Frauenwahlrecht: Heute vor fünf Jahren durften Frauen in Saudi-Arabien erstmals wählen gehen

Dorsten. Der 12. November 1918 gilt als Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland. Über 102 Jahre ist das her. In arabischen Ländern folgte das Frauenwahlrecht deutlich später.

Frauen in Saudi-Arabien durften am 12. Dezember 2015 – vor fünf Jahren – erstmals wählen gehen. Ein wichtiger Schritt Richtung Zukunft. Aber: Das Interesse an der Wahl war recht gering. Und das ist es in vielen arabischen Ländern noch immer. Woran liegt das?

Wir sprachen mit Akilah Alima* (Name von der Redaktion geändert). Sie kommt ursprünglich aus Syrien und hat in Dorsten eine neue Heimat gefunden.

In Syrien wurde das Frauenwahlrecht im Jahr 1953 eingeführt. Aufgrund der hohen Sensibilität, die das Thema mit sich bringt, bleibt sie anonym. Sie spricht über das Frauenwahlrecht und Frauenrechte im Allgemeinen.

Wahlrecht: Wer geht bei einem Kanditaten wählen?

„Zu dem Wahlrecht kann ich generell sagen, dass es in den arabischen Staaten leider keine Demokratie gibt. In Syrien war es so, dass viele gezwungen wurden, wählen zu gehen“, erklärt Akilah Alima. „Als ich in Syrien war, bin ich nie wählen gegangen“, erinnert sie sich. Welche Wahl habe sie schon bei einem einzigen Kandidaten, der sich aufstellen lässt und seine Familienmitglieder für andere politische Ämter ernennt?

„Er bekam immer 99,9 Prozent aller Stimmen. Niemand, der in Syrien gewählt wurde, wich von diesem Wert ab. Nie waren es nur 70 oder 80 Prozent. Immer blieb das Ergebnis bei 99,9 Prozent“. Ihrer Ansicht nach braucht es noch eine lange Zeit, bis sich etwas in der Gesellschaft, der Kultur und in den Familien ändern wird.

„Viele Gesetze werden in den arabischen Staaten im Namen des Islams aufgesetzt. Das hat aber nichts mit der Religion des Islams zu tun.“, kritisiert Akilah Alima. „Viele folgen dem traditionellen Weg: Hauptsache das Familienoberhaupt ist ein männliches Wesen“, sagt sie.

Frauenrechte sollten selbstverständlich sein

Weiter meint sie: „Ich finde es traurig, dass wir in diesen Zeiten leben und Frauen in der heutigen Zeit in manchen Teilen der Welt nach wie vor keine Rechte haben“. Ihnen werde nie die Möglichkeit geboten, ein eigenes Leben aufzubauen. Einst sei es auch in arabischen Ländern völlig normal gewesen, dass Frauen in vielen Bereichen des Lebens teilnahmen. Heute gebe es große Unterschiede.

Oft abhängig davon, was der Mann erlaubt. Noch immer kritisieren Aktivisten die Diskriminierung von Frauen. Auch Akilah Alima kennt die Schwierigkeiten: „Ohne die Genehmigung eines männlichen Vormundes dürfen Frauen beispielsweise nicht verreisen oder heiraten“, sagt sie.

Bildung spielt eine große Rolle

Worin aber der Schlüssel liegt, um überhaupt etwas an der Situation für Frauen ändern zu können? „Bildung spielt eine große Rolle. Je mehr Frauen und Mädchen Zugang zur Bildung bekommen, desto mehr lässt sich bewegen“, erläutert Alima. Auch in der Erziehung müsse sich noch einiges tun. Wenn ein Mädchen in einer Familie aufwächst, wo die Mutter zuhause bleibt und nicht arbeiten geht, lernt das Kind, dass das normal sei: „Die Mutter sollte arbeiten gehen. In einer Familie müssen auch Mädchen das Recht haben, ihre Meinung frei äußern zu können“, betont Akilah Alima. Das bedeutet zugleich, dass jeder offen und tolerant anderen Religionen gegenüber sein sollte.

