StartDorstenRathausDorsten steuert auf Rekordschulden zu: Haushalt 2026 zeigt dramatische Entwicklung

Dorsten steuert auf Rekordschulden zu: Haushalt 2026 zeigt dramatische Entwicklung

Veröffentlicht am

Die finanzielle Lage im Haushalt der Stadt Dorsten spitzt sich weiter zu. Kämmerer Karsten Meyer und Bürgermeister Tobias Stockhoff haben sowohl in der Pressekonferenz als auch in der Haushaltsrede im Rat deutlich gemacht: Ohne grundlegende Kurskorrekturen von Bund und Land droht Dorsten in den kommenden Jahren die bilanzielle Überschuldung.

Einordnung: Zwei gute Jahre – aber ein bedrohlicher Trend

Zwar liefen die Haushaltsjahre 2024 und 2025 besser als geplant, vor allem dank stabiler Gewerbesteuereinnahmen. Doch Meyer warnt davor, dies als Entwarnung zu verstehen: „Die mahnenden Worte zur finanziellen Entwicklung sind wie ein Tinnitus – unangenehm, aber man darf sich nicht daran gewöhnen.“

Anzeige
Anzeige zum Freizeitspezial 2026 auf Dorsten-Online

Denn auch wenn 2024 sogar ein Überschuss erzielt wurde, handelt es sich größtenteils um Einmaleffekte, nicht um dauerhaft stabile Einnahmen. Die strukturellen Probleme bleiben.

Der Haushalt 2026 im Überblick

Der Haushaltsentwurf 2026 weist ein planerisches Defizit von 28,71 Mio. Euro aus. Nach Abzug des sogenannten globalen Minderaufwands – einer verpflichtenden Einsparquote von 2 % aller ordentlichen Aufwendungen – verbleibt ein Defizit von 22,51 Mio. Euro.

Eckdaten 2026

  • Ordentliche Erträge: 286,2 Mio. €
  • Ordentliche Aufwendungen: 310,3 Mio. €
  • Defizit: 28,7 Mio. €
  • Globaler Minderaufwand: –6,2 Mio. €
  • Tatsächliche Lücke nach Einsparverpflichtung: 22,5 Mio. €

Steuern bleiben stabil:

  • Grundsteuer A und B: bleiben bei 870 Punkten
  • Gewerbesteuer: bleibt bei 505 Punkten

Entwicklung bis 2029: Die Zahlen sind alarmierend

Für die kommenden Jahre sieht es noch schlechter aus. Das planerische Defizit summiert sich:

JahrDefizit (planerisch)
2026-28,71 Mio. €
2027-29,63 Mio. €
2028-35,06 Mio. €
2029-39,55 Mio. €
Summe 2026–2029-132,95 Mio. €

Nach Abzug der globalen Minderaufwendungen verbleiben immer noch -106,91 Mio. Euro.

Stockhoff spricht von einem Zustand, bei dem man derzeit „keine Aussicht hat, irgendwie kompensiert werden zu können.“

Rekordwert: Höchste Liquiditätskredite der Stadtgeschichte

Eine besonders bedrohliche Entwicklung zeigt sich bei den Liquiditätskrediten – also den Darlehen, die die Stadt aufnehmen muss, um laufende Rechnungen zahlen zu können. Schon jetzt ist klar: 2029 wird Dorsten den höchsten Stand seit Bestehen erreichen.

Während der bisherige Höchstwert von 203,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2012 stammt, rechnet die Stadt für 2029 mit 216,5 Millionen Euro. Parallel dazu steigen die Zinskosten rasant an. 2024 lagen sie noch bei 1,2 Millionen Euro, 2029 werden sie nach aktueller Planung 5,5 Millionen Euro betragen.

Meyer fasst zusammen: „Es hat in der Geschichte der Stadt Dorsten nie einen höheren Stand an Liquiditätskrediten gegeben.“

Warum steigen die Kosten so stark?

Nach der stabilen Kreisumlage stellt der Kämmerer klar, dass die Hauptprobleme an anderer Stelle liegen. Viele Ausgaben entwickeln sich seit Jahren dynamisch nach oben – schneller, als die Einnahmen mithalten können.

