StartBeruf und AusbildungFSJ in Dorsten: Weniger Abiturienten, mehr Konkurrenz um junge Freiwillige

FSJ in Dorsten: Weniger Abiturienten, mehr Konkurrenz um junge Freiwillige

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2026 gibt es in NRW deutlich weniger Abiturienten. Landesweit werden nur 30.000 statt 70.000 Absolventen die Hochschulreife erwerben. Das verschärft die Suche nach jungen Menschen für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Auch in Dorsten spüren Träger wie die AWO den Druck, zumal Ausbildungsbetriebe, Hochschulen und auch die Bundeswehr um dieselbe Zielgruppe werben.

Wie wichtig Freiwillige im Alltag sind, zeigt sich an der Maria-Montessori-Grundschule in Dorsten-Wulfen. Dort begleitet die 20-jährige Nina-Sofie Hässl im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres einen neunjährigen Jungen durch den Schulalltag. Er braucht Unterstützung, um dem Unterricht möglichst selbstständig folgen zu können. „Ich mache das FSJ jetzt seit einem Dreivierteljahr und würde mich immer wieder dafür entscheiden, da es mir so viel Spaß macht“, sagt Nina-Sofie Hässl. Ihre Aufgabe beschreibt sie so: „Ich helfe Kindern, im Alltag mitzuhalten.“

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FSJ Freiwilliges Soziales Jahr Dorsten
Foto: Borgwardt

In diesem Jahr steht das FSJ allerdings vor einer besonderen Herausforderung. Durch die Rückkehr von G8 zu G9 gibt es in Nordrhein-Westfalen 2026 rund 40.000 Abiturienten weniger als sonst. Die Gymnasien entlassen keinen regulären Abiturjahrgang. Damit fehlt ausgerechnet eine Gruppe, aus der sich sonst viele Freiwillige für soziale Dienste entscheiden. Das Thema ist gerade jetzt aktuell, weil viele junge Menschen normalerweise in diesen Wochen ihre Prüfungen abschließen, sich auf den Schulabschluss vorbereiten und über den nächsten Schritt nachdenken.

Ein Jahr zur Orientierung nach der Schule

Für Nina-Sofie Hässl kam das FSJ nach der Schule genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie brauchte zunächst eine Lernpause und wollte herausfinden, wohin ihr weiterer Weg führen kann. Das Freiwillige Soziale Jahr sprach sie an, weil sie direkt mit Menschen arbeitet und Verantwortung übernimmt.

FSJ Freiwilliges Soziales Jahr Dorsten
Nina-Sofie Hässl begleitet den Schüler durch den Schulalltag. Foto: Borgwardt

An der Maria-Montessori-Grundschule unterstützt sie ein Kind so, dass es zunehmend selbstständiger wird. Es geht nicht darum, alles abzunehmen. Vielmehr hilft sie dort, wo Hilfe notwendig ist. Das Ziel bleibt, dass der Junge möglichst eigenständig dem Unterricht folgen kann.

Damit zeigt ihr Beispiel, was ein FSJ im Schulalltag leisten kann. Freiwillige sind keine Lehrkräfte. Sie ersetzen auch keine pädagogischen Fachkräfte. Aber sie geben Kindern im Alltag Halt, unterstützen bei kleinen und großen Herausforderungen und ermöglichen Teilhabe.

FSJ-Stellen in Dorsten bei der AWO

Ninas FSJ läuft über die AWO in Dorsten. Koordinatorin Andrea Arlt erklärt, dass die AWO einer der Träger ist, die ein Freiwilliges Soziales Jahr anbieten. In einem normalen Jahr beschäftigt die AWO nach ihren Angaben etwa 15 bis 25 FSJlerinnen und FSJler als Integrationskräfte im Unterricht.

2026 sei jedoch ein besonderes Jahr. Wegen des Wegfalls des Abiturs nach acht Jahren gebe es kaum Abschlussklassen. Das stelle die Träger vor Schwierigkeiten, ihr Angebot in der gewohnten Form aufrechtzuerhalten.

