Vor, während und auch nach Radtouren führen die Wege der Radfahrer oft zu Herberts Fahrradlädchen in Lembeck. Aber während es früher oft hieß „Herbert, kannst du mal bitte mein Rad aufpumpen“, so heißt es heute immer öfter: „Steffi, mein E-Bike zieht nicht mehr so gut, ich glaube, der Sensor ist verschmutzt.“
In allen Fällen wird freundlich, schnell und gerne auch mit einem Hinweis auf die Spendenaktion für die medizinische Kinderschutzambulanz an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln geholfen. Die dritte Spendenbox war schon gut gefüllt und wurde im Mai überreicht.
Eine Familiengeschichte hinter der Spendenaktion
Den Griff zur Luftpumpe oder zum Lappen, um den Sensor zu reinigen, lassen sich Herbert Korte und Steffi Kraft nicht bezahlen, denn für sie ist es das Normalste auf der Welt. „Zu helfen liegt wohl in der Familie“, lacht Steffi. Und genau so ist sie mit ihrem Großvater großgeworden, der nie lange gefragt hat, sondern einfach gemacht hat. Was mich aber ganz besonders beim Besuch der beiden berührt hat, ist Steffis persönliche Geschichte, die hinter der ersten Spendenaktion ihres Opas steckt.
Der „Ur-Lembecker“ Herbert arbeitete 38 Jahre lang als Fliesenleger, half aber immer wieder seinem Vater beim Reparieren defekter Räder, bis er schließlich 1992 „Herberts Fahrradlädchen“ auf der Wulfener Straße gründete. Durch einen medizinischen Notfall vor 25 Jahren in der eigenen Familie wurde Herbert auf die Spendenaktion des Kindernotarztwagens aufmerksam. „Direkt nach ihrer Geburt musste Stephanie ins Krankenhaus. Die Fahrt und auch schon die Behandlung im speziell ausgestatteten Notarztwagen der Björn-Steiger-Stiftung retteten ihr Leben. ‚Ohne die schnelle Behandlung im Kindernotarztwagen hätte ich nicht überlebt‘, sagten die Ärzte meinen Eltern“, fügt Steffi hinzu.
Spenden für Kinderschutzprojekte
Für Herbert war damit klar: „Wir spenden für den neuen Notarztwagen.“ Und auch die Lembecker spendeten mit. Und sie spenden noch heute, auch wenn das Geld nicht mehr dem Kindernotarztwagen, sondern der Kinderschutzambulanz in Datteln zugutekommt. „Wir haben auch hin und wieder Briefumschläge mit Geldscheinen und ein paar emotionalen Zeilen der anonymen Spender in unserem Briefkasten“, freut sich das Opa-Enkelin-Team.
Herbert hält kurz inne. „Das geht einem schon nahe. Sie vertrauen nicht nur uns persönlich, sondern auch darauf, dass das Geld zu hundert Prozent in die Kinderschutzprojekte gesteckt wird“, fährt er fort. „Hier gilt noch: ‚Ein Wort ist ein Wort‘ und ein Handschlag gilt.“ Und so füllen sie Jahr für Jahr weiter die Spendentöpfe.
„Opa und mir stehen die Tränen in den Augen, wenn wir sehen und hören, was mit den Spenden gemacht wird“, erzählt Steffi, und ihr Lachen, das ich oft bei ihr höre, ist verschwunden. So wurde von Spendengeldern ein altes Haus, das misshandelten und missbrauchten Kindern ein Zuhause gibt, umgebaut. Zusätzlich bauten Mitarbeiter einen Zaun ums Grundstück, um den Kindern Sicherheit zu geben, denn die jungen Bewohner trauen sich sonst nicht aus dem Haus.
Die medizinische Kinderschutzambulanz in Datteln ist eine der wenigen Anlaufstellen dieser Art in der Region. Hier werden jedes Jahr rund 1000 Kinder, die Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt haben, betreut. „Kinderschutz ist keine Regelleistung der Krankenkassen“, sagt Herbert. „Das wissen viele gar nicht. Deshalb ist jede Spende wichtig. Und genau aus diesem Grund sammeln wir auch weiter.“ Beide möchten sich auf diesem Wege bei allen Spendern bedanken.
Herberts Fahrradlädchen bleibt Herberts Fahrradlädchen
Steffi führt nicht nur das soziale Engagement ihres Großvaters fort, denn auch sie hat ein großes Herz. Auch beruflich hat sie seine Nachfolge angetreten. Die Ausbildung zur Zweiradmechatronikerin hat die junge Lembeckerin bewusst gewählt, etwas anderes kam für sie nicht infrage. „Ich habe während meiner Ausbildung auch etwas über Motorräder gelernt, aber es hat mir nicht geschadet“, zwinkert sie mir zu und erzählt mir, dass die Überreichung der Urkunde als „Zweiradmechaniker-Meisterin“ vor drei Jahren ein unvergessliches Erlebnis für sie war.
Hier auf dem Grundstück sind immer Gespräche und Gelächter zu hören, und aus der Werkstatt sind die Werkzeuge zu hören, die gerade benutzt werden. „Privates und Geschäftliches lassen sich kaum trennen, aber ich kenne es ja nicht anders“, erzählt mir die 25-Jährige. „Mein Vater hat mich zum Glück nie gedrängt, seine Spedition zu übernehmen. Und dafür bin ich ihm auch wirklich dankbar.“ Steffi schaut kurz zu ihrem Großvater. „Denn das, was ich jetzt mit dir zusammen mache, ist mein absoluter Traum.“
Während Steffi sich um moderne E-Bikes kümmert, repariert ihr Großvater noch die Bio-Räder, wie er sie nennt. Oft nimmt er sich aber auch die alten, ausgedienten Fahrräder vor, die gespendet wurden. „Aus drei mach eins“, lächelt Herbert. Diese Räder verschenkt er anschließend über die Jugendhilfe an Kinder, die oft noch nie ein eigenes Fahrrad besaßen. „Unser Lohn ist die Freude der Kinder, die diese Räder geschenkt bekommen.“
Steffi kommt noch einmal aufs Geschäft zu sprechen: „Ohne Opa könnte ich das nicht, und ich möchte es auch nicht“, betont Steffi und schaut Herbert dabei an. Und der 78-Jährige verspricht ihr, solange er kann, weiterzumachen, was Steffi ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert. „Und selbst wenn du nicht mehr jeden Tag mithilfst, bleibt alles beim Alten“, verspricht die neue Inhaberin. „Herberts Fahrradlädchen ist und bleibt Herberts Fahrradlädchen.“
Aus der Lokallust Dorsten
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