Besonders deutlich zeigt sich dies im Sozialbereich. Die Transferaufwendungen, darunter vor allem Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfen und Hilfen für junge Volljährige, steigen mit wachsender Geschwindigkeit. Meyer spricht von einer Entwicklung, die „seit Jahren nur eine Richtung kennt“. Allein in diesen Bereichen rechnet die Stadt 2026 mit einem Mehraufwand von über sechs Millionen Euro. Hinzu kommen höhere Kostenerstattungen an andere Kommunen, die weitere 1,5 Millionen Euro ausmachen.

Karsten Meyer zum neuen Beigeordneten der Stadt Dorsten gewählt
Karsten Meyer. Foto: Stadt Dorsten

Auch bei den Sach- und Dienstleistungen steigen die Kosten massiv an. Die Unterhaltungen der Gebäude und Kanäle werden teurer, IT-Sicherheit und Softwarelizenzen schlagen stärker zu Buche, und die gestiegenen Sicherheitsanforderungen verursachen zusätzliche Ausgaben. Gleichzeitig führt die Ausgliederung einzelner Arbeitsbereiche – wie der manuellen Bereiche der Baubetriebshöfe – zu veränderten Kostenstrukturen, die im Haushalt nun sichtbar werden.

Obwohl die Gewerbesteuer zuletzt stabil war und Dorsten den Planansatz für 2026 vorsichtig um rund zehn Millionen Euro nach oben angepasst hat, reicht das nicht aus, um die wachsenden Ausgaben aufzufangen. Denn parallel sinken andere Einnahmen: So steht bei der Einkommensteuer und den Schlüsselzuweisungen aus Düsseldorf ein Minus im Raum.

Diese Entwicklung trifft Dorsten doppelt – sie zeigt einerseits eine starke lokale Steuerkraft, führt aber gleichzeitig zu geringeren Ausgleichszahlungen des Landes.

Stabile Kreisumlage – dank Kreis Recklinghausen

Bürgermeister Stockhoff betont ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem Kreis. „Der Kreis hält die Umlage stabil und gibt uns Planungssicherheit.“

Kreishaus-Recklinghausen-Luftbild
Kreishaus in Recklinghausen. Foto: Kreis RE

Wie wird der Kollaps vermieden?

Um den Haushalt überhaupt genehmigungsfähig zu halten, nutzt die Stadt zwei finanzielle Werkzeuge. Der globale Minderaufwand zwingt die Verwaltung dazu, zwei Prozent der ordentlichen Aufwendungen einzusparen – rund 6,2 Millionen Euro im Jahr 2026. Diese Einsparung ist kein Automatismus, sondern eine harte Selbstverpflichtung der Verwaltung. Meyer verdeutlicht das mit einem plastischen Bild: Beim Einkauf habe man weniger Geld dabei, als der volle Einkaufszettel kostet. Man müsse also verzichten oder auf billigere Alternativen ausweichen.

Noch schwerer wiegen die sogenannten Verlustvorträge, die ab 2028 gebildet werden. Sie dienen dazu, die drohende bilanzielle Überschuldung zu verhindern. Eigentlich müssten Jahresfehlbeträge direkt mit dem Eigenkapital verrechnet werden – doch weil das nicht reichen würde, erlaubt das Land eine zeitlich befristete buchhalterische Entlastung. Ohne diese Möglichkeit wären Dorstens Rücklagen bereits 2028 aufgebraucht.

Was heißt das eigentlich für die Dorstener Bürger?

Kurz gesagt: Der Alltag der Bürger wird zunehmend von Sparzwängen geprägt sein – und das über Jahre.

Was droht konkret?

Im Alltag der Bürger wird die angespannte Haushaltslage vor allem an vier Punkten spürbar. Die Stadt hat deutlich weniger Spielraum für freiwillige Leistungen. Dazu gehören Kulturförderung, Vereinszuschüsse, soziale Projekte, Stadtteilförderung sowie freiwillige Unterstützungen für Schulen und Kitas. In diesen Bereichen kann es zu Kürzungen oder Verschiebungen kommen, weil die Stadt jede Ausgabe prüfen muss.

Gleichzeitig drohen Verzögerungen bei Investitionen. Obwohl das NRW-Infrastrukturprogramm finanzielle Mittel bereitstellt, weist Kämmerer Karsten Meyer darauf hin, dass nicht sicher sei, ob alle geplanten Maßnahmen umgesetzt werden können. Dies betrifft unter anderem Sanierungen von Straßen, Brücken, Schulen und Sporthallen sowie Vorhaben im Bereich Digitalisierung und Stadtentwicklung.

