Gegen 10:45 Uhr formierten sich am Wappenbaum die Abordnungen des Allgemeinen Bürgerschützenvereins Wulfen, der Vereine, der Politik und der Bundeswehr. In stiller, vom Regen gedämpfter Atmosphäre zog der Zug hinüber zum Wulfener Ehrenmal jenem Ort, der vor genau 100 Jahren errichtet wurde, um an die Gefallenen im Kriege zu gedenken.
Den Auftakt der zentralen Dorstener Gedenkfeier bildete am Sonntag der Gottesdienst in der St.-Matthäus-Kirche. Pater Shajan feierte um 9.30 Uhr mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen eindrucksvollen Wortgottesdienst, in dem es um Verlust, Verantwortung und die Frage ging, was jeder Einzelne heute zum Frieden beitragen kann.
Wie zur Trauer bestellt regnete es, und das Wetter war grau.
Doch gerade dieses Novembergrau schien an diesem Volkstrauertag in Wulfen zu unterstreichen, worum es ging: erinnern, mahnen und den Blick nach vorn richten.

Begleitet von der Blasmusik Wulfen erreichte der Zug den Gedenkort, an dem in diesem Jahr nicht nur zurückgeblickt, sondern auch ein deutliches Signal für Gegenwart und Zukunft gesetzt werden sollte.
Erinnerung an eine brüchige Friedensordnung
Am Ehrenmal begrüßte der 1. Vorsitzende des Bürgerschützenvereins, Michael Diekert, die Anwesenden. Er erinnerte daran, dass dieses Monument seit einem Jahrhundert davon zeugt, wie schnell Frieden zerbrechen kann und wie teuer die Menschheit Fehler der Vergangenheit bezahlt hat. Aus Geschichte zu lernen, so der Tenor, bedeute, nicht dieselben Irrwege noch einmal zu gehen.

Einen historisch-politischen Rückblick steuerte die Geschichtsgruppe des Heimatvereins Wulfen bei. Max Schürmann machte deutlich, dass gefährliche Entwicklungen oft schleichend beginnen. Die Botschaft: Wer solche Tendenzen ignoriert, riskiert, dass sich die Spirale von Hass und Gewalt erneut in Gang setzt.

Junge Stimmen: „Heldsein“ neu gedacht
Für einen besonderen Moment sorgten Schülerinnen und Schüler der Montessori-Schule, die sich anlässlich des 100-jährigen Jubiläums intensiv mit dem Ehrenmal beschäftigt hatten. In einer Art Poetryslam Beitrag unter dem Titel „Heldsein = Menschsein!“ brachten sie ihre Gedanken zu Erinnerung und Verantwortung auf die Bühne.

Nicht von oben herrab, sondern ehrlich in junger Sprache war ihr Auftritt. Sie stellten die Frage, was „Heldentum“ heute bedeuten kann. Nicht im Kampf mit der Waffe, sondern im Eintreten für Menschenrechte, in Zivilcourage, im Aufstehen gegen Mobbing, Ausgrenzung und Hass im Alltag. Das berührte viele der Anwesenden sichtbar ein moderner, nachdenklicher Blick auf eine Gedenkkultur, die sich wandelt.
„Tag der stillen Trauer – und der lauten Mahnung“
Die offizielle Gedenkansprache hielt Bürgermeister Tobias Stockhoff. Er machte deutlich, dass der Volkstrauertag längst kein Tag der Heldenverehrung mehr sei. Vielmehr sei er ein stiller Trauertag und zugleich eine deutliche Warnung in die Gegenwart.

Stockhoff erinnerte daran, dass heute nicht nur der gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege gedacht werde, sondern aller Opfer von Krieg, Terror, Diktatur und Gewalt bis hin zu aktuellen Konflikten weltweit. Gedenken sei kein Selbstzweck, betonte er, sondern ein klarer Auftrag.

Der Volkstrauertag, so der Bürgermeister, fordere dazu auf, sich aktiv für Menschlichkeit und Frieden einzusetzen – im persönlichen Umfeld ebenso wie im politischen Raum.
Gebet, Kränze, Musik am Ehrenmal
Nach der Ansprache folgte ein Gebet von Pater Shajan, in dem die Namenlosen in den Blick genommen wurden. Die im Bombenhagel starben, die Vermissten, die Zivilisten in besetzten Gebieten, die Opfer von Verfolgung und Hass.

Im Anschluss legten Wulfens Schützenkönig Theo Rößmann, Bürgermeister Tobias Stockhoff und Vertreter der Bundeswehr Kränze am Ehrenmal nieder.

Die Musik intonierte zum Abschluss noch einmal ein getragenes Stück und Michael Diekert mit einem kurzen Schlusswort dankte den Mitwirkenden, den Gästen, aber auch allen, die das Ehrenmal in den letzten Jahren gepflegt und restauriert haben. Das Monument, sagte er, sei längst mehr als ein historischer Stein: ein gemeinsames Zeichen gegen Gewalt und Hetze, für Zusammenhalt und Frieden.
Vom Ehrenmal in den Dialog: Vorstellung des Kunstprojekts „DAFÜR“
Nach der Zeremonie fanden viele der Teilnehmenden den Weg ins Heimathaus Wulfen. Dort begann ein zweiter, zukunftsgerichteter Teil dieses Volkstrauertages. Die Vorstellung eines geplanten Kunstwerks, das das Ehrenmal ab 2026 ergänzen soll.
Bereits im Januar 2025 hatten sich Vertreter der Stadt Dorsten einschließlich des Denkmalschutzes, des Bürgerschützenvereins, des Heimatvereins und der Kirchengemeinde St. Matthäus zusammengesetzt. Ziel war es, den Gedenkort behutsam zu erweitern. Nicht mit einem weiteren trauernden Symbol, sondern mit einem ermutigenden Zeichen für das, was Gewalt und Krieg verhindern kann.

Der Dorstener Bildhauer Rainer Kühn entwickelte aus dieser Grundlage einen Entwurf mit dem Arbeitstitel „DAFÜR“. Sein Modell wird nun im Heimathaus ausgestellt und von der Geschichtsgruppe des Heimatvereins begleitet und zur Diskussion gestellt. Ein Modell was von vielen Betrachtern als nicht treffend empfunden wird. Ohne Bezug zu Wulfen und zum vorhandenen Denkmal.
Sechs Stelen für die Werte des Friedens
Kühn versucht an das bestehende Ehrenmal anzuknüpfen. Sechs Steinstelen sollen den Platz ergänzen. Sie stehen sinnbildlich für das Heute während das ursprüngliche Ehrenmal die Vergangenheit verkörpert.

Auf den Stelen beziehungsweise in ihrer Gestaltung sollen Werte sichtbar werden. Kleine, zusätzliche Steine und Strukturen deuten unterschiedliche Wege an, wie diese Werte im Alltag Gestalt annehmen können.
Ein Gedenkort, der weitergeht
Die Beteiligten verfolgen das Ziel, das Kunstwerk im Jahr 2026 am Wulfener Ehrenmal zu realisieren. Dann würde der Platz noch stärker das widerspiegeln, was sich bereits an diesem Volkstrauertag andeutete: Gedenken als lebendiger Prozess. Kein stummer Stein, sondern ein Ort, an dem Trauer, Mahnung und Hoffnung zusammenkommen.




























