Wenn Alexander Fichtner über seine Arbeit spricht, blitzt immer wieder ein Gedanke auf: Kunst soll nicht nur ästhetisch sein, sondern eine Haltung transportieren. „There is no planet B“, sagt der Dorstener Fotograf und meint damit nicht nur die ökologische Verantwortung, die ihn beschäftigt, sondern auch die Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und dem, was Gesellschaften zurücklassen. Auf der diesjährigen Kunstroute Dorsten zeigt er eine Auswahl von vier Fotografien, die Anfang des Jahres während eines Studienaufenthaltes in Armenien entstanden. Ergänzt wird die Schau durch seine erste Soundinstallation – eine leise, fast verborgene Arbeit mit dem Titel Radio Jerevan.
Die vier Fotografien, die Fichtner im „franz“ präsentiert, tragen schwer an ihrer Thematik. Da sind die Bauruinen, die er als „absolute Ressourcenverschwendung“ empfindet und die für ihn Sinnbild eines achtlosen Umgangs mit Landschaft und Rohstoffen sind. Ein anderes Bild zeigt den sowjetischen Panzer T34 am Ehrenmal in Jerevan – ein Relikt, das zwischen Mahnmal und Drohgebärde changiert. Der Ort ein unwirkliches Denkmal „Mutter Armenien“, das an der Stelle steht, wo einst eine monumentale Stalin-Statue thronte.
Komplexe Geschichte
Fichtner greift dabei komplexe Geschichte auf: Der Architekt Rafael Israelyan hatte den Sockel des ursprünglichen Denkmals in der Form einer armenischen Basilika entworfen – in weiser Voraussicht, dass der Ruhm der Diktatoren vergänglich sei. „Interessant ist für mich die Frage, wie Gesellschaften mit der eigenen Geschichte umgehen“, sagt Fichtner. „Wir sehen gerade in der Ukraine und im Baltikum, wie es zu einem Bildersturz kommt. Das ist verständlich aufgrund der Geschichte, doch wie man damit umgeht, ist immer ein zweischneidiges Schwert. In der aktuellen Sicherheitslage ist es wichtig, auch über den Tellerrand zu schauen – und nicht an der Grenze zur Ukraine anzuhalten.“

Ein weiteres Werk widmet sich dem Völkermord an den Armeniern. Vom Genozid-Mahnmal Zizernakaberd fällt Fichtners Blick auf den majestätischen Berg Ararat. „Angeblich liegt auch hier die Arche Noah“, scherzt der Fotograf, „aber beim Rückflug aus dem Flugzeug habe ich sie leider nicht entdeckt.“ Der Berg, Nationalsymbol und Wappenmotiv Armeniens, erhebt sich wie ein stiller Zeuge der Geschichte.

Und schließlich gibt es noch jenes Bild, das fast ins Absurde kippt: ein Tyrannosaurus Rex, der über einen Zaun lugt, während sich die Außenbezirke Jerevans im Hintergrund abzeichnen. Entstanden im Siegespark, wo Familien Eis essen, spazieren gehen und Selfies am Grab des unbekannten Soldaten machen, konfrontiert Fichtner hier das Skurrile mit dem Feierlichen – eine surreale Überblendung von Alltagsleben, Vergnügen und Gedenken.
Kunst auf Paletten
Ungewöhnlich ist auch die Präsentation: Fichtner lehnt seine großformatigen Fotografien auf Einwegpaletten an die Wand. Sie hängen nicht, sondern stehen. Die rohe Schlichtheit des Trägermaterials tritt so in einen Dialog mit der Bildgewalt. „Die Paletten öffnen die Wandfläche, schaffen Raum für den Blick“, erklärt er. Tatsächlich entsteht eine Leerstelle, die Betrachter intensiver in die Arbeiten hineinzieht.

„Eine Freundin meinte, die Bilder seien so stark, die solltest du unbedingt zeitnah zeigen“, erzählt Fichtner. Die Kunstroute bietet nun den Rahmen dafür – fast ein Jahr nach seiner großen Einzelausstellung in der Tisa-Stiftung.
Radio Jerevan – Mythen und Geräusche
Neben den Bildern läuft im Hintergrund seine Klanginstallation Radio Jerevan. Der Titel verweist auf die satirische Witzreihe aus Sowjetzeiten, in der angeblich ein fiktives „Radio Jerevan“ absurde Antworten auf Hörerfragen gab. „Kann man in der Sowjetunion ein Auto gewinnen?“ – „Im Prinzip ja, aber es handelt sich nicht um ein Auto, sondern um ein Fahrrad. Und es wird nicht gewonnen, sondern gestohlen.“

Fichtner greift diesen ironischen Umgang mit Realität auf. Aus einem alten, umgebauten DDR-Radio dringt sphärisches Rauschen, aufgenommen in den Straßen Jerevans, verfremdet durch Synthesizer und Filter. Anders als die Fotografien, die sofort ins Auge springen, bleibt die Soundarbeit beinahe scheu – man muss sich ihr nähern, um sie wahrzunehmen. „Ich mache seit Jahren elektronische Klangkunst, aber erst jetzt fühlt es sich richtig an, die Klänge einem breiteren Publikum zu präsentieren“, sagt Fichtner. „Gerne würde ich in Zukunft mal klanglich eine Vernissage begleiten.“
Dorsten im Dialog
Neben Alexander Fichtner zeigen im „franz“ auch Doris Gerhard, Gilda Bräuer, Simone Hölzle, Claudia Schnitzler, Ruth Ocken und Tanja Nowak ihre Arbeiten. Gemeinsam bilden sie ein vielstimmiges Feld, in dem Fichtners Fotografien und seine Soundinstallation hervorstechen – ernst, skurril, tiefgründig und von einer Spur Ironie getragen. Zur Ausstellung gibt es eine Sonder-Edition der 4 Bilder in 30 x 20 Zentimeter zu einem besonderen Preis.
Die Kunstroute Dorsten eröffnet am 5. September 2025 um 19 Uhr. Weitere Besuchszeiten: 6./7. sowie 13./14. September, jeweils von 11 bis 18 Uhr.





