Rathaus
Rathaus. Foto: Stadt Dorsten

Für viele Menschen könnte die Lage auch durch steigende Lebenshaltungskosten spürbarer werden. Die Stadt kann wachsende Kosten nur begrenzt ausgleichen. Dadurch können höhere Gebühren etwa für Abwasser oder Kita-Beiträge notwendig werden.

Langfristig sind auch steuerliche Anpassungen nicht ausgeschlossen, falls Einsparungen nicht reichen. Zwar bleiben die Hebesätze 2026 stabil, doch der finanzielle Handlungsspielraum wird kleiner. Sollte sich die Haushaltslage weiter verschlechtern, könnte Dorsten in ein Haushaltssicherungskonzept rutschen. In einem solchen Notmodus wären drastische Einsparungen unvermeidlich. Freiwillige Leistungen würden auf ein Minimum reduziert und Steuererhöhungen wären sehr wahrscheinlich.

Eine ausführliche Übersicht darüber, was konkret auf die Bürger zukommt, finden Sie im ergänzenden Artikel.

Zwischen Haien und Delfinen: Ein Bild für Dorstens Lage

In seiner Haushaltsrede greift Meyer erneut die Geschichte von „Günni“ auf – jenem Paddler, der auf hoher See um sein Überleben kämpft. Die Metapher beschreibt Dorstens Finanzlage eindrücklich: Mehr Gefahr, weniger Hoffnung, aber dennoch nicht komplett ohne Perspektive. Die steigenden Ausgaben sind die Haie, die näherkommen; erste Reformansätze und die Unterstützung des Landes sind die Delfine, die zumindest ein Stück Hoffnung geben.

Zu diesen Hoffnungszeichen zählt das NRW-Altschuldenprogramm, das Dorsten im Idealfall um 25 bis 30 Millionen Euro entlasten könnte. Auch der NRW-Plan für gute Infrastruktur bringt Investitionsmittel von rund 34,5 Millionen Euro über zwölf Jahre. Doch Meyer warnt, dass diese Entlastungen angesichts der immensen Defizite schnell verpuffen könnten. Sie sind kein Ersatz für strukturelle Reformen.

Fazit: Dorsten steht am Rand – aber nicht ohne Hoffnung

Der Stadt stehen Jahre enormer finanzieller Herausforderungen bevor. Das strukturelle Defizit im Haushalt wächst schneller, als Entlastungen wirken könnten. Bürgermeister und Kämmerer betonen: „Ohne grundlegende Änderungen von Bund und Ländern laufen wir auf ein Haushaltssicherungskonzept zu.“

Für die Bürger heißt das: Die Stadt wird sparen müssen – und das in nahezu allen Bereichen.
Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass die eingeleiteten Hilfsprogramme von Land und Bund rechtzeitig greifen.

Neuer WhatsApp-Kanal

Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal unter https://bit.ly/dorstenonline für aktuelle Infos. Wir bieten lokale Nachrichten, Event-Infos, Polizeimeldungen und mehr.

NEUSTE ARTIKEL

Für körperbehinderten Freund: Zwei Brüder radeln durch Europa

Seit über 17 Jahren sind Leo und Thomas mit Maceo befreundet. Sie gingen zusammen in den Kindergarten, wuchsen gemeinsam auf und wurden Freunde fürs Leben....

Mit Geschichten Kindern den Weg zum Lesen öffnen: Dorsten sucht Lesepaten

Vorlesen unterstützt Kinder beim Spracherwerb, erweitert den Wortschatz und weckt die Neugier auf Bücher. Das Netzwerk „Dorsten liest vor“ engagiert sich seit 24 Jahren in...

DTC Jüntgen feiert historischen Meistertitel vor heimischer Kulisse

Der Dorstener TC Jüntgen hat das erfolgreichste Wochenende seiner Vereinsgeschichte mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft gekrönt. Bei der erstmals im Final-Four-Format ausgetragenen Endrunde der...

Radfahrer nach Unfall am Lippe-Deich geschlagen und geflüchtet

Nach einem Zusammenstoß zweier Radfahrer am Lippe-Deich in Dorsten sucht die Polizei nach einem bislang unbekannten Mann. Er soll seinen Unfallgegner nach dem Sturz geschlagen...

Klick mich!