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Steinmeier in Dorsten: Bundespräsident lobt gelebte Demokratie

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Bei bestem Wetter hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Montag Dorsten besucht und die Stadt als Vorbild für gelebte Demokratie gewürdigt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender zeigte er sich nahbar, freundlich und gesprächsbereit. Beide nahmen sich an mehreren Stationen Zeit für Schülerinnen und Schüler, Ehrenamtliche und Verantwortliche.

Vor Ort überwog deutlich der Applaus. Nur vereinzelt waren Pfiffe zu hören. Damit zeigte sich in der Stadt ein anderes Bild als zuvor in Teilen der sozialen Netzwerke, wo der Besuch teils mit scharfen Kommentaren begleitet worden war.

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Der Besuch war der Auftakt von Steinmeiers Reise rund um den bundesweiten „Ehrentag“ des Grundgesetzes am 23. Mai. Dorsten stand dabei bewusst am Anfang. Seit Jahren setzen die Dorstener Tage des Grundgesetzes ein Zeichen für Demokratie, Erinnerungskultur und bürgerschaftliches Engagement.

Auftakt an den Stolpersteinen

Die erste Station führte den Bundespräsidenten zur Ursulastraße. Dort reinigte er gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums St. Ursula Stolpersteine. Die Jugendlichen stellten dabei die Lebensgeschichten früherer Dorstenerinnen und Dorstener in den Mittelpunkt, die während der NS-Zeit Opfer von Verfolgung wurden.

Reinigung von Stolpersteinen in der Ursulastraße. Foto: Petra Bosse

Gerade dieser Moment habe ihn berührt, sagte Frank-Walter Steinmeier später. Die Stolpersteine erinnerten an die Schicksale der Menschen, „die von den Nationalsozialisten verfolgt, entrechtet und viele von ihnen, die meisten von ihnen, ermordet worden sind“. Die Bewahrung dieser Erinnerung sei „unsere gemeinsame Verantwortung“.

Besonders beeindruckt zeigte sich der Bundespräsident davon, wie junge Menschen diese Geschichten aufgenommen und weitergetragen hätten. „Mich hat auch berührt, wie wirklich junge, sehr junge Schülerinnen und Schüler sich das Schicksal dieser Familien angeeignet haben und durchaus mit innerer Berührung darüber erzählen können“, sagte er. Verantwortung entstehe nicht durch abstraktes Wissen allein, sondern durch ein persönliches Verständnis für das, was Menschen damals erleiden mussten.

Viele Menschen wollten den Bundespräsidenten sehen. Foto: Petra Bosse

Jüdisches Museum als Ort der Erinnerung

Anschließend besuchte Steinmeier das Jüdische Museum Westfalen. Dort trug er sich ins Goldene Buch der Stadt Dorsten ein und besichtigte unter anderem eine Ausstellung zum Lebensalltag von Menschen mit Behinderungen mit Blick auf das Grundgesetz. Auch hier suchte der Bundespräsident das Gespräch mit den Beteiligten.

Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender trugen sich in das Goldene Buch der Stadt Dorsten ein. Foto: Borgwardt

Anerkennend sprach Steinmeier über die Arbeit, die in Dorsten über viele Jahre gewachsen ist. „Im Zusammenhang damit habe ich mit großem Respekt gesehen, was durch ehrenamtliche Arbeit hier im Jüdischen Museum zustande gekommen ist“, sagte er. Das Museum sei weit mehr als ein Ort der historischen Aufarbeitung. Es zeige auch „die reiche jüdische Tradition, die auch hier in Dorsten und der Region ihren Platz gehabt hat“.

Im Jüdischen Museum informierte sich das Präsidentenpaar über die Ausstellung und das ehrenamtliche Engagement. Foto: Borgwardt

Auch am Rand des Besuchs war die Freude spürbar. Ein Besucher sprach von einem „tollen Erlebnis“. Ein anderer nannte Steinmeier „eine positive Persönlichkeit, ganz unabhängig von irgendwelchen parteipolitischen Überlegungen“. Mehrere Jugendliche freuten sich sichtbar darüber, ein Foto mit dem Bundespräsidenten bekommen zu haben.

„Dorsten ist Vorbild“

Deutlich wurde die besondere Wertschätzung des Bundespräsidenten bei einem Pressetermin im Grundgesetzladen an der Suitbertusstraße. Dort eröffnete Steinmeier die Ausstellung „Heimat & Demokratie“, die von Schülerinnen und Schülern des Gymnasium Petrinum gestaltet wurde.

