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Freitag, Februar 3, 2023
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Jede neue Orgel ist eine Wundertüte

Veröffentlicht am

Foto: Jürgen Moers

Ein handwerkliches Geschick und technisches Verständnis sind Voraussetzung für den Beruf des Orgelbauers“, erzählt mir Bernhard Althaus, „aber ohne ein gutes Gehör kann man die Orgel nicht stimmen“, fährt er fort. Diese notwendigen Eigenschaften verfeinerte der Wulfener seit seiner Ausbildung zum Orgelbauer immer mehr.

Ein paar wenige Jahrzehnte ist diese bereits her, aber Bernhard macht die Arbeit nach wie vor Spaß. 1974 ging er bei der ehemaligen Dorstener Firma Breil in die Lehre und lernte dort die Kircheninstrumente im Umkreis von 300 Kilometern kennen. 1991 wechselte er zur Firma Karl Schuke Berlin und legte drei Jahre später die Meisterprüfung als Orgel- und Harmoniummeister ab. Nun betreute er auch Orgeln in Europa und Asien und erweiterte damit natürlich auch sein Wissen. 2009 folgte dann noch ein dritter Arbeitsplatzwechsel nach Bonn zur Firma Klais. „Und all das, ohne dass ich den Wohnsitz meiner Frau und mir in Wulfen aufgeben musste“, freut er sich auch heute noch darüber.

Mit dem Erfolg kam auch immer mehr der Spaß

Die Firmenwerkstätten sah Bernhard von innen eher selten. Seine Einsätze führten ihn erst deutschlandweit, später auch ins Ausland rund um den Globus zu diversen Kirchen und Konzertsälen. Handwerker vor Ort hatten keine Orgelbaupraxis, dafür waren aber die Organisten, die dort weltweit spielten, absolute Profis. Die Orgelneubauten waren in diesen Fällen eine große Herausforderung für den Dorstener. „Ich habe viel Energie in meine Arbeit gesteckt, mir mehr zugetraut und mit dem Erfolg kam dann auch immer mehr der Spaß. Mittlerweile sind Beruf und Hobby eins.“

Neben den bereits oben erwähnten Fähigkeiten, sollte ein angehender Orgelbauer auch gut mit Menschen umgehen können. In Zusammenarbeit mit dem Kunden, der eine Vorstellung von seiner neuen Orgel hat, versucht Bernhard all‘ das umzusetzen, was möglich ist. Dazu legt er unter anderem für jede Pfeife eine Art Handbuch an, in dem unter anderem Material oder Länge etc. vermerkt sind. Denn jede Orgel ist ein Unikat.

Der Orgelbaumeister überprüft den Klang an der Würzburger Domorgel. Foto Privat

Bernhard Althaus hat bereits mehr als 400 Orgeln überholt

Bei der oft monatelangen Reinigung der Kirchen- oder Konzertorgeln geht der Orgelbaumeister stets nach einem Schema vor. Er testet und repariert gegebenenfalls zunächst die Technik sowie die einzelnen Verbindungen von den Tasten zu den Pfeifen. „Wir Orgelbauer gehen zwar auch mit der Zeit, aber die Zukunft dieser Instrumente liegt eher nicht im digitalen Bereich. Die gute Klangqualität kann nur mit einer Orgel mit richtigen Pfeifen erreicht werden.“

Bernhard wendet sich den Pfeifen direkt zu und aus dem halben Schlosser und Elektriker wird dann der Feinmotoriker, der Uhrmacher mit Chirurgenhänden. Dabei repariert, reinigt oder stimmt er entweder die obere oder die untere Klaviatur, sodass die Orgel weiterhin betrieben werden kann.

Ein gutes Gehör ist Voraussetzung

Im Anschluss testet der Intonateur, wie der Orgelbauer bzw. Meister, der die klangliche Gestaltung der Orgel bestimmt und anlegt, auch bezeichnet wird, ob alle Register die Töne richtig wiedergeben. Bekommen alle Pfeifen Wind von unten? Klingen einige Pfeifen „schräg“? Sind sie verstaubt? Dabei nimmt sein Gehör feinste Schwingungen wahr und achtet auch auf die Lautstärke und die Klangfarben. Manchmal reicht es schon, wenn der Staub aus 30 Jahren aus den Klangspalten geblasen wird und schon klingt die Orgel wieder so, wie sie klingen sollte. Oft muss die richtige Frequenz bei fehlerhaften Schwingungen eingestellt werden. Dazu verkürzt oder verlängert Bernhard das Zungenblatt millimetergenau mit der Stimmkrücke. Das bedeutet aber auch, dass er sein Fingerspitzengefühl bei der Reparatur auch dann einsetzen muss, wenn er in den Pfeifenschacht klettern und sich dort im Halbdunkel zurechtfinden muss.

Pelikane, schlechte Akustik und traumhafte Sonnenaufgänge

Jede neue Orgel ist für Bernhard Althaus eine Wundertüte und er weiß nie, was ihn erwartet. Das gilt allerdings auch kulinarisch und touristisch. Rohe Fische in Asien, Pelikane in einem Fischerdorf, eine absichtlich schlechte Akustik in einer Sektenkirche, ein traumhafter Sonnenaufgang in Taiwan oder die Aussicht vom 42. Stockwerk in New York: Bernhard hat viel von der Welt gesehen.
„Eigentlich habe ich mir meine Rente jetzt redlich verdient, aber so ganz aufhören möchte ich noch nicht, dazu liebe ich meinen Beruf viel zu sehr“, erzählt mir der Orgelbaumeister. „Aber ich werde kürzertreten, denn 240 Arbeitsstunden im Monat waren bei mir früher keine Seltenheit. Heute würde ich es bei dem Arbeitstempo und der ständigen Zeitumstellung auch nicht mehr schaffen, so lange konzentriert zu bleiben.“

Auch die Kirchenorgel in seiner Heimatgemeinde St. Matthäus in Alt-Wulfen stimmt der Orgelbauer alle drei Jahre und schaut nach dem Rechten. Achtet doch einmal bei eurem nächsten Gottesdienstbesuch ganz gezielt auf die verschiedenen Töne der 1300 Pfeifen in Wulfen oder auch auf die in eurer Kirchengemeinde. 

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