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Mittwoch, November 30, 2022
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Sprachkurs für Ukrainer: Lernen für die unsichere Zukunft

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Sprachkurs für ukrainische Flüchtlinge in der Dorstener VHS. Foto: Borgwardt

Um ukrainische Flüchtlingen einen Zugang zum Leben in Deutschland zu erleichtern, ist Sprache sehr entscheidend. Dank der Stadt Dorsten, der VHS und engagierter Fachkräfte kann man jetzt schon gute Erfolge sehen – weil alle an einem Strang ziehen.

Mit Kreide ist eine große Uhr an die Tafel gemalt. Konzentriert schauen die jungen Frauen im Seminarraum nach vorne und überlegen. „Der Bus Nummer 25 fährt um sieben Uhr und zwanzig“, ist eine Stimme mit leichter osteuropäischer Sprachfärbung zu hören. „Sieben Uhr zwanzig reicht. Das Und kann weg“, erklärt Lehrerin Helga Kunze. Die Frauen nicken, machen sich Notizen. Man merkt sofort, dass hier große Lernbereitschaft herrscht. Erst seit rund zwei Monaten läuft der Sprachunterricht für Flüchtlinge aus der Ukraine – aber die Fortschritte seien bemerkenswert, loben die Pädagogen an der VHS.

Iryna kam mit ihren Töchtern aus der Ukraine

Eine der Kursteilnehmerinnen ist Iryna Kochenko. Sie war am 15. März nach wochenlanger Odyssee mit ihren beiden Töchtern in Dorsten angekommen. Ihr Ehemann und Vater ihrer Töchter musste zurückbleiben und in der ukrainischen Zivilverteidigung dienen. Die Familie kommt aus einer kleinen Ortschaft unweit von Kiev. Ihr Nachbardorf kannte Mitte März in Deutschland noch keiner. Jetzt kennt es jeder: Butscha.

Iryna Kochenko gibt sich tapfer, versucht das beste aus ihrer Situation zu machen. Ihr Deutsch ist bereits so gut, als lebte sie schon jahrelang hier. „Meine Eltern und meine Schwester wohnen in der Zentralukraine“, berichtet sie. Sie macht sich große Sorgen um ihre Familie, möchte aber natürlich ihre Kinder in Sicherheit wissen.

Dabei kommen die Töchter recht gut klar mit ihrem neuen Umfeld. „Ich war ganz überrascht, dass sich meine große Tochter in der neuen Schule so wohl fühlt. Das war sehr erleichternd“, erzählt sie. Die kleine Schwester geht in einen Dorstener Kindergarten, und so hat Iryna Kochenko etwas Zeit, um ihre Sprachkenntnisse noch weiter zu verbessern. Inzwischen ist sie so gut, dass sie oft anderen Teilnehmerinnen hilft, falls etwas übersetzt werden muss. Am liebsten möchte sie auch hier in Deutschland arbeiten, und für die Dauer ihres Aufenthaltes auf eigenen Beinen stehen.

Sprachkurs Ukraine VHS
Iryna Kochenko und Lehrer Manfred Diekenbrock. Foto: Borgwardt

„Jeden Tag sterben Kinder“

Möchte sie einmal wieder zurück in die Ukraine? Iryna Kochenko wirkt sehr müde, als koste sie jedes Lächeln, jeder Satz viel Kraft. „Dort sterben jeden Tag Kinder. Es ist schrecklich. Viele Häuser sind einfach zerstört. Wir wollen diesen Krieg nicht“, sagt sie mit hörbarer Erschütterung. Viele der Frauen kommen aus dem Osten des Landes, in der gerade schwerste Kämpfe wüten. Ihre Dörfer sind von Putins Armee ausgelöscht worden, viele Freunde und Nachbarn wurden ermordet.

Eine Mutter aus dem Sprachkurs hat es gerade noch mit ihrem 18 Jahre alten Sohn aus der Ukraine geschafft, bevor alle Männer zum Kriegsdienst im Land bleiben mussten. Sonst hat sie nichts mehr. Der Junge geht jetzt mit Dorstener Jugendlichen zur Schule, die gerne feiern oder normale Hobbies haben – so wie die ukrainischen Jugendlichen vor dem Krieg auch. Der Junge sei überaus fleißig und wolle nun in Deutschland studieren, erzählen seine Lehrer. Die Mutter wird daher in Deutschland bleiben, um ihrem Kind diesen Wunsch zu ermöglichen.

