Astronomie: kein Hobby für Ungeduldige

Gerd Wüsts Blicke in die Vergangenheit

von Martina Jansen

„Ich habe viel mit einem Angler gemein“, stellt Gerd Wüst fest. „Auch er ist für sich alleine in der Natur, redet wenig und harrt stundenlang aus. Er sieht seinen Erfolg allerdings sofort, ich muss danach noch Stunden am Rechner verbringen, um ein gutes Ergebnis in den Händen zu halten.“

Der Barkenberger hat in seinem Leben schon so manchen Abend hinter seinen Teleskopen verbracht, wobei es des Öfteren auch schon mal drei Uhr morgens werden kann. Dass es sich lohnt, ist auf seinen Fotos zu sehen. Der Mond, Nebeln und Sterne üben eine extreme Faszination auf den Betrachter aus.

Weltraumfotografie ist nicht spontan

„Der Mond ist schnell fotografiert“, erklärt mir Gerd, „aber für den Nebel hier brauchte ich Stunden“, zeigt er auf den Adlernebel. Geduldig beschreibt er mir, dass ein Foto etwa zehn Minuten lang belichtet wird, sodass maximal sechs Fotos in einer Stunde entstehen. Für ein perfektes Foto müssen anschließend 20 bis 30 Fotos am PC übereinandergelegt werden. Diese Zeit, in der diese Fotos entstehen, braucht der sympathische Hobby-Astronom auch für die Bildschirmbearbeitung. Weltraumfotografie ist also nichts für Ungeduldige und auch nichts Spontanes. „Ich plane vorher, was ich fotografieren möchte. Diesen Winter möchte ich gerne den Orionnebel beobachten.“

Hier wird gerade ein neuer Stern geboren. Obwohl eigentlich müsste es heißen: Vor 5.000 Millionen Jahren wurde ein neuer Stern geboren. Wir sehen es nur jetzt mit einer erheblichen Verzögerung. Die Sternengeburt ist umgeben von interstellarem Staub, den Säulen des Lebens. Und wer weiß, vielleicht sieht gerade in diesem Moment jemand mit einem Teleskop auf unsere Erde. Foto: Wüst

Das erste eigene Teleskop

„Unsere Eltern haben uns Kinder schon früh an die spannenden Sendungen im Fernsehen oder durch Geschichten an die Wissenschaft herangeführt. Ich war sofort begeistert, habe all mein Taschengeld gespart und mir ein kleines Fernrohr gekauft“, erinnert sich Gerd. „Ende der 70er-Jahre konnte ich mit finanzieller Hilfe meiner Großeltern durch mein erstes eigenes Teleskop schauen. Zum ersten Mal sah ich die Tag-und Nachtgrenze beim Mond. Das war einfach nur toll“, erzählt der 55-Jährige weiter.

Faszination Weltall

Vor zehn Jahren erstand er dann ein Spiegelteleskop und genoss den First light, wie der erste Blick durch ein neues Teleskop heißt. „Ich war so aufgeregt, dass ich meine Frau rief. Sie sollte unbedingt selbst einen Blick in den Sternenhimmel werfen. Und Beate war von den vielen Diamanten auf schwarzem Samt ebenso fasziniert wie ich, denn es lagen Welten zwischen einem Fernrohr und meinem neuen Teleskop.“ Seitdem versteht auch seine Frau, was ihn an der Astronomie so fasziniert. Mittlerweile wiegt Gerd Wüsts Ausrüstung 60 Kilogramm und die Elektronik hat Einzug in die Teleskope gehalten. Da hilft ihm zum Glück auch seine Weiterbildung zum Elektroniker weiter, wenn seine Ausrüstung mal nicht so will. „Ich gebe jetzt nur noch die Koordinaten des eigenen Standortes sowie Datum und Uhrzeit an, finde zwei Fixsterne und gebe an, was ich sehen möchte. Da sowohl die Erde als auch der Mond sich drehen, musste ich das Teleskop alle paar Minuten nachjustieren. Das übernimmt jetzt die eingebaute Elektronik.“

