Wer an ein Archiv denkt, hat oft staubige Akten, stille Magazine und endlose Regale vor Augen. Martin Köcher kennt dieses Bild gut und widersprach ihm freundlich, aber entschieden. „Man weiß halt nie, was auf einen so zukommt“, sagte der Leiter des Stadtarchivs Dorsten. Genau diese Offenheit, diese Vielfalt und diese Nähe zum Alltag vieler Menschen wurden am Wochenende sichtbar, als bundesweit der 13. Deutsche Tag der Archive begangen wurde.
Unter dem Motto „Alte Heimat, neue Heimat“ öffneten Archive in ganz Deutschland am 7. und 8. März 2026 ihre Türen und gaben Einblicke in ihre Arbeit. Veranstaltet wird der Aktionstag alle zwei Jahre vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. Ziel war es auch diesmal, die gesellschaftliche Bedeutung von Archiven sichtbar zu machen, mit Führungen, Vorträgen, Workshops und Einblicken in Bestände, Magazinräume und digitale Angebote.
Das Stadtarchiv Dorsten befindet sich im Erdgeschoss des Bildungszentrums Maria Lindenhof, gemeinsam mit Stadtbibliothek und VHS. Von hier aus wird bewahrt, geordnet, erforscht und vermittelt, was Dorstens Geschichte ausmacht.

Zwischen Urkunde, Zeitung und Gebetbüchlein
Zum Tag der Archive zeigte das Stadtarchiv eine Ausstellung, die bewusst die ganze Breite des Sammelns und Bewahrens vor Augen führte. „Wir haben immer so eine allgemeine Ausstellung, dass wir die verschiedenen Archivaliengattungen zeigen“, sagte Köcher. Dazu gehört „unser ältestes Schriftstück“, Urkunden aus dem Jahr 1330. Gezeigt wurde aber auch das kleinste Buch des Hauses, „ein Gebetbüchlein aus dem Jahr 1812“, das in Dorsten gedruckt wurde.
Dazu kamen weitere Stücke, die selbst viele Einheimische überrascht haben dürften. „Die älteste Zeitung aus Dorsten, was dann auch viele nicht wissen, dass das hier mal eine Zeitung war, aus dem Jahr 1804“, erzählte Köcher. Der „Argus“ war die erste Dorstener Zeitung. Hinzu kamen Geburtenbücher, Heiratsbücher, Sterbebücher, Karten, Pläne, Fotos und Postkarten. „Und natürlich dann die Akten, die nicht fehlen dürfen“, sagte Köcher, denn sie machen „den größten Bereich“ des amtlichen Schriftguts aus.

Mehr als staubige Akten im Archiv
Wer sich den Alltag in einem Archiv eintönig vorstellt, liegt nach Köchers Erfahrung daneben. Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen. „Die Leute, die sich an uns wenden, das sind Privatpersonen, das sind Heimatforscher, das sind Erbenermittler, Nachlassgerichte“, sagte er. Manche möchten wissen, „seit wann wohnen wir überhaupt in Dorsten“, andere suchen Informationen über Familien, Vereine oder alte Grundstücke.
Auch Schulklassen nutzen das Archiv. Erst kürzlich hätten zwei Klassen der Gesamtschule Wulfen dort zum Mittelalter und zur Industrialisierung geforscht. „Also es ist wirklich querbeet“, sagte Köcher. Genau das mache den Beruf so spannend. Archivarbeit sei eben nicht nur Verwaltung, sondern Begegnung mit Geschichte und mit Menschen.

Der Schatz in 1250 Bänden
Besonders eindrucksvoll ist im Stadtarchiv Dorsten der Bestand historischer Zeitungen. „Über 1250 Bände, die wir aufbewahren, wirklich ein Querschnitt durch die Geschichte von Dorsten“, sagte Köcher. Diese Sammlung ist für ihn weit mehr als ein schönes Extra. Sie ist oft eine unverzichtbare Quelle.
„Wenn es keine Akten gibt, die erhalten worden sind, dann kann ich mal nachgucken“, erklärte er. Dann lasse sich etwa nachvollziehen, „wie alt ist der Fußballverein, wie alt ist die Feuerwehr aus Rhade, aus Holsterhausen, wo auch immer“. Das Archiv bewahrt damit nicht nur große politische Geschichte, sondern auch das lokale Gedächtnis des Alltagslebens.
Zwischen Mikrofilm und Küchentisch
Ganz analog arbeitet das Archiv allerdings längst nicht mehr. Auf die Frage, ob dort alles noch analog sei, antwortete Köcher mit einem knappen, aber aufschlussreichen „Jein“. Früher galt die Mikroverfilmung als modernste Technik. Heute sind viele Bestände digital zugänglich. „Die Zeitungen von 1800 bis 1945 liegen digitalisiert online vor“, sagte Köcher. Zu finden seien sie im Zeitungsportal „zeit.punktNRW“.
Das verändere auch die Nutzung. „Deswegen kann man jetzt zu Hause am Küchentisch am Frühstück“ recherchieren, sagte Köcher. Das Archiv bleibt damit ein Ort der Originale, öffnet sich aber zugleich in den digitalen Raum. Alte Heimat wird auf diese Weise auch zur neuen Heimat, erreichbar mit wenigen Klicks.

