StartJugendEin Jahr Peru mit Rotary: Matilda kehrt mit Fernweh nach Dorsten zurück

Ein Jahr Peru mit Rotary: Matilda kehrt mit Fernweh nach Dorsten zurück

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Vor einem Jahr sprach Matilda Schwieren aus Rhade noch darüber, wie es sich wohl anfühlen würde, für viele Monate Familie, Freunde und den vertrauten Alltag zurückzulassen. Jetzt ist sie wieder da. Hinter ihr liegen ein Schuljahr in Arequipa, zwei Gastfamilien, Reisen durch die Anden und den Amazonas, Machu Picchu, Piranhas, Faultiere, Vogelspinnen und vor allem unzählige Begegnungen. Aus der Jugendlichen, die ohne ein Wort Spanisch nach Peru flog, ist eine junge Frau geworden, die sagt: „Ich war noch nie glücklicher.“

Als Matilda Schwieren vor knapp einem Jahr ihre Koffer packte, war Peru ursprünglich gar nicht das Land gewesen, von dem sie lange geträumt hatte. Australien stand ganz oben auf ihrer Liste. Das Land faszinierte sie, auch weil sie sich vorstellen kann, später Tiermedizin, Biologie oder Meeresbiologie zu studieren.

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Doch über ihre Freundin Lilly, die mit dem Rotary-Jugendaustausch nach Argentinien gegangen war, wurde sie auf das Programm aufmerksam. Schließlich fiel die Wahl auf Peru. Rückblickend hätte es für Matilda kaum besser kommen können.

„Ich bin da wirklich mit null Kenntnissen hingeflogen“, erzählt sie heute und meint damit vor allem die Sprache. Spanisch konnte sie bei ihrer Ankunft nicht. Statt monatelang Vokabeln zu pauken, hatte sie sich vor allem mit der Kultur beschäftigt und Kontakt zu anderen Austauschschülern aufgenommen.

Dann stieg sie ins Flugzeug und ließ sich auf das Abenteuer ein.

Foto: privat

Plötzlich war alles laut, bunt und anders

Ihre neue Heimat wurde Arequipa, die zweitgrößte Stadt Perus, eingerahmt von der majestätischen Landschaft der Anden. Schon die ersten Tage waren ein Kontrastprogramm zum beschaulichen Rhade.

Matilda mit anderen Mädchen aus ihrer Klasse. Foto: privat

„Es war total anders und ziemlich verwirrend, als ich rausgegangen bin. Es war laut, es war bunt, die Menschen haben total anders getickt. Aber ich habe es geliebt“, erinnert sich Matilda.

Anfangs half Englisch bei der Verständigung mit ihrer ersten Gastfamilie. Doch irgendwann musste Spanisch her. Besonders nach ihrer ersten Reise begann Matilda, sich immer mehr zu trauen und die neue Sprache tatsächlich zu sprechen.

Mit jedem Satz wurde die fremde Umgebung ein bisschen vertrauter.

Auch der Alltag stellte sie vor Herausforderungen. Matilda besuchte eine private Mädchenschule und war dort die einzige Austauschschülerin von Rotary und meist auch die einzige Europäerin. Der Schultag begann früh. Teilweise wurde sie bereits um 6 Uhr mit einem kleinen Schulbus abgeholt. Unterricht war bis zum Nachmittag, unterbrochen von lediglich zwei kurzen Pausen.

Matilda auf dem Hauptplatz Plaza de Armas in Arequipa. Foto: privat

Das Schulsystem erlebte sie als anspruchsvoll und zugleich überraschend familiär. Lehrer und Schüler kennen sich gut, Umarmungen gehören zum Alltag, Lehrer wissen viel über das Privatleben ihrer Schüler. Neben klassischen Fächern wie Mathematik, Chemie, Geschichte oder Englisch gab es auch Unterricht zur Persönlichkeitsentwicklung, bei dem über Identität, Gesellschaft und das Zusammenleben gesprochen wurde.