Vor dem Grundgesetzladen mit Brustkrebslauf-Initiatorin Prof. Dr. Khadijeh Mohri (mit Tasche) und NRW-Schulministerin Dorothee Feller. Foto: Borgwardt

„Dorsten ist Vorbild“, sagte Steinmeier. Es sei „kein Zufall“, dass ihn der erste Tag seiner Reise nach Dorsten geführt habe. Was hier geschehe, passe „geradezu ideal“ zu seiner Vorstellung vom Ehrentag. „Ich bin sehr dankbar und ich hoffe, dass möglichst viele Anleihe nehmen an dem Beispiel, was hier in Dorsten gesetzt wird.“

Der Bundespräsident warb dafür, den Geburtstag des Grundgesetzes nicht nur feierlich zu würdigen, sondern durch gemeinsames Handeln lebendig zu machen. „Die Demokratie des Grundgesetzes ist nicht vom Himmel gefallen“, sagte Steinmeier. Demokratie lebe auch nicht nur aus den Buchstaben einer Verfassung, „sondern sie braucht Menschen, die sich für diese Demokratie einsetzen“.

Demokratie braucht sichtbare Verteidiger

Steinmeier nutzte den Besuch auch für eine klare Botschaft in einer Zeit, in der demokratische Werte unter Druck stehen. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und politische Teilhabe seien keine Selbstläufer. Sie müssten immer wieder erklärt, geschützt und mit Leben gefüllt werden.

Schüler bildeten eine Menschenkette vom Grundgesetzladen zur Agathakirche. Foto: Petra Bosse

Gerade jetzt müssten diejenigen sichtbarer werden, die sich für die demokratische Ordnung starkmachen. „In diesen Zeiten, in der es auch Verächter der Demokratie gibt, die sich öffentlich zu Wort melden, müssen die Verteidiger der Demokratie umso sichtbarer werden“, sagte Steinmeier. Demokratie sei nicht allein Aufgabe der Politik. „Sie braucht Menschen überall in unserem Land, die sich für Demokratie einsetzen. Und ich finde, das kann man hier in Dorsten ganz gut zeigen.“

Rikschas, Menschenkette und Ehrenamt

Ein weiteres sichtbares Zeichen für Teilhabe war die Fahrt mit E-Rikschas vom Jüdischen Museum zum Grundgesetzladen. Das Angebot ermöglicht mobilitätseingeschränkten Menschen mehr Beweglichkeit im Alltag und neue Zugänge zum städtischen Leben. Getragen wird es von Freiwilligen.

Bei der Rikscha durfte der Präsident selbst in die Pedale treten. Foto: Petra Bosse

Steinmeier lobte diese Form des Engagements ausdrücklich. Die Idee sei gut, „wie man mobilitätseingeschränkten Menschen wieder zur Teilhabe am städtischen Leben helfen kann“. Zugleich sei bemerkenswert, dass die Rikschas von ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern gefahren würden. Das gehe „nur durch das Ehrenamt“.

Nach seiner Rikscha-Fahrt könne er diese Form des Engagements nur empfehlen. Sie sei „nicht nur vorzeigbar“, sondern mache auch Spaß, schaffe Sinn und ermögliche älteren oder mobilitätseingeschränkten Menschen, „am Leben teilzuhaben“.

Schüler überreichten dem Präsidenten ein Shirt. Er freute sich: „Wie charmant, dass ihr es mir in der Größe M schenkt“, scherzte er. Foto: Petra Bosse

Beim Verlassen des Grundgesetzladens begegnete Steinmeier einer Menschenkette von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums St. Ursula. Auf dem Weg zum Alten Rathaus kam er zudem mit Ehrenbeamten und Engagierten aus der Quartiersarbeit ins Gespräch. Der Besuch führte ihn zuvor unter anderem zu den Stolpersteinen, ins Jüdische Museum und zum Grundgesetzladen, später zum Alten Rathaus und schließlich in die St.-Agatha-Kirche.

Begegnung mit Jugendlichen. Foto: Petra Bosse

Andacht in St. Agatha

Am Abend endete der öffentliche Teil des Besuchs in der St.-Agatha-Kirche. Dort fand die ökumenische Andacht für Ehrenamtliche unter dem Titel „Würde verbindet uns“ statt. In seiner Grußbotschaft stellte Steinmeier das kirchliche und bürgerschaftliche Engagement in Dorsten heraus.

