In Dorsten gründet Denise Müller eine neue Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS. Anlass war ihre eigene späte Diagnose mit 50 Jahren – ein Wendepunkt nach jahrzehntelangen Fehldiagnosen. Die Gruppe soll Betroffenen im Kreis Borken Austausch, Verständnis und konkrete Alltagshilfe bieten.
ADHS-Diagnose mit 50 – Denise Müller gründet Selbsthilfegruppe
Drei Jahrzehnte lang lebte Denise Müller mit psychiatrischen Diagnosen – rezidivierende Depressionen, generalisierte Angststörung und Panikattacken. Doch keine Therapie brachte den gewünschten Durchbruch. Erst mit 50 Jahren erhielt sie in der Schlossklinik Pröbsting in Borken eine Diagnose, die für sie alles veränderte: ADHS im Erwachsenenalter.
„Plötzlich ergab alles Sinn“
„Ich habe mich schon mein Leben lang ‚falsch‘ gefühlt und bekam das auch oft gespiegelt“, berichtet Müller. Die Diagnose ADHS sei ein Wendepunkt gewesen. „Es erklärte sich plötzlich alles.“ Viele Jahre habe sie sich gefragt, warum sie ständig überfordert sei, keine Ordnung halten könne und Aufgaben grundsätzlich auf den letzten Drücker erledige – unter massivem Druck, wie gelähmt.
Nach der Diagnose begann für sie ein Umdenken. „Ich bin traurig und wütend über verpasste Chancen, kaputte Beziehungen und verlorene Zeit. Immer wollte ich mich der Gesellschaft anpassen, was einfach nicht möglich war und unendlich viel Kraft kostete.“
Dieses sogenannte Maskieren, also das bewusste Verbergen oder Überspielen der Symptome, führe bei vielen Betroffenen zu chronischer Erschöpfung, sozialem Rückzug und einem verzerrten Selbstbild.
ADHS im Alltag: Chaos, Reizüberflutung und hoher Energieverbrauch
ADHS gilt als Spektrumserkrankung – die Ausprägungen unterscheiden sich stark von Person zu Person. Die Symptome reichen von innerer Unruhe, Impulsivität, Vergesslichkeit und Desorganisation bis hin zu starker emotionaler Reizbarkeit. Im Alltag hat das viele Auswirkungen: Mahnungen, vergessene Kündigungen oder ungenutzte Abonnements kosten nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Dazu kommen häufige Suchaktionen nach Handy, Schlüssel oder Fernbedienung. Reize wie Geräusche oder Licht seien schwer auszuhalten, sagt Müller: „Im Kopf wird es nie leise.“
„Ich will nicht jammern – ich will etwas bewegen“
Die Diagnose war für Denise Müller nicht nur eine persönliche Erleichterung. Sie wurde zum Antrieb, auch anderen Betroffenen zu helfen. „Ich will nicht jammern, ich will was tun“, betont sie. Mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen gründet sie nun eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS.
Die „ADHS-Gruppe für Dorsten / Kreis Borken“ startet am 11. Juli 2025 und trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat um 18 Uhr im Carola-Martius-Haus (CMH), Urbanusring 17, Dorsten-Rhade.
Austausch auf Augenhöhe
Die Gruppe richtet sich an Menschen mit gesicherter Diagnose, aber auch an jene, die sich noch im Diagnostikprozess befinden oder sich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen.
„Wir suchen den Austausch und gemeinsam nach Lösungen“, erklärt Müller. Thematisch soll es um Alltagstipps, hilfreiche Apps, Strukturhilfen, aber auch um Fragen rund um den Grad der Behinderung (GdB), Pflegegrad und Medikamentenerfahrungen gehen.
Vor allem soll die Gruppe einen sicheren Raum bieten. „In dieser Gruppe muss sich niemand erklären oder rechtfertigen, wenn er zu spät kommt, mit dem Stuhl wippt oder mal von einem Schmetterling abgelenkt ist. Wir kennen das alles – und jeder darf so sein, wie er ist.“
Wenige Angebote für Erwachsene – hoher Bedarf
Im Raum Dorsten und Kreis Borken gibt es bislang nur vereinzelt Selbsthilfeangebote für Erwachsene mit ADHS. Der Bedarf sei jedoch groß, sagt Müller. Mit dem Standort Rhade wolle sie gezielt Menschen aus der Region ansprechen, die sonst lange Wege nach Marl oder Bocholt in Kauf nehmen müssten.




























