Die Dorstener Schriftstellerin Dörthe Huth schreibt Bücher rund um die Lebensfreude, Geschichten, Gedichte und mehr. Sie ist eine exzellente Beobachterin und Erzählerin. Für Dorsten-Online macht sie sich auf Erkundungsgänge durch unsere Heimat.
Zu Beginn des Spaziergangs haften meine Gedanken noch an dem, was zu tun und zu erledigen ist. Mit jedem Meter, den ich der Lippe näherkomme, nehme ich die Welt um mich herum bewusster wahr und Alltagsgedanken rücken in den Hintergrund. Mit jedem Atemzug öffnen sich meine Sinne weiter für das Wunder der Natur um mich herum.
Der Himmel zieht in einem milchigen Hellblau gemächlich über mir hinweg. Die Luft duftet nach feuchter Erde, altem Laub und Sommerblüten. Manchmal, wenn ein starker Windzug vorbeizieht, bringt er den Duft von wilden Kräutern mit sich. Träge erkunden die Hummeln die Blüten der Äste am Wegesrand und aus den Bäumen klingt weithin das Tschilpen der Spatzen. Als wir den Weg hinuntergehen, kann ich die Fähre schon sehen.
Die Baldur, eine bewegliche Brücke zwischen den Stadtteilen
Geduldig wartet sie am Ufer, immer in Bereitschaft, Spaziergänger, Radfahrer oder zu Neugierige mit an Bord zu nehmen und sie ans andere Ufer zu bringen. Nicht größer als ein Floß, verbindet die Baldur als bewegliche Brücke die Stadtteile.
Kleine, fast scheue Wellen plätschern gegen die Anlegestelle. Eine Libelle surrt in über das Wasser und aus dem Gras erklingt der Sound einer Heuschrecke. Man riecht modrige Süße faulenden Laubs und die feine Bitterkeit nassen Holzes.

Wir ziehen an der Kette, bis die Fähre so nah ist, dass wir sie betreten können. Als wir gerade ablegen wollen, gesellen sich noch zwei Radfahrer dazu. Hier treffen schon mal Fremde aufeinander, die nur der Wunsch vereint, ans andere Ufer zu gelangen. Für den Zeitraum der Überfahrt werden sie zu einer Zweckgemeinschaft, die kurbelt, zieht und lacht. Die Baldur ist damit auch ein Symbol für das, was Menschen möglich machen, wenn sie gemeinsam anpacken: Sie macht den Fluss erlebbar, überwindet das Trennende und schafft Nähe.
Die Überfahrt, immer wieder ein kleines Abenteuer
Die Überfahrt selbst ist immer wieder ein kleines Abenteuer. Man steht auf einem schwankenden Stück Metall, das nur vom Wasser getragen wird. Mehr braucht es nicht. Kein Beton, keine Brücke, kein Lärm. Die Hände umschließen das kalte Metall, die Muskeln spannen sich, mit jeder Umdrehung gleiten wir ein Stück weiter auf das Wasser hinaus.
Die Lippe unter uns wirkt gemächlich, fast schläfrig, und spricht zu uns mit der Geduld von Jahrhunderten. Ihr Wasser schwappt gegen den Rumpf, begleitet vom rhythmischen Klackern der Kette, die sich um die Winde legt.
Sanft schaukelt die Baldur vor sich hin und die Zeit scheint stillzustehen. Ein Innehalten zwischen den Ufern, zwischen Alltag und Ausflug, zwischen Hier und Dort.

Die Lippe, ein Ort zum Staunen
Bei jedem Zug an der Kette zittert die Wasseroberfläche. Das Wasser gurgelt, gluckst, schlürft an Wurzeln, stupst an Steine, schnalzt gelegentlich ans Ufer. Es berichtet von allem, was einmal war. Von den Bauern, die früher ihre Kühe durch den Fluss trieben, von den Kindern, die hier Fische fingen, und den Römern, die kamen und gingen.
Benannt nach dem strahlenden Gott Baldur, dem Schönen und Friedlichen, ist sie ein leiser Gegenentwurf zum Getöse unserer Zeit. Alles Laute, Hektische bleibt zurück. Die Zeit, sonst scharf und drängend, geht hier in den Chillmodus. Auch in mir verlangsamt sich etwas, wird weicher, ruhiger, geduldiger. Wieder einmal nehme ich das wunderbare Gefühl mit ans andere Ufer, dass die Welt trotz all ihre Widrigkeiten, ein Ort zum Staunen ist.




