Schlüsselerlebnis bei der Freundschaftsparade

Auf die anfangs noch schüchterne Matilda kam schon wenige Wochen nach ihrer Ankunft ein Schlüsselerlebnis zu. Der Rotary Club beteiligt sich jedes Jahr am großen Festumzug, dem Corso de la Amistad („Parade der Freundschaft“). Dieses farbenfrohe Straßenfest ist jedes Jahr im August der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Gründungsjubiläum von Arequipa. Für den Umzug stellen Vereine und Organisationen repräsentative Festwagen, die mit viel Liebe und Mühe geschmückt werden. Kurzerhand wurde Matilda zur „Miss Rotary“ gewählt und durfte den Club vom Festwagen aus vertreten. Als „schönster Tag in meinem Leben“ erinnert sie sich heute daran, als sie durch die geschmückten Straßen gefahren wurde und ihr die Menschen zujubelten. „So etwas habe ich noch nie gefühlt“, betont Matilda.

Stolz und glücklich lächelt Matilda vom Festwagen herunter. Foto: privat

Auch schwierige Momente gehören dazu

Ein Austauschjahr besteht allerdings nicht nur aus spektakulären Landschaften und Urlaubsfotos. Das merkte Matilda besonders in der Schule. Nachdem die anfängliche Neugier ihrer Mitschülerinnen nachgelassen hatte, fühlte sie sich zeitweise außen vor. Erst allmählich verstand sie, dass sie selbst aktiv werden musste.

„Dann lag es an mir, mich bei denen wieder reinzubringen“, erzählt sie. Statt darauf zu warten, dass andere auf sie zukamen, ging sie selbst auf ihre Mitschülerinnen zu.

Gerade solche Erfahrungen gehören für Matilda heute zu den wichtigen Lektionen ihres Jahres. Sie lernte, sich zu überwinden und auf Menschen zuzugehen.

Mit einer Freundin und Alpacas. Foto: privat

Auch der Wechsel der Gastfamilie wurde zu einer emotionalen Herausforderung. Von ihrer ersten Familie wollte sie sich eigentlich gar nicht trennen. „Ich habe mich dagegen gesträubt. Ich wollte wirklich bei meiner ersten Gastfamilie bleiben. Ich war unfassbar traurig.“

Doch gerade das Konzept, während eines Rotary-Austauschs unterschiedliche Familien und Lebenswelten kennenzulernen, hatte sie zuvor gereizt. Nun erlebte sie selbst, was das bedeutet.

Die Unterschiede waren erheblich. Ihre erste Gastfamilie war wohlhabend, viele Angehörige arbeiteten als Ärzte oder Anwälte. In der zweiten Familie musste deutlich stärker auf das Geld geachtet werden. Matilda lernte damit innerhalb derselben Stadt sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten kennen.

Der Start dort war zudem von einem traurigen Ereignis geprägt. Bereits einen Tag nach ihrem Einzug starb die Großmutter ihrer neuen Gastfamilie. Matilda erlebte unmittelbar, wie eng Freude und Trauer während eines solchen Jahres beieinanderliegen können. Statt nur Gast zu sein, wollte sie nun selbst für ihre neue Familie da sein.

Blick auf die noch von den Inka angelegten Salzterrassen. Foto: privat

Von Machu Picchu bis in den Amazonas

Und dann waren da natürlich jene Erlebnisse, für die manchmal selbst die vielen Fotos nicht ausreichen.

Gemeinsam mit Rotary und anderen Austauschschülern bereiste Matilda große Teile Perus. Sie sah Cusco und Machu Picchu, folgte den Spuren der Inka, besuchte die berühmten Regenbogenberge, den Titicacasee und den Colca Canyon.