„Man kann spüren, dass hier in Dorsten nicht nur der Glaube lebendig ist, sondern auch das Engagement von Menschen miteinander und füreinander“, sagte der Bundespräsident. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Halt und Gemeinschaft suchten, sei diese Arbeit wertvoll. „Ich danke Ihnen allen für Ihren so wichtigen Einsatz.“

Eine ökumenische Andacht bildete den Abschluss des Besuches. Foto: Petra Bosse

Einprägsam war auch sein Satz: „Demokratie braucht auch Arme und Beine.“ Sie brauche Menschen, „die sich einbringen, die mitmachen, die diese Demokratie zu ihrer Sache machen“. Wenn Menschen erlebten, dass sie selbst etwas bewirken könnten, sei das „eine der so wichtigen demokratischen Grunderfahrungen“.

Nach dem Gottesdienst gab es noch eine kleine Überraschung für das Staatsoberhaupt: Die Schützenkapelle Rhade bereitete ihm eine musikalische Verabschiedung.

Nach der Andacht verabschiedete die Schützenkapelle Rhade den Bundespräsidenten. Foto: Petra Bosse

Stockhoff: Besuch ist Ehre und Ermutigung

Bürgermeister Tobias Stockhoff bezeichnete den Besuch in seinem Grußwort als große Ehre für Dorsten. Der Tag verbinde bürgerschaftliches Engagement mit den Grundwerten der Demokratie. Der Besuch des Bundespräsidenten sei „Ehre und Wertschätzung“, zugleich aber auch „Ermutigung, dass wir alle uns für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung engagieren und für sie einstehen“.

Elke Büdenbender, Frank-Walter Steinmeier, Tobias Stockhoff und Dorothee Feller. Foto: Petra Bosse

Diese Botschaft passte zum Gesamteindruck des Tages. Der Besuch war nicht nur ein offizieller Termin mit hohem Protokoll, sondern ein Rundgang durch Orte und Projekte, an denen Demokratie in Dorsten konkret sichtbar wurde: in der Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte, in der Arbeit des Jüdischen Museums, im Einsatz für Teilhabe, in Schülerprojekten, in der Quartiersarbeit und im Ehrenamt.

Ein anderes Bild als im Netz

Auffällig war dabei auch die Stimmung am Rande des Besuchs. Im Vorfeld hatten sich in sozialen Netzwerken viele kritische und teils abwertende Kommentare gesammelt. Vor Ort blieb davon wenig übrig. Zwar waren vereinzelt Pfiffe zu hören, doch der Empfang war insgesamt freundlich und von viel Applaus geprägt.

Ein Foto mit dem Präsidenten. Foto: Petra Bosse

Steinmeier und Elke Büdenbender wirkten offen und zugewandt. Immer wieder sprachen sie mit Menschen, hörten zu, stellten Fragen und nahmen sich Zeit für die Verantwortlichen an den einzelnen Stationen. Für Dorsten war der Besuch damit nicht nur ein protokollarischer Höhepunkt, sondern auch eine sichtbare Anerkennung für viele Menschen, die sich seit Jahren für Demokratie, Erinnerungskultur und Gemeinsinn einsetzen.

Vor dem Alten Rathaus gab es für diese Familie eine Gelegenheit für ein Foto. Foto: Borgwardt

Infokasten: Was ist der Ehrentag?

Der Ehrentag steht unter dem Motto „Für dich. Für uns. Für alle.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Initiative ins Leben gerufen und ist Schirmherr der Aktion. Er ruft dazu auf, den Geburtstag des Grundgesetzes nicht nur zu würdigen, sondern ihn durch Mitmachen, Engagement und Begegnung lebendig zu feiern.

Der erste bundesweite Ehrentag findet am 23. Mai 2026 statt. An diesem Tag wird das Grundgesetz 77 Jahre alt. Die Idee: Menschen sollen sich vor Ort einbringen, gemeinsam anpacken und zeigen, dass Demokratie vom Mitmachen lebt.

Steinmeier hatte die Initiative bereits am 23. Mai 2025 im Schloss Bellevue vorgestellt. Dabei sagte er: „Mitmenschlichkeit ist eine tägliche Entscheidung.“ Der Ehrentag soll besonders auch Menschen ansprechen, die bislang nicht oder nicht mehr ehrenamtlich aktiv sind.

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