Andere Meinungen zulassen

„Wer immer nur glaubt, selbst recht zu haben, wird keine Diskussion anstoßen. Doch wir brauchen den Dialog.“, schlussfolgert sie. Während des Kriegs in Syrien, erinnert sie sich, wollte ein Herrscher auf seinem Recht beharren: „Der Krieg kam, weil ein ganzes Land Freiheit wollte. Die Regierung antwortete mit dem Militär und Krieg und tötete Menschen. Dadurch mussten Menschen fliehen, die ihr Land nicht verlassen wollten. Aber wenn einer glaubt, er sei der Einzige, der das Sagen hat, kann das nicht gut ausgehen: Ein Herrscher wird sich auch darüber im Klaren sein: Wenn er verliert, verliert seine Familie alle Benefits.“ Akilah Alima ist daher froh, jetzt in Deutschland zu sein. Sie lebt in einer Demokratie, wo die eigene Meinung erlaubt ist, ohne dass gleich das Militär vorfährt.

Fortschritt sah auch Human Rights Watch

Menschenrechtler und Aktivisten sehen im Frauenwahlrecht einen Fortschritt. Zuletzt führte Saudi-Arabien das Frauenwahlrecht ein: „Saudi-Arabien hat erkannt, dass es sich in Sachen Frauenrechte weiterentwickeln muss“, erklärte damals Adam Coogle von Human Rights Watch. Aber: „Wenn ein Mann eine Frau davon abhalten möchte zu kandidieren oder zu wählen, gibt es so viele Wege, wie er das tun kann“, bemängelte er. Hinzu kommt, dass Frauen im Wahlkampf nicht direkt vor Männern sprechen und auftreten dürfen. Dann muss ein Mann das Sprechen übernehmen.

Ist das Wahlrecht für Frauen in den arabischen Ländern folglich nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Selbst in Deutschland war es einst ein langer Weg. Der Kampf für das Frauenwahlrecht in Deutschland begann im Jahr 1848. Sozialdemokratin Marie Juchacz hielt am 19. Februar 1919 als erste Frau eine Rede in der Nationalversammlung. Sie sagte: „[…] Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als freie und gleiche im Parlament zum Volke sprechen kann […]. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist“.

Wahlrecht Frauen SPD Dorsten
Laienschauspieler/innen führten anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Frauenwahlrechte in Dorsten kurze Theatersequenzen vor. Hier: Politik ist Männersache. Auch Frauen des Bürgertums hatten keine Rechte. Sie waren lediglich für den Haushalt und die Kindererziehung verantwortlich. Foto: Archiv

100 Jahre lang haben sich Frauen in Deutschland für ihre Rechte stark gemacht – und der Orient blickt auf eine andere Geschichte als der Westen. Vielleicht braucht die Welt weitere 100 Jahre oder länger, bis Frauen weltweit auf ihre Rechte vertrauen dürfen. Und vielleicht, so die Hoffnung, kann der Orient dann seine Magie entfalten und fortschrittlich den Weg in Richtung Zukunft gehen.

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Marie-Therese Gewert
Hallo, ich bin Marie. Schon während meines Studiums in Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule schlug mein Herz für die Geschichten der Menschen. Als freie Mitarbeiterin war ich während meines Studiums stets für die WAZ Dorsten unterwegs. Danach zog es mich nach Kassel zum Volontariat bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, kurz HNA. Nachdem ich in einer Kommunikationsagentur in Düsseldorf tätig wurde, entschied ich mich im Mai 2018 für die Selbstständigkeit. Seither arbeite ich für verschiedene Auftraggeber, journalistisch und beratend. Ich schreibe für dorsten-online.de, weil die Plattform von Menschen aus der Heimat für Menschen aus der Heimat gemacht wird. Ich freue mich, Sie mit Beiträgen und Informationen aus der Region versorgen zu dürfen. Anregungen, Fragen und Hinweise nehme ich gerne entgegen. Marie-Therese Gewert

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