FSJ Freiwilliges Soziales Jahr Dorsten
Andrea Arlt von der AWO in Dorsten. Foto: Borgwardt

Gleichzeitig betont Andrea Arlt den Wert des FSJ. Es sei eine gute Möglichkeit, sich nach der Schule zu orientieren, praktische Erfahrungen zu sammeln und soziale Berufsfelder kennenzulernen. Gerade für junge Menschen, die noch nicht genau wissen, ob Ausbildung, Studium oder ein sozialer Beruf der richtige Weg ist, kann ein solches Jahr wichtige Antworten geben.

Ohne Integrationskräfte wäre gemeinsamer Unterricht schwieriger

Wie wichtig diese Unterstützung im Schulalltag ist, macht Schulleiterin Sandra Grimm-Jandewerth von der Maria-Montessori-Grundschule in Dorsten-Wulfen deutlich. An der Schule gibt es vier Klassen, in denen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf gemeinsam lernen.

Die Schule würde sich sehr freuen, wenn die Arbeit mit den Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern fortgesetzt werden könnte. Ohne die Unterstützung der Integrationshelferinnen und Integrationshelfer könnten einige Kinder nicht gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf unterrichtet werden. Für manche Kinder bliebe dann womöglich nur der Weg auf eine Förderschule.

Auch Lernbegleiterin Susanne Wolter unterstreicht die Bedeutung der Freiwilligen: „Wir sind auf die Arbeit der FSJler angewiesen. Diese unterstützen die Kinder im ganzen Schulalltag.“

FSJ Freiwilliges Soziales Jahr Dorsten
Schulleiterin Sandra Grimm-Jandewerth und Lernbegleiterin Susanne Wolter. Foto: Borgwardt

Soziale Dienste konkurrieren stärker um junge Menschen

Der kleinere Abiturjahrgang trifft nicht nur Schulen und soziale Träger. Auch Ausbildungsbetriebe, Hochschulen und andere Einrichtungen werben um junge Menschen. Hinzu kommt die aktuelle Debatte um den neuen Wehrdienst. Seit Anfang 2026 richtet sich die Bundeswehr mit einem neuen Modell stärker an junge Menschen. Männer eines bestimmten Jahrgangs müssen einen Fragebogen beantworten, Frauen können dies freiwillig tun. Der Dienst bleibt nach Angaben der Bundeswehr freiwillig, die Ansprache junger Menschen wird aber verbindlicher organisiert.

Für das FSJ bedeutet das: Die Freiwilligendienste müssen deutlicher zeigen, was sie bieten. Sie konkurrieren um Aufmerksamkeit, Zeit und Zukunftspläne junger Menschen. Gleichzeitig bietet gerade ein FSJ etwas, das weder Schule noch reines Berufsmarketing ersetzen können: unmittelbare Erfahrung im Umgang mit Menschen.

FSJ: Rahmenbedingungen und Möglichkeiten

Ein Freiwilliges Soziales Jahr kann in ganz verschiedenen Bereichen erfolgen. Bei der AWO ist es zum Beispiel an Schulen oder in anderen sozialen Einrichtungen möglich. Die Freiwilligen unterstützen Menschen im Alltag und in der Freizeit. Die Wochenarbeitszeit liegt bei 39 Stunden. Dazu kommen rund 500 Euro Taschengeld im Monat, 30 Urlaubstage, Seminartage, gesetzliche Sozialversicherung sowie Austausch mit anderen FSJlern.

Foto: Borgwardt

Für viele junge Menschen kann das Jahr auch bei der Berufsorientierung helfen. Wer später in einem sozialen Beruf arbeiten oder ein entsprechendes Studium aufnehmen möchte, sammelt bereits praktische Erfahrungen. Ein Start ist grundsätzlich jederzeit nach der Schule möglich.

In Dorsten zeigt das Beispiel von Nina-Sofie Hässl, wie konkret diese Arbeit wird. Ihr FSJ ist kein abstraktes Orientierungsjahr, sondern tägliche Unterstützung für ein Kind, das dadurch besser am Unterricht teilnehmen kann. Gerade in einem Jahr mit weniger Schulabgängern macht das deutlich, warum die Freiwilligendienste um jede Bewerberin und jeden Bewerber werben müssen.

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