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„Tisa Brunnen“- Ein offener Brief von Cornelia Funke

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Foto: Stadt Dorsten

Die in den USA lebende weltberühmte, aus Dorsten stammende Kinderbuchautorin Cornelia Funke erinnert mit emotionalen Worten an Dorstens Ehrenbürgerin Tisa von der Schulenburg und teilt uns ihre ganz persönliche Meinung zum Standort des Tisa-Brunnens mit.

Wir erfüllen gerne Cornelias Funkes Wunsch, ihren Brief in ganzer Länge zu veröffentlichen.

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Offener Brief zum Thema „Tisa Brunnen“

Es war eine alte Klassenkameradin, die mir erzählte, dass der Tisa-Brunnen auf dem Marktplatz vielleicht schon bald verschwunden und vergessen sein wird.

Wieviele Erinnerungen da plötzlich kamen…ich habe den feuchten Stein unter den Fingern gespürt und die Bewunderung im Herzen, die ich stets für Schwester Paula und ihre bildhauerische Arbeit empfunden habe. Der Brunnen auf dem Markt bedeutet für mich nicht nur die ganz selbstverständliche Gegenwart von großer Kunst in meiner Heimatstadt.

Er ist für mich auch ein unvergessliches Symbol für den mutigen Widerstand gegen jede Art von rechtem Denken, den es in unserem Land eben auch gegeben hat und hoffentlich immer geben wird.

Der zunehmende Rassismus, der sich überall wie ein hässliches Reptil aus alten Zeiten regt, macht ihn gerade heute so wichtig. Tisas Reliefs waren Mahnung, dass man dem Unrecht früh entgegentreten muss, weil die Opfer, die das Schweigen bringt, sonst furchtbar sind. Tisa von Schulenburg wusste von diesen Opfern zu berichten, mit und ohne Worte.

Dass man ihre mächtige Kunst in Dorsten unter freiem Himmel und in der Mitte der Stadt finden kann, dass man einen Kaffee neben einem Brunnen trinken kann, der Zeugnis ablegt und ein steinernes Lied für die singt, die in der finstersten Zeit unserer Geschichte verloren gingen…. das machte mich stolz.

Dass etwas so Kostbares nun für ein paar Extratische auf dem Marktplatz geopfert werden soll, Ist schwer zu glauben!

Und das, obwohl es Spendenzusagen für den Wiederaufbau gibt? Ja, der Brunnen wird eine Replik sein, aber all die Ideen und die Kunstfertigkeit von Tisa von der Schulenburg werden darin doch ebenso zu finden sein wie im Original.

Wie ist denn das möglich, dass eine Stadt die durch die Bomben soviel verloren hat, nun selbst entscheidet, einen Brunnen zu beseitigen, der so eindrucksvoll von der Auseinandersetzung Dorstens mit der Dunkelheit und dem Licht kündet?

Ich konnte mich als Teenagerin auf den Rand setzen und den Geist von mutigem Widerstand unter meinen Fingern spüren und die Gegenwart einer unvergesslichen Frau.

Sollten künftige Generationen von Dorstenern das nicht auch können? Und durch Tisas Beispiel Mut auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt finden, für Frieden, Menschlichkeit und gegen Hass und Gewalt einzutreten?

Cornelia Funke

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