Das Weltkulturerbe Macchu Picchu stand natürlich auch auf der Liste der Sehenswürdigkeiten. Foto: privat

„Ich habe wirklich alles an Landschaft gesehen“, schwärmt sie. Berge und Strände, Seen und Wasserfälle, Wüste, Dschungel und Großstadt. Immer wieder kam sie an Orte, deren Schönheit sie sich vorher kaum hätte vorstellen können.

Am Titicaca-See schlüpfte Matilda in traditionelle Kleidung. Foto: privat

Zu den Höhepunkten gehörte die Reise in den Amazonas.

Dort wurde das Austauschjahr endgültig zum Abenteuerfilm. Matilda fuhr mit Booten über den Fluss, wanderte durch den Regenwald und begegnete Tieren, die sie zuvor vor allem aus Dokumentationen kannte. Faultiere gehörten ebenso dazu wie rosafarbene Flussdelfine, Affen und Vogelspinnen.

Am Amazonas durfte Matilda keine Angst vor großen Spinnen haben. Foto: privat

Auf einer Bootstour angelten die Jugendlichen sogar selbst Piranhas. Am Abend landete der Fang auf dem Grill.

Besonders beeindruckt war Matilda vom Leben der Menschen am Amazonas. Sie besuchte Siedlungen, in denen Häuser teilweise auf Stelzen am Wasser stehen und Mensch und Tier viel unmittelbarer zusammenleben als in Europa. Überall Musik, Tanz und eine Lebensfreude, die ihr im Gedächtnis geblieben ist.

„Man stellt sich das wie im Film vor“, sagt sie.

Matilda mit einem Frosch am Amazonas. Foto: privat

Piranha, Krokodil und Meerschweinchen

Wer ein Land wirklich kennenlernen möchte, muss sich manchmal auch kulinarisch etwas trauen. Matilda tat das offenbar gründlich.

Ihr Lieblingsgericht wurde Ceviche, eines der bekanntesten Gerichte Perus, bei dem Fisch unter anderem mit Limettensaft, Chili und Kräutern zubereitet wird. Auch Meerschweinchen probierte sie.

Im Amazonas wurde die Speisekarte noch ungewöhnlicher. Dort kostete sie Krokodil und sogar gebratene beziehungsweise gekochte Würmer.

Die einheimische Küche bot für die Europäer einige Herausforderungen. Foto: privat

Dazu kamen tropische Früchte und frisch gepresste Säfte, die für sie schnell zum Alltag wurden.

Einige der peruanischen Gerichte will Matilda nun auch zu Hause ausprobieren. Denn nach einem Jahr Peru ist zwar der Koffer wieder in Deutschland angekommen, längst aber nicht alles, was sie mitgenommen hat, passt hinein.

Mit einem Faultier am Amazonas. Foto: privat

„Meine Freunde haben mich noch nie so glücklich gesehen“

Die größte Veränderung lässt sich ohnehin nicht fotografieren.

Matilda selbst sagt, dass sie offener geworden sei und sich heute deutlich mehr zutraue. Menschen in ihrem Umfeld haben die Veränderung ebenfalls bemerkt.

„Meine Freunde haben alle gesagt, sie haben mich noch nie so glücklich gesehen“, erzählt sie. Auf den Fotos aus Peru sei zu erkennen, wie sehr sie dort aufgeblüht sei.

Matilda vor den Regenbogenbergen (Vinicunca) südlich von Cuzco. Foto: privat

Gleichzeitig ist die Rückkehr komplizierter, als man vielleicht vermuten würde. Natürlich hat sie sich auf Familie und Freunde gefreut. Doch während in Deutschland das vertraute Leben weitergeht, ist auf der anderen Seite des Atlantiks ebenfalls ein Zuhause zurückgeblieben.

„Irgendetwas ist da geblieben. Etwas fehlt jetzt“, sagt sie.

Fernweh?