Papierfischchen als lautlose Gefahr
So lebendig die Nutzung ist, so verletzlich sind die Bestände. Eine der größten Gefahren trägt einen harmlos klingenden Namen: Papierfischchen. Für Köcher ist das Thema alles andere als eine Randnotiz. „Das ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr“, sagte er. Die Tiere greifen Papier an und zerstören im schlimmsten Fall genau das, was ein Archiv bewahren soll: die Lesbarkeit von Geschichte.
„Ich kann es einfach nicht mehr lesen“, beschrieb Köcher die Folge. Selbst wenn ein Blatt äußerlich noch vorhanden sei, könne der Text bereits verloren sein. Das Stadtarchiv reagiert mit Monitoring und Vorsicht. „Neuzugänge werden bei uns eingefroren“, sagte er. So soll ein möglicher Befall eingedämmt werden.

Papierfischchen sind für den Archivleiter damit tatsächlich ein Gegner im Alltag, ebenso wie Feuchtigkeit und ungeeignete klimatische Bedingungen. Gerade in einem älteren Gebäude ist das eine dauerhafte Herausforderung.
Ein Archiv ohne Idealbedingungen
Das Stadtarchiv Dorsten ist kein moderner Zweckbau. Seit 1976 befindet es sich am heutigen Standort im Maria Lindenhof, zwischen Lippe und Kanal. Für empfindliches Archivgut ist das keine ideale Lage. „16 bis 18 Grad, plus minus 2 Grad haben wir hier nicht“, sagte Köcher über die gewünschten Temperaturen. Auch bei der Luftfeuchtigkeit ließen sich ideale Werte nicht durchgehend halten.
Hinzu kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Hochwasser. Beim starken Anstieg der Lippe vor zwei Jahren musste das Archiv reagieren. „Sieh mal zu, was sollen wir jetzt als erstes evakuieren?“, sei damals die Frage gewesen. Gesichert wurden zunächst die Urkunden, die auf Rollwagen nach oben gebracht wurden.
Doch eine echte Rangliste der Wichtigkeit wollte Köcher nicht aufstellen. „Ich kann ja nicht sagen, im Louvre ist nur die Mona Lisa wichtig und der Rest nicht.“ Dieser Satz sagt viel über das Selbstverständnis eines Archivs. Nicht nur das spektakuläre Einzelstück zählt, sondern der Zusammenhang, die Überlieferung, das Ganze.
Ein Urteil, das bis heute fesselt
Natürlich gibt es dennoch Stücke, die selbst Fachleute besonders faszinieren. Für Köcher ist das „das Urteil“ zum „Dorstener Menschenfresser“ Franz Warmann. Über diesen Fall hat er selbst geschrieben. Das Dokument wurde restauriert und zog auch darüber hinaus Aufmerksamkeit auf sich. Für Köcher ist es „das interessanteste Stück“, nicht zuletzt, weil Kriminalfälle die Neugier vieler Menschen wecken.
Er formulierte das mit einem gewissen Realismus. „Was zieht, so Sex and Crime, ist einfach so.“ Auch darin ähnelt das Archiv manchmal dem Journalismus. Aufmerksamkeit entsteht oft über das Außergewöhnliche. Doch für die eigentliche Arbeit gilt etwas anderes: „Nichtsdestotrotz muss man sich um alle Sachen gleichermaßen kümmern.“

Archiv: Das historische Gedächtnis der Stadt
Am Ende führte für Köcher alles auf einen zentralen Gedanken zurück. „Das ist ja auch immer das historische Gedächtnis der Stadt“, sagte er. Und dieses Gedächtnis dürfe „keinen Gedächtnisverlust erleiden“. Genau darin liegt der Wert von Archiven. Sie bewahren nicht nur Dokumente, sondern Herkunft, Entwicklung und Identität.
Der Tag der Archive machte diese Arbeit sichtbar. Er zeigte, dass Archive keine stillen Abstellkammern der Vergangenheit sind, sondern lebendige Orte öffentlicher Erinnerung. In Dorsten geschieht das zwischen Urkunden aus dem Mittelalter, digitalisierten Zeitungen, bedrohten Papierbeständen und den Fragen der Menschen von heute.




























