Ein Leben endet, doch das Wissen bleibt. Oder anders ausgedrückt: „Mortui vivos docent, die Toten lehren die Lebenden“. Dieser Lehrsatz hat Jörg Nowaczyk vor einigen Jahren dazu veranlasst, seinen Körper nach seinem Tode der Forschung zur Verfügung zu stellen. Er möchte damit einen wertvollen Beitrag leisten, Krankheiten besser zu verstehen, neue Heilmethoden zu entwickeln und damit eines Tages vielleicht Menschenleben zu retten.
Viele Menschen machen sich keine Gedanken über ihre eigene Endlichkeit oder verdrängen das Unausweichliche. Jörg Nowaczyk dagegen hat sich sehr früh mit diesem Thema beschäftigt, denn vor mehr als 30 Jahren gab es in seiner Familie aufgrund eines Körperspenders bereits kontroverse Diskussionen. Auch Jörg hat festgelegt, was mit seinem Körper geschehen soll, wenn sein Herz eines Tages aufgehört hat zu schlagen.
Wir sitzen auf einer alten Bank umgeben von alten hohen Bäumen, ein passender Ort für unser Gespräch. „Meine Eltern und auch meine Frau haben ihre letzte Ruhe als Körperspender auf dem Waldfriedhof Lauheide in Münster gefunden. Dort werde auch ich eines Tages beigesetzt werden“, erzählt mir Jörg. Dafür hat er sich im Institut für Anatomie und Molekulare Neurobiologie der Uni Münster als Körperspender registrieren lassen. Dort kann er darauf vertrauen, dass sein Körper nach seinem Tode im Seziersaal mit größtem Respekt und Achtsamkeit behandelt wird.
Körperspende wirkt erst später
Eine Organspende hilft unmittelbar, eine Körperspende wirkt erst später, doch beide Entscheidungen sind freiwillig und enorm wichtig. Für mich ist Jörgs Entschluss, seine Körperhülle der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, daher ein Akt der Nächstenliebe. Weit, weit weg von dem Voyeurismus der „zerfledderten“ Körper, die öffentlich zur Schau gestellt werden. „Für mich ist der Körper nach meinem Tod zu wertvoll, um direkt kremiert oder beigesetzt zu werden. Ich habe während meiner Erkrankung selbst medizinische Hilfe bekommen und dafür bin ich dankbar. Ich weiß aber auch, dass ich sie auch deswegen erhalten habe, weil angehende Mediziner zuvor an früheren Körperspendern lernen konnten“, erklärt der Dorstener und fügt hinzu: „Da ich keine Angehörigen habe, die meine Grabstätte pflegen könnten, spielt dieser Aspekt zwar auch eine Rolle, war aber nicht ausschlaggebend für meine Entscheidung.
In der anonymen Körperspende liegt ein unschätzbarer Wert. Für Medizinstudierende ist der Körperspender im Seziersaal ein wertvoller Lehrmeister. An ihm lernen sie, Hautschichten zu durchtrennen, Muskeln präzise freizulegen und dabei Blutgefäße zu schonen. All diese Fähigkeiten werden sie später in Notfällen und bei Operationen am lebenden Menschen einsetzen, um so im Idealfall Leben zu retten.
Die Herausforderungen
Doch eine Körperspende birgt auch Herausforderungen: „Wir mussten sehr schnell von meiner Frau und meinen Eltern Abschied nehmen, da der Körper zeitnah konserviert werden musste. Auch bei der eigentlichen Beisetzung, die nach mehr als zwei Jahren stattfand, waren wir nicht direkt dabei, jedoch bei der Trauerfeier. Diese Trauerfeier, die von den Studentinnen und Studenten organisiert wurde, war aber wirklich sehr würdevoll“, betont Jörg. „Sie haben sich namentlich bei jedem Verstorbenen, aber auch bei allen Angehörigen bedankt. Das ist eine andere Art der Trauerbewältigung, aber jeder geht mit seinem Verlust und seiner Trauer eh individuell um. Da gibt es keine Normen.“
Am Ende unseres Gespräches weist Jörg berechtigterweise darauf hin, dass er es begrüßen würde, wenn es, ähnlich wie beim Organspende-Tattoo, eine Möglichkeit gäbe, sich zusätzlich zum Ausweis als Körperspender auszuweisen.
Sollten Sie in Erwägung ziehen, Ihren Körper ebenfalls der Medizin zur Verfügung zu stellen, sollten Sie beachten, dass sich bei vielen Instituten Organspende und Körperspende ausschließen. Und nicht zuletzt müssen alle Behördengänge von den Angehörigen selbst übernommen werden, denn hier ist kein Bestatter involviert.
Jeder von uns profitiert täglich von medizinischen Fortschritten und modernen Behandlungsmethoden, die ohne Körperspender oft nicht möglich gewesen wären. Ich begegne daher Jörgs Entscheidung mit größtem Respekt, denn sie erinnert mich daran, wie kostbar Wissen, Mitgefühl und Solidarität sind.
Die Körperspende ist eine freiwillige Entscheidung, die jederzeit widerrufen werden kann. Die Registrierung als Körperspender ist in der Regel ab dem 60. Lebensjahr möglich. An einigen Instituten ist die Aufnahme bis auf eine geringe Gebühr kostenlos.




