„Ja, definitiv.“

Vielleicht ist genau dieses Gefühl der beste Beweis dafür, was ein gelungenes Austauschjahr bewirken kann. Aus einem fremden Land wird ein Ort, den man vermisst. Aus Menschen, deren Sprache man zunächst nicht versteht, werden Freunde und Familie.

Treffen mit anderen Rotary-Austauschschülern. Foto: privat

Ein bisschen Peru ist mit nach Rhade gekommen

Sogar einige Alltagsgewohnheiten haben die Reise über den Atlantik geschafft.

Vor ihrer Abreise beschreibt sich Matilda selbst als ausgesprochen deutsch, wenn es um Pünktlichkeit und Planung ging. Alles sollte rechtzeitig erledigt und möglichst genau organisiert sein.

Das hat sich geändert.

„Jetzt bin ich, wo ich wieder da bin, eigentlich normalerweise immer zu spät“, erzählt sie lachend. Wenn sie ihrem Vater ankündige, in zehn Minuten zu Hause zu sein, könne daraus durchaus eine halbe Stunde werden.

Nicht unbedingt eine Veränderung, über die sich ihre Eltern uneingeschränkt freuen.

Dahinter steckt für Matilda aber eine grundsätzlichere Erkenntnis: Sie betrachtet vieles entspannter und kann besser unterscheiden, was wirklich wichtig ist und worüber es sich nicht lohnt, sich ständig Gedanken zu machen.

Vor allem aber hat Peru ihre Lust auf die Welt noch größer gemacht.

Zusammen in den Anden. Foto: privat

Ihr Rat: Nicht zu lange nachdenken, sondern machen

Was würde sie heute einem Jugendlichen sagen, der selbst mit dem Gedanken spielt, ein Austauschjahr zu wagen?

Matilda muss nicht lange überlegen.

„Auf jeden Fall machen. So schnell wie möglich. Keine Zweifel haben, keine Ängste haben vor dem Auslandsjahr.“

Es werde neue Menschen, eine neue Kultur und eine andere Sicht auf die Welt geben. Nicht jeder Tag werde einfach sein. Genau darin liege aber ein Teil der Erfahrung.

Einfach mal ins kalte Wasser – das ist für Matilda kein Problem mehr. Foto: privat

„Es wird das beste Jahr deines Lebens, egal wo du sein wirst, egal mit wem, egal wie lange“, sagt Matilda. Ihr wichtigster Rat lautet deshalb, sich wirklich auf das neue Leben einzulassen und nicht gedanklich ständig in Deutschland zu bleiben.

„Genieß dein Jahr, hab keine Angst und nimm einfach so viel mit, wie du kannst.“

Sie selbst hat genau das getan.

Matilda heute: „Das Jahr hat unglaublich viel mit mir gemacht.“ Foto: Borgwardt

Vor einem Jahr flog eine Jugendliche aus Rhade ohne Spanischkenntnisse in ein Land, das ursprünglich nicht einmal ihr erstes Wunschziel gewesen war. Zurückgekehrt ist eine Matilda, die eine zweite Familie auf der anderen Seite der Welt gefunden, Peru von den Anden bis zum Amazonas bereist und gelernt hat, dass ein Sprung ins Unbekannte manchmal genau der richtige Weg sein kann.

Und während ihr Austauschjahr nun offiziell vorbei ist, hat es offenbar etwas ausgelöst, das noch lange nicht beendet ist: den Wunsch, noch viel mehr von der Welt zu sehen.

Der Rotary Jugendaustausch

„Der Rotary Jugendaustausch steht für Völkerverständigung und fördert den globalen Austausch junger Menschen“, erklärt Rotary-Sekretärin Petra Scholten. „Solche Programme sind ein wichtiger Beitrag zum interkulturellen Austausch und zur globalen Freundschaft – Werte, die Rotary weltweit fördert und lebt.“

Schüler, die Interesse an einem Austausch haben, können sich gerne über die Homepage an den Rotary Club wenden. www.dorsten.rotary.de

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