Erinnerungen ist eine Weihnachtsgeschichte unserer Mitarbeiterin Martina Jansen.

Die alte Frau sitzt in ihrem Sessel und wartet. Sie hat sich fein gemacht, ihre weiße Bluse und ihren besten Rock angezogen. Es ist der Heilige Abend, ein Abend, der für sie schon immer ein ganz Besonderer war und auch bleiben wird. Gleich wird sie abgeholt von ihrer Familie, um diesen Abend gemeinsam mit ihren Lieben zu verbringen.

Auf ihrem Schoß liegt eine kleine abgegriffene Schachtel, die sie wie einen kleinen Schatz hält. Die alte Frau öffnet sie und schaut sich das kleine Glöckchen an und lächelt. Ihre Gedanken gehen mehr als 80 Jahre zurück zu ihrem ersten, bewusst erlebten Weihnachtsfest. An diesem trug sie die neuen weißen Schleifen in ihrem Haar.

In ihrer Erinnerung hört sie den Klang des silbernen Glöckchens, das die Ankunft des Christkindes bekannt gab. Für einen kurzen Moment kommen all die Gefühle zurück, die sie hatte, als sie ihre sehnlichst gewünschte Puppe unter dem Christbaum liegen sah und an sich drücken konnte. Sie lächelt und vor ihrem inneren Auge ziehen weitere Weihnachtsfeste vorbei. Aber keines davon hinterließ einen so starken Eindruck wie ihr erster Heiliger Abend.

Deutlich sieht die weißhaarige Frau die Gesichter ihrer längst verstorbenen Eltern und Großeltern vor sich, wie sie sich in der „guten Stube“ versammelten. Einmal im Jahr, zur Weihnachtszeit, nahm ihre Mutter das gute Porzellan und die sorgsam gestärkten weißen Tischdecken aus dem Schrank und zündete echte Kerzen am Weihnachtsbaum an.

Im ganzen Haus roch es in dieser Zeit nach selbst gebackenen Plätzchen und Bratäpfeln. Die alte Frau meint auch gerade jetzt wieder den Duft von Zimt und Nelken, Orangen und Tannenzweigen in der Nase zu haben.

Die Jahre der Erinnerung verfliegen und die Seniorin schaut in strahlende Kinderaugen. Ein kleines Mädchen betritt nach dem Klang des Glöckchens das festliche geschmückte Zimmer. Es ist ihre eigene kleine Tochter, die ihre so sehr gewünschte neue Puppe ebenso glücklich an ihr kleines Herz drückt, wie sie es vor Jahren als kleines Mädchen ebenfalls tat.

Vor Rührung werden die Augen der alten Frau ganz feucht. Sie steht auf, streicht ihren Rock glatt, holt sich ein Glas Wasser und sieht aus dem Fenster. Es hat angefangen zu schneien. Es ist still draußen, friedlich.

Auch damals hat es stark geschneit. Damals, als ihrer Enkelin bei ihrem ersten Weihnachtsfest die Lichter am Baum und die Kerzen auf dem Tisch zunächst wichtiger waren als die Geschenke, die liebevoll eingepackt für sie unter dem Baum lagen. Mit strahlenden Augen sah sie den Wert der Geschenke, nicht ihren Preis. So wie auch die Großmutter den Wert des Glöckchens kennt, das in ihrer Erinnerung nun das Kind ihres Kindes ins festlich geschmückte Zimmer rief.

Solange sie denken kann, saß die Familie an Weihnachten zusammen. Es wurde gemeinsam gesungen und gespielt und auch der Besuch des Gottesdienstes gehörte jedes Jahr dazu.

Die alte Dame erinnert sich an die zahlreichen Geschenke, an das festliche Essen, aber vor allem an das Lachen der aufgedrehten Kinder und das Strahlen in ihren Augen. Auch heute wird sie wieder den Glanz in den Augen eines Kindes sehen, das zum ersten Mal in seinem Leben das Weihnachtsglöckchen hört und den leuchtenden, geschmückten Baum sieht.

Heute erlebt die Seniorin den Heiligen Abend zum ersten Mal als Urgroßmutter. Leider auch zum ersten Mal ohne ihren Mann, der sie mehr als 60 Jahre lang begleitet hat. Dennoch ist sie nicht alleine, ihre Familie ist für sie da und steht ihr zur Seite.

Die alte Frau schaut nach oben, schickt ein paar liebe Grüße an ihre Lieben, die vorausgegangen sind und nimmt das kleine Glöckchen ehrfürchtig in die Hand.

Es hat so viel erlebt, könnte so viel erzählen. Sie legt es zurück, schließt die Schachtel und legt ihre Hände drüber. Gerade so, als wolle sie es beschützen. Nun ist es an der Zeit, das alte Glöckchen in die Hände ihrer Tochter zu legen. Ab heute wird sie die festliche Zeit einläuten.

Die alte Frau weiß, dass sie Tränen dabei vergießen wird. Tränen der Erinnerung und der Dankbarkeit, aber auch Tränen der Freude und sie wird sich dafür nicht schämen.

Frohe Weihnachten!

Vorheriger ArtikelSo geht es weiter: Angepasster Schulbetrieb in Corona-Zeiten
Nächster ArtikelLokallust Dorsten – die Weihnachtsausgabe 2020
Hallo, ich bin Martina Jansen. Meine Heimat ist das Monatsmagazin „Lokallust“, aber da wir mit den „Heimatmedien“ eng zusammenarbeiten, richte ich mich seit einiger Zeit nun auch hier als freie Mitarbeiterin häuslich ein. Als nicht gelernte Redakteurin schreibe ich aus dem Bauch heraus und lasse dabei unbewusst, gerne aber auch ganz bewusst, redaktionelle Regeln aus. Soll heißen: Ich schreibe so, dass ich auch verstanden werde. Gerne treffe ich mich mit Menschen aus Dorsten, Schermbeck oder Raesfeld, die ein verrücktes Hobby haben, ehrenamtlich tätig sind oder einfach „gut drauf“ sind, also mit Menschen wie du und ich und bin jedes Mal darauf gespannt, welche Geschichte am Ende dabei herauskommt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.