„Die Menschen passen sich an, so gut sie können“, erklärt Iryna Kochenko. Sie ist sehr dankbar, dass Deutschland so viel für die Flüchtlinge tut. Nur auf Nachfrage hört man etwas, das mehr wie ein leiser Wunsch als wie Kritik klingt: „Es wäre schön, wenn Deutschland auch unserer Armee mehr helfen könnte.“ Zu Zeitpunkt des Gespräches war noch keine schwere Waffe in der Ukraine angekommen. „Es sterben so viele Kinder“, sagt die zweifache Mutter noch einmal. „Niemand in der Ukraine will diesen Krieg.“

Die Kursteilnehmerinnen sind im Unterricht sehr konzentriert und interessiert. Foto: Borgwardt

Aus dem Ruhestand zurück in den Sprachkurs

Die Bilder aus dem Krieg haben auch Manfred Diekenbrock erschüttert. Der pensionierte Deutschlehrer kennt die Ukraine gut, war mit Schülergruppen oft in Donezk. „Das ist eine Partnerstadt von Bochum, und da ich an einer Bochumer Schule unterrichtet hatte, kenne ich die Gegend sehr gut“, berichtet er. Umso erschreckender sei es gewesen, dass diese Region wie der gesamte Donbass nun ein Kriegsgebiet sei. Als man ihn kurz nach Kriegsbeginn gefragt hatte, ob er für die ukrainischen Flüchtlinge noch einmal für einen Sprachkurs ins Klassenzimmer zurückkehren könnte, musste er nicht lange überlegen. Er spricht etwas Russisch, wurde gebraucht und sagte zu.

Auch Helga Kunze ist aus dem Ruhestand zurückgekehrt und steht nun wieder an der Tafel. Sie hatte schon 2015 in Sprachkursen mit geflüchteten Menschen gearbeitet, aber dieses Mal sei es etwas ganz Besonderes. „Die Frauen sind unheimlich motiviert und sehr engagiert. Sie ziehen sich gegenseitig mit, und helfen einander. Die Stimmung untereinander ist sehr gut“, berichtet die pensionierte Lehrerin.

Dazu komme, dass auch die Voraussetzungen für das Lernen dank der großen Erfahrung mit Flüchtlingen inzwischen viel besser geworden sei. „Ich kann mich noch an Sprachkurse vor einigen Jahren erinnern, wo die Kinder einfach reingesetzt wurden und es kaum vernünftiges Lernmaterial gab. Da musste man mit Händen und Füßen arbeiten“, berichtet Helga Kunze. Inzwischen gebe es aber sehr gutes Unterrichtsmaterial. Viele der Frauen könnten zudem Englisch und damit auch das lateinische Alphabet.

Sprachkenntnisse in der Praxis erproben

Der Unterricht findet übrigens nicht nur im Seminarraum statt. „Wir gehen auch gemeinsam in die Stadt und erkunden die Umgebung“, berichtet Helga Kunze. Dann könnten die Kursteilnehmer ihre Kenntnisse direkt in der Praxis erproben. Auch das 9-Euro-Ticket sei für die Frauen eine tolle Sache gewesen, etwa um mit den Kindern einmal in den Zoo oder an einen See fahren zu können.

„Sie sind alle unglaublich herzlich und dankbar“, betont die pensionierte Lehrerin und erzählt eine Anekdote. Beim Altstadtfest habe sie eine ihrer Schülerinnen bereits von weitem gesehen, sei auf sie zugestürmt und habe sie umarmt. „Dann hat sie allen erzählt: Das hier ist meine Deutschlehrerin!“, lächelt Kunze. Solche Erlebnisse machten ihre Arbeit für den Sprachkurs ganz besonders wertvoll. „Es macht viel Spaß“, sagen Diekenbrock und Kunze unisono.

Spenden ermöglichten den Unterricht

Möglich wurde der Unterricht durch Spenden, die von der Stadt Dorsten für die Flüchtlingshilfe gesammelt wurden. Diese Mittel wurden der VHS Dorsten zur Verfügung gestellt, um einen Sprachkurs für die in Dorsten angekommenen Ukrainer einzurichten. „Wir haben schon frühzeitig sehr gut mit dem Krisenstab Ukraine zusammengearbeitet“, berichtet Petra Duda. Die Fachbereichsleiterin für Fremdsprachen an der VHS konnte mit ihrem Team dann Kursbücher und Sprachlehrer organisieren. „Wir haben zwei Kurse mit jeweils zwei Lehrkräften eingerichtet. Einer ist für Menschen ohne Deutschkenntnisse, und einer für Fortgeschrittene“, erklärt Duda.

Erfahrungen aus 2015 halfen

Dabei sei den Organisatoren die Erfahrung aus der Flüchtlingswelle 2015 zugute gekommen. Auch damals mussten die viele Angekommene erst ein komplett neues Alphabet lernen, also nach den arabischen auch die lateinischen Buchstaben meistern. Allerdings sei der Ausbildungsstand bei den Ukrainerinnen deutlich höher. „Viele von ihnen sind Akademiker, sehr gut ausgebildet“, betont sie. Menschen aus ärmeren Ländern hätten dagegen oft keine Chance gehabt, eine Schule zu besuchen, und daher sei der Unterricht im Sprachkurs auch herausfordernder gewesen.

Dazu käme das große Engagement der Dorstener Gastfamilien. „Hier gibt es sehr große Unterstützung und Verständnis“, lobt die Fachbereichsleiterin. So sei auch gesichert, dass nach dem Auslaufen der Sprachkurse weitere Angebote gefunden werden könnten.

Denn eins sei klar: Die ukrainischen Geflüchteten möchten etwas tun und helfen kräftig dabei mit, sich im Gastland nützlich zu machen. Und vielleicht hilft das Engagement der Stadt, der VHS und des Lehrpersonals auch dabei, dass der eine oder andere Ukrainer in Dorsten eine neue Heimat finden kann.

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