Mit dem Moped um die Ostsee

Denise Müller Beitragsbild

Denise Müller aus Rhade machte sich mit ihrem Motorrad auf, die Ostsee zu umrunden. Eine feste Route hatte sie nicht. Das Netz sollte bestimmen, wohin ihre Reise führt. Aus geplanten 5.000 Kilometern und sechs Wochen, wurden 14.000 Kilometer und drei Monate.

Als sich ihr Partner von ihr getrennt hatte, wollte Denise einfach nur weg. Rauf auf’s Motorrad und alles hinter sich lassen. Aber nur ungern allein sein. In Facebook-Gruppen für Bikerinnen machte sie ihre Situation öffentlich, fragte wer sie als Übernachtungsgast aufnehme. Innerhalb einer Stunde erreichten Denise 65 mögliche Schlafplätze. So fuhr sie quer durch Deutschland. Ihre erste große Moped Tour. Den Führerschein hatte sie gerade einmal zwei Jahre in der Tasche. Eine für sie unvergessliche Zeit. Wieder zuhause angekommen, fragte sie sich: „Geht das wohl auch international?“

Denise wollte einmal um die Ostsee fahren

Ihr neues Ziel: Einmal um die Ostsee. Wieder startete sie einen Aufruf über die sozialen Medien, fragte nach Tipps, nach Orten, die sie besuchen sollte und nach Übernachtungsmöglichkeiten. Dann brach sie schließlich auf:

„Ich bin einfach unbedacht in Sommerklamotte losgefahren, mit meinem kleinen Aldi-Zelt. Meine Winter- oder Regenkombi war eine Flasche Imprägnierspray“, erinnert sich Denise. Auf den ersten Metern beschlich sie dann doch ein diffuses Gefühl. Auf der einen Seite umgab sie die beängstigende Frage: Was ist, wenn..?, auf der anderen Seite das unbändige Gefühl von Freiheit pur.

Motorrad
In Rummu/Estland wurde ein Kalkstein- und Mamor-Tagebau geflutet und dort entstand in dieser skurrilen Umgebung ein traumhafter Badesee

Die Reise ergab sich während der Reise

Denise wollte die Ostsee umrunden, soviel stand fest. Wo lang ihre Reise aber genau führte, ergab sich praktisch erst während der Reise. Etwa durch Leute, die sie unterwegs kennenlernte, oder ihren Leser, die sie während ihrer Tour quasi live begleiteten, und an so manche Orte schickten.  Ihren Plan an der Küste entlang zu fahren, hatte sie dafür ein paar Mal außer Acht gelassen. 

Denise bloggte gegen das Allein-Sein

In ihrem täglichen Reise-Blog teilte Denise ihre Erlebnisse und tauschte sich aktiv mit ihren Lesern aus. „Dieses ‚darüber schreiben‘ war mir ganz wichtig“, betont Denise. „So hatte ich nicht das Gefühl alleine zu fahren.“ Die Leser schickten Denise in den Norden Finnlands zu sagenhaften Seen, an den nördlichsten Polarkreis zu Santa Claus und noch weiter hoch zum Nordkap.

Warum wollen alle ans Nordkap?

„Das Nordkap, das schreibt sich fast jeder Biker auf die Fahne. Und ich hatte es nicht verstanden“, schildert Denise. Warum wollen alle ans Nordkap, fragte sie also in ihrem Blogg. Die vielen Antworten sangen alle dasselbe Lied: „Du wirst dich ärgern, wenn du dort nicht hinfährst.“ Also fuhr Denise los. 

Denise Müller am Nordkapp
Das Nordkap-Schild (norwegisch mit Doppel-P) hat Denise auf der Rückfahrt aufgenommen, da der Nebel dann nicht mehr so dicht war

„Der Weg dahin war schon irgendwie besonders. Es war dichter Nebel und ich hatte vier Grad im Sommer. Ich habe nur gezittert.“ Bis sechs Uhr sollte sie an der Kugel gewesen sein, so der Tipp eines Lesers. „Ein paar Kilometer vor dem Nordkap habe ich mein Zelt in einem Berg aufgeschlagen und mich hinein verzogen. Ich war wirklich klitschnass, überall am Frieren. Dann habe ich mir Heißwasser in eine Cola Flasche gefüllt und diese unten in den Schlafsack gesteckt. Ich war überhaupt nicht mehr aufzuwärmen.“ Gegen drei Uhr hörte sie das erste Motorrad hoch fahren und machte sich auf.  Im „Blindflug“ durch die Serpentinen. Es herrschte weiter dichtester Nebel. „Während der Fahrt habe ich nur gedacht: Denise, du bist wahnsinnig. Musst du auf deine alten Tagen echt noch alles machen?“

Ein erhabener Moment

An der Kugel angekommen, überkamen Denise die Tränen: ,,Ich habe nur noch geheult. Es war so ein erhabenes Gefühl dort zu stehen. Ich bin ja schon länger „out-of-order“ gesetzt (Aufgrund von Depressionen und Angstzuständen ist Denise vorzeitig zur Ruhe gesetzt worden). Man fühlt sich immer, als wenn man nichts könne. Dann stehst du da oben an dieser Kugel, was so viele in ihrem Leben noch erreichen wollen, und du hast es gemacht. Es war einfach nur erhaben. Man ist einen halben Meter größer wieder von der Kugel weg.“

Elche gucken

Irgendwann fand sich Denise mitten in der Nacht allein in einem Wald wieder. Elche beobachten.  „Ich hatte mir gerade ein Plätzchen gesucht, da tigerte auf einmal ein Mann rum, mit einem Eimer unterm Arm und sagte oh sorry, stör´ ich dich? –Nö ich wollte hier nur Elche gucken.“ So lernte Denise Anders kennen. „Anders wollte Füchse mit alten Fisch anlocken, die er dann fotografierte. Er sagte mir: Elche hier? Kannste Glück haben, muss aber nicht. Ich zeige dir, wo sie wirklich sind.“ Wenig später saß Denise neben Anders in einem alten Bulli und fuhr auf Elchsichtung. „Das war eine ganz besondere Nacht und natürlich habe ich Elche gesehen. Elchkühe mit ihren Kälbern.“

Gammelstad
Gammelstad/Schweden (habe ich nur aufgrund des Namens besucht, war aber total angetan von der kleinen Stadt. Gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe)

Tourabschluss bei Dorstenern 

Denise Tour führte sie die deutsche Nord- und Ostseeküste entlang nach Danzig. Von dort aus fuhr sie durch das Baltikum, wo sie in Estland die Fähre nach Finnland nahm.  Dann Norwegen, Schweden und schließlich Dänemark. Wie passend führte sie ihr letzter Halt zu einer Familie aus Dorsten, die in Dänemark Urlaub machte.

Denise Müller

„Während der Fahrt habe ich nur gedacht: Denise, du bist wahnsinnig. Musst du auf deinen alten Tagen echt noch alles machen?“ (Denise Müller)

Denise macht die nächste Tour nicht mehr allein

Ihre nächste Reise soll über Rumänien und der Schwarzmeer Küste nach Istanbul führen. Diese Mal aber mit Begleitung. Vor kurzem hat Denise einen Hund adoptiert, in „Rucksackgröße“, wie sie sagt, „Wir haben schon einige Motorradtouren unternommen und ich hoffe mit ihm auf Reisen gehen zu können. Dann bin ich nicht mehr so alleine.“