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Der Wahnsinn von Wannsee und seine Opfer in Dorsten

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Das Vernichtungslager Auschwitz ist für immer ein Symbol für den nationalsozialistischen Terror. Bild: Bundesarchiv

Am 80. Jahrestag der Wannseekonferenz erinnert ein ZDF-Film über die kühle Nüchternheit, mit dem der Mord an 11 Millionen Menschen geplant wurde. Doch schon Jahre zuvor wurden auch in Dorsten Menschen zu Tätern und Opfern.

Auf der Straße bespuckt, aus ihren Häusern gezerrt, ihre Wohnungen in Brand gesteckt: Am 9. November 1938 fiel ein entfesselter Mob überall in Deutschland über seine jüdischen Mitbürger her. Szenen wie aus einem Alptraum spielten sich auch in Dorsten ab.

Zu den Opfern gehörte auch die Familie Lebenstein aus Lembeck. Sie wurden umgebracht oder vertrieben. „Was haben wir nur gemacht, dass man so mit uns umgeht?“, sagte Bertha Lebenstein kurz vor ihrer Verschleppung. Foto: Dorsten unterm Hakenkreuz

Mit Fackeln zogen aufgestachelte Dorstener zum jüdischen Gemeindehaus an der Wiesenstraße, rissen die Einrichtung heraus und schleppten wertvolle religiöse Gegenstände, Kleidung und Möbel auf den Marktplatz, wo sie alles unter Johlen verbrannten. Das Gemeindehaus selbst wurde nur deswegen nicht selbst angezündet, weil die Nachbarhäuser sonst Feuer gefangen hätten. Angeführt wurde der Mob von SS-Leuten, aber auch Jugendliche in HJ-Uniformen und Zivilisten beteiligten sich an dem Verbrechen.

SA-Leute in Wulfen trieben eine hilflose Frau, die Kleider halb vom Leib gerissen, unter Schlägen und Erniedrigungen aus dem Ort. Später rühmte man sich in Wulfen, in dieser Nacht begonnen zu haben, den Ort „judenfrei“ zu machen.

Nachbarn wurden zu Tätern

Als am Morgen nach der Nacht, in der Nachbarn zu Tätern wurden, das zersplitterte Glas in ganz Deutschland auf den Bürgersteigen schimmerte, war der höhnische Begriff von der „Reichskristallnacht“ schnell geboren. Doch niemand bestrafte die Täter. Vielmehr nutzten die Nazis das Attentat auf einen Botschafter durch einen jungen Juden, dessen Eltern man enteignet und nach Polen deportiert hatte, als Vorwand, um den Opfern die Schuld zuzuschieben. So hieß es in der Dorstener Volkszeitung am 11. November 1938: „Der ruchlose Mord an dem Gesandtschaftsrat von Rath durch einen Juden löste auch hier in Dorsten Stürme der Entrüstung und der berechtigten Empörung aus. Die Polizei sah sich schließlich genötigt, die hier im Amtsbezirk wohnenden Juden im Interesse ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft zu nehmen.“

Schutzhaft war dabei die beschönigende Festnahme unschuldiger Bürger, die erst dann aus der Haft kommen konnten, nachdem sie ihr Hab und Gut zu Schleuderpreisen an sogenannte „Arier“ verkauft hatten. So bereicherten sich viele Menschen auf Kosten der Opfer, denen man nicht nur Häuser und Geschäfte genommen hatte, sondern die auch noch für die ihnen angetanen Schäden an die Täter bezahlen mussten.

Ein Alptraum. Aber was danach kam, war noch viel schlimmer.

Massenmord im Rassenwahn

„Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig.“ Hinter diesen knappen Zeilen, die Goebbels im März 1942 in sein Tagebuch schrieb, verbirgt sich millionenfaches Leid. Die Nazis planten es in empathieloser Berechnung auf der Wannseekonferenz in Berlin.

Auf Juden und andere sogenannte „Volksfeinde“, darunter Homosexuelle, Behinderte, Sozialdemokraten und Kommunisten sowie sogenannte „Zigeuner“, später dann auch als „Untermenschen“ deklarierte Polen und Russen aus den besetzten Gebieten, wartete ein mit kalter Bürokratie vorbereiteter und industriell durchgeführter Massenmord. Dieser geschah in so unvorstellbarem Ausmass, dass er auch heute trotz erdrückender Beweislast, Tausender Zeugen, zahlloser Akten und Befehle und historischen Aufarbeitungen noch immer von manchen Menschen geleugnet, verharmlost oder bestritten wird.

Gedenktafel am Haus der Wannseekonferenz in Berlin. Foto: OTFW Berlin

Auschwitz – ein Symbol

Selbst den kriegsgeschundenen Russen erschien der Weg ins KZ wie der Gang durch die Tore der Hölle. Tote und sterbende Häftlinge, zu Skeletten abgemagert und von Krankheiten befallen, lagen in den Baracken. Wer noch laufen konnte, war zuvor von den Deutschen auf Todesmärschen nach Westen getrieben worden. Der Fund von zehntausenden Paar Schuhen und sieben Tonnen Menschenhaar ließen die Befreier ahnen, was hier passiert war. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen waren alleine hier in Auschwitz ermordet worden. Der Name „Auschwitz“ wurde zum Symbol für den Holocaust, das Foto der Bahngleise und des Haupttores zum Bild des unfassbaren Bösen.

Gedenken in Dorsten

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Vernichtungslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. An diesem Tag wird international der Opfer des Holocaust gedacht. In Dorsten gibt es seit vielen Jahren rund um dieses Datum immer einige Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr wird es wieder einige Aktionen zur Erinnerung geben (eine Übersicht finden Sie hier). Auch auf der Seite „Dorsten unterm Hakenkreuz“ kann man sich über die Schicksale der Dorstener Juden informieren.

Kurz nach dem Krieg war das so vielfältige jüdische Leben in Dorsten praktisch erloschen. „Wir müssen uns erinnern“, schrieb einst die Schriftstellerin Marguerite Duras, „damit sich das nie wiederholt.“

Im vergangenen Jahr erinnerte Barbara Seppi, Mitarbeiterin der Stadtinfo Dorsten, auf einem digitalen Stadtrundgang an das jüdische Leben in Dorsten. Foto: Archiv/Stadt Dorsten

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