Der Mond, 384.000 Kilometer entfernt und doch zum Greifen nah. Deutlich zu sehen sind auf dem hellsten Himmelskörper am Nachthimmel die Krater und die Tag-Nacht-Grenze. Selbst die markante Stelle, an der die Apollo 11 landete, ist für Gerd Wüst auf dem Foto gut zu erkennen.Der Mond leuchtet jedoch nicht aus sich heraus, sondern wird von der Sonne angestrahlt. Daher sehen wir auch nur den Teil, der von der Sonne angestrahlt wird. Foto: Wüst

Gerd Wüsts Blicke in die Vergangenheit

Am liebsten sieht Gerd im Winter in den Himmel. Es wird früh dunkel, der Himmel ist klar, nichts flimmert, die Sterne leuchten amhellsten und es sind die schönsten Nebel und Strukturen zu erkennen. Zudem hat er viel mehr Zeit für seine Beobachtungen. Bei unserem Gespräch heute befindet sich der Jupiter im Südwesten, der Mond hinter den Wolken und Orion in den Sternzeichen Stier undZwillinge wird bald im Osten aufgehen. Dieses astronomische Basiswissen musste er früher in seinem Himmelsatlas nachschlagen. Heute weiß er es natürlich aus dem Effeff und braucht nicht die Eselsbrücke „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel“, um die Reihenfolge der Planeten zu behalten. Um ein Gefühl für die Dimensionen zu bekommen, mit denen Gerd sich beschäftigt: Der Mond befindet sich 384.400 Kilometer von der Erde entfernt, der Adlernebel etwa 7.000 Lichtjahre, das sind 7.000 Mal 9,46 Billionen Kilometer. Er liegt also astronomisch betrachtet in unserer Nachbarschaft. Die Andromedagalaxie liegt etwa 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt und ist längst nicht die am weitesten entfernteste Galaxie. An diesen Dimensionen erkennen wir, wie klein und unbedeutend unsere Erde oder letztendlich auch jeder einzelne von uns im großen Universum ist.

Gerd Wüst teilt sein Wissen gerne. Foto: Sklenak

Ohne Bass keinen Spaß

„Meine Fotos sind gehobene Amateurqualität, denn die Technik ist mittlerweile viel weiter. Aber der Aufwand, mit Webcams zu hantieren und eine starke Stromquelle dabeizuhaben, ist mir dann zu groß, ich bleibe bei meiner Technik.“ Dennoch stellt Gerd Wüst gerne Fotokalender auf Wunsch zusammen oder führt Führungen am kleinen Teleskop durch. Bei Interesse wenden Sie sich doch gerne an seine Accounts in den sozialen Medien oder mailen ihm unter [email protected] .„Ich könnte mir kein schöneres Hobby vorstellen“, betont der Astronom. „Das Naturerlebnis, wenn es abends ruhiger wird, die Fledermäuse umher flitzen und nur noch der Wind zu hören ist, das erdet mich immer sehr schnell.“Dennoch spielt auch die Musik in seinem Leben eine größere Rolle. Viele Musikfans kennen den Bassisten sicher von den Choppstixx, der Oldieband Greyhounds oder auch jetzt neu von den Wulferados mit ihren heimatverbundenen Texten.

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martina jansen
Hallo, ich bin Martina Jansen. Meine Heimat ist das Monatsmagazin „Lokallust“, aber da wir mit den „Heimatmedien“ eng zusammenarbeiten, richte ich mich seit einiger Zeit nun auch hier als freie Mitarbeiterin häuslich ein. Als nicht gelernte Redakteurin schreibe ich aus dem Bauch heraus und lasse dabei unbewusst, gerne aber auch ganz bewusst, redaktionelle Regeln aus. Soll heißen: Ich schreibe so, dass ich auch verstanden werde. Gerne treffe ich mich mit Menschen aus Dorsten, Schermbeck oder Raesfeld, die ein verrücktes Hobby haben, ehrenamtlich tätig sind oder einfach „gut drauf“ sind, also mit Menschen wie du und ich und bin jedes Mal darauf gespannt, welche Geschichte am Ende dabei herauskommt.