Am Sonntag stand Dorsten ganz im Zeichen der Erinnerung. Am Vormittag lud das Jüdische Museum Westfalen zur Gedenkveranstaltung an die Novemberpogrome von 1938 ein, am Nachmittag führte Stadtführerin Barbara Seppi Interessierte durch die Innenstadt. Zu Orten, an denen jüdisches Leben einst selbstverständlicher Teil des Dorstener Alltags war. Dass sich beides ergänzte, war spürbar. Wer zuvor im Museum der zerstörten Synagogen und der verfolgten Familien gedachte, sah dieselbe Geschichte kurz darauf im Pflaster der Stadt wieder. In Form von Namen auf Stolpersteinen und ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern.
„Eigentlich fing alles mit einer Familie aus den USA an“
Der Rundgang „Jüdisches Leben in Dorsten“ hat seine Wurzeln in einem Museumsprojekt. „Angefangen hat das mit dem Besuch der Familie Eisendrath“, erinnert sich Barbara Seppi. Für ein großes Cousinentreffen waren Nachkommen der jüdischen Familie, die im 19. Jahrhundert aus Dorsten in die USA ausgewandert war, in die alte Heimat zurückgekehrt.
Damals bat eine Museumsmitarbeiterin Seppi, eine besondere Führung zu entwickeln. In der sie sogar „in die Rolle“ der Familienmatriarchin Julia Eisendrath schlüpfen zu lassen. „Ich sollte so tun, als sei ich Julia Eisendrath, die Ur-Ur-Urgroßmutter. Das fand ich erst etwas seltsam, aber den Amerikanern hat es gefallen“, erzählt sie schmunzelnd. Für diese erste Führung begann sie intensiv zu den jüdischen Familien der Stadt zu recherchieren. Zu den Geschichten der Eisendraths, Perlsteins, Levinsteins, Metzgers und vielen anderen.

Aus dem einmaligen Projekt wurde schließlich ein fester Baustein im Programm der Stadtagentur Dorsten: Mehrmals im Jahr sowie auf Anfrage. Vor allem von Schulklassen und Privatgruppen führt Seppi seither zu den Spuren jüdischen Lebens in der Altstadt.
Einstieg im Museum, erste Spur am Marktplatz
Ausgangspunkt der Tour ist das Jüdische Museum Westfalen am Südwall. Hier spannt Seppi zunächst den großen historischen Bogen: von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. über die fast 2000-jährige Diaspora bis zur Lage der Juden im mittelalterlichen Deutschland. Verfolgt während der Kreuzzüge, rechtlos und vom Zuzug in viele Städte ausgeschlossen.
Auch Dorsten war davon geprägt: Als die Stadt 1251 ihre Stadtrechte bekam, galt für Juden hier kein Zuzugsrecht. Entsprechend gab es im Mittelalter keine jüdische Gemeinde – und deshalb auch keine dokumentierten Pogromopfer. Erst mit den Landesherren in Raesfeld und Lembeck tauchen einzelne jüdische Angestellte auf, geschützt durch sogenannte Geleitbriefe. Einen wirklichen Einschnitt brachte das napoleonische Recht: Ab 1808 galt Religionsfreiheit, Juden durften sich niederlassen und Grundeigentum erwerben.

Auf einer historischen Grundstückskarte, die Seppi beschreibt, werden die Wohnungen jüdischer Familien im Dorsten des 19. Jahrhunderts sichtbar verteilt über das gesamte Stadtgebiet. „Ein Ghetto hat es hier nie gegeben“, betont sie.
Der Marktplatz selbst konnte an diesem Sonntag wegen des Lichterfestes nur gestreift werden. Trotzdem ist er ein zentraler Ort der Führung. Hier stand das Kaufhaus Joseph, dessen Fotografien aus den 1920er ein Dorsten zeigen, in dem jüdische Geschäfte selbstverständlich zum Stadtbild gehörten.
Wiesenstraße: geistiges Zentrum der Gemeinde
In der Wiesenstraße wird die abstrakte Geschichte greifbar. Hier wuchs die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert schnell, vor allem aus dem Mittelstand: Metzger, Viehhändler, kleine Kaufleute. Dorsten wurde zum Kopf einer Synagogengemeinde, die bis nach Buer reichte.
An der Gedenktafel für die ehemalige Synagoge erzählt Seppi die Geschichte der Familie Eisendrath. Wirtschaftlicher Erfolg, Integration und die Entscheidung vieler Familienmitglieder, schon im 19. Jahrhundert in die USA auszuwandern, lange bevor der nationalsozialistische Terror begann.
Direkt daneben erinnern Stolpersteine an die Familie Metzger. Die wie die letzten jüdischen Familien Dorstens am 23. Januar 1942 deportiert wurde. Namen, Geburtsdaten, Deportationsorte. Für die Gruppe auf dem Rundgang wird sichtbar, wie abrupt das jüdische Leben, das hier einst selbstverständlich war, ausgelöscht wurde.
Schule, Sprache, Aufstieg: Station Ursulastraße
Vor dem Ursulinenkloster in der Ursulastraße lenkt Seppi den Blick auf Bildung und Alphabetisierung im Judentum. Schon 1808 bekam die Gemeinde ihren ersten Lehrer für Religion und Hebräisch. Eine eigene jüdische Schule gab es nicht. Die Kinder besuchten die regulären Dorstener Schulen, viele später das Gymnasium Petrinum oder die Ursulinenschule.
Handel, Flucht, Entrechtung: Lippetor und Essener Straße
Am Lippetor erinnert sie an Dorstens Rolle als Handelsstadt an der Lippe. Hier spricht Seppi über die insgesamt rund 40 Stolpersteine im Stadtgebiet und die verschiedenen Verlegungsorte. Vom Ostwall bis zur Essener Straße.
Beispielhaft erzählt sie die Geschichte der Familie Perlstein, die von 1808 bis 1942 in Dorsten lebte. Amalie Perlstein, 1940 auf dem jüdischen Friedhof an der Hasselbecke beerdigt, gilt als letztes Gemeindemitglied, das in Dorsten ein jüdisches Grab erhielt. Auch ein Stolperstein für Hermann Levinstein liegt auf dem Weg an seiner Lebensgeschichte macht Seppi die Brutalität der nationalsozialistischen Rassengesetze deutlich: Geschäftsverlust, Freitod der Ehefrau, Berufs- und Studienverbote für die jüngere Generation.

Erinnerung zwischen Pflastersteinen und Gegenwart
Wenn die Gruppe am Ende der Führung wieder am Museum ankommt, schließt sich ein Kreis: Vom historischen Überblick in der Ausstellung über die Stolpersteine im Straßenpflaster zurück an den Ort des Gedenkens.
„Man kann viel über Zahlen und Daten sprechen“, sagt Barbara Seppi zum Abschied. „Aber erst, wenn man vor den Häusern steht und die Namen liest, wird deutlich: Das waren Nachbarn. Familien, Kinder mitten in Dorsten.“
Die Kombination aus Gedenkveranstaltung und Stadtrundgang macht deutlich, dass Erinnerung in Dorsten nicht nur im Museum stattfindet, sondern im Alltag der Stadt an Hausfassaden, auf 38 Stolpersteinen und in den Geschichten, die Menschen wie Barbara Seppi weitergeben.





























