Die Wege in der Altstadt führten am Dienstagabend in die St Ursula Kirche. Um 19 Uhr begann ein Erinnern, das mehr war als Rückblick. Schwester Johanna Eichmann, geboren am 24. Februar 1926, wäre gestern hundert Jahre alt geworden. Viele folgten dem Aufruf, sich an die Ordensfrau zu erinnern, nicht mit großen Gesten, sondern mit gemeinsamen Geschichten, mit Momenten, mit Sätzen, die bis heute nachklingen.
Dass ihr Wirken weiterhin in die Gegenwart reicht, zeigte sich bereits an dem Abend. Denn die nordrhein westfälische Schulministerin Dorothee Feller besuchte die St Ursula Kirche. Ein Zeichen, das über Höflichkeit hinausweist. Schwester Johanna war keine Figur der Vergangenheit, sie war eine, die die Stadt geprägt hat, ihre Schule, ihr Gedächtnis, ihren Mut zur Wahrheit.
Ein Abend voller Stimmen für Schwester Johanna
Durch den Abend führte Tobias Stockhoff. Er spannte den Bogen zwischen Biografie und Wirkung, zwischen der jungen Ruth Eichmann aus Münster und der späteren Schwester Johanna, zwischen Jahren der Bedrohung und Jahrzehnten des Aufbauens.

Vor allem die Stimmen der Wegbegleiterinnen gaben dem Gedenken Körper und Wärme. Ehemalige Schülerinnen berichteten von Begegnungen, manchmal heiter, oft berührend, immer konkret. Barbara Knebel schilderte, wie präsent Schwester Johanna im Alltag gewesen sei, aufmerksam, zugewandt, mit klaren Erwartungen. Schulleiterin Elisabeth Schulte Huxel setzte die Erinnerungen in Beziehung zur Gegenwart und machte deutlich, wie lange eine Schule von einer Leitung geprägt bleibt, wenn diese Leitung Verantwortung als Haltung verstand.
Von Ruth Eichmann zu Schwester Johanna
Ruth Eichmann wuchs nach jüdischer Tradition auf, wie es die Großeltern mütterlicherseits wünschten. Der Vater, Paul Eichmann, war der Einzige in der Familie römisch katholischen Glaubens. Nach der Machtübernahme 1933 verschärfte sich der Antisemitismus, auch im Alltag der Mitschülerinnen. Als der Wechsel zum Lyzeum anstand, entschied sich die Familie für das Mädcheninternat des Ursulinenklosters in Dorsten. Dort kannte man die Lage konvertierter Jüdinnen bereits.

Auf dem Sterbebett bat die Großmutter darum, die Enkelin taufen zu lassen. Im September desselben Jahres konvertierten Ruth Eichmann und ihre Mutter zum Katholizismus. Später erwies sich dieser Schritt als Schutz. Als sogenannte Halbjuden waren sie zunächst noch relativ sicher vor antijüdischen Maßnahmen.
Nationalsozialismus, Zwangsarbeit, Heimkehr in Trümmer
Doch auch Dorsten blieb nicht verschont. Das Kloster geriet ins Visier der Nationalsozialisten und wurde 1942 verstaatlicht. Johanna arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Berlin als Dolmetscherin. Der Vater blieb bis zum Ende der Diktatur Geschäftsführer in einem Möbelgeschäft, die Mutter musste Zwangsarbeit leisten. Auch Johanna wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet.

1945 kehrte sie nach Dorsten zurück und fand das Ursulinenkloster, ihr früheres Internat, in Trümmern vor. Dieser Bruch blieb Teil ihrer Geschichte, aber er wurde nicht zum Ende, sondern zum Ausgangspunkt.
Bildung als Auftrag: Die Jahre an St Ursula
Von 1946 bis 1952 studierte Schwester Johanna Germanistik und Romanistik in Münster und Toulouse. Anschließend trat sie als Novizin in das Dorstener Ursulinenkloster ein. Von 1964 bis 1991 leitete sie das Gymnasium St Ursula, eine lange Zeit, in der aus Schule auch Haltung wurde. Wer an diesem Abend sprach, beschrieb eine Frau, die forderte, aber nie klein machte. Eine, die Bildung nicht als Stoff begriff, sondern als Aufgabe.
Erinnerungskultur: Dorsten unterm Hakenkreuz und das Jüdische Museum
Ein Schwerpunkt des Abends war die Arbeit von Schwester Johanna in der Erinnerungskultur Dorstens. Als sich 1982 eine junge Gruppe Dorstener Bürgerinnen und Bürger formierte, um die Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus zu erforschen, sagte sie ihre Mitwirkung sofort zu. Im Arbeitskreis Dorsten unterm Hakenkreuz entstanden Publikationen und Forschungsergebnisse zum jüdischen Leben in Dorsten, ebenso zu seiner Verfolgung.

Daraus wuchs die Idee einer Dokumentationsstätte. Die Suche nach einer Immobilie endete im heutigen Altbau des Jüdischen Museums Westfalen. 1992 wurde es eröffnet. Bis 2006 leitete Schwester Johanna das Museum ehrenamtlich. Während ihres Wirkens veröffentlichte sie zahlreiche Publikationen zum jüdischen Leben in Westfalen und eine Autobiografie. Am 23. Dezember 2019 starb sie in Dorsten.
Nähe statt Legende
Besonders eindrucksvoll waren die Worte aus dem Konvent. Schwester Anette und Schwester Benedicta, die über Jahre mit Schwester Johanna lebten und arbeiteten, zeichneten das Bild einer Frau, die sich nicht in die Mauern des Klosters zurückzog. Schwester Benedicta brachte es auf den Punkt: Sie stand nicht nur im Kloster, sondern auch bei den Menschen, die Hilfe brauchten. In diesem Satz lag der Kern des Abends. Nicht die Legende, sondern die Nähe.

Würdigung, die verpflichtet
Landrat Bodo Klimpel erinnerte an die Ehrenbürgerschaft der Ehrenbürgerin des Kreises Recklinghausen. Er zitierte eine Einschätzung aus dem Jahr 2007, die heute wie eine Arbeitsanweisung klingt: Ihre Arbeit ist heute genau so wichtig wie damals.

So wurde die St Ursula Kirche an diesem Abend zu einem Raum, in dem Erinnerung nicht nur feierlich, sondern wirksam war. Man ging nicht hinaus mit dem Gefühl, eine vergangene Größe beklatscht zu haben. Man ging hinaus mit der Frage, was es heute heißt, sich einzumischen, hinzusehen, Verantwortung zu übernehmen.





























