Herzblut für die Heimat – Kuratorin Marion Taube

Abgeschieden lebt sie friedlich in ihrem Taubenschlag am Waldrand: Zu Gast bei Marion Taube.

Dorsten/Lembeck. Als Kuratorin und Initiatorin zahlreicher Dorstener Projekte rückt sie immer wieder ins Rampenlicht; das Kunstprojekt „LippePolderPark“ bleibt unvergessen. Aktuell bewegt sie Dorsten mit der Stadtkrone. Öffentlich ist sie beliebt, bekannt und sympathisch. Privat kennt sie hingegen kaum jemand.

Von Marie-Therese Gewert
Fotos: André Elschenbroich

Begeisterte Kunsthistorikerin: In Büchern wurden die Projekte mit großen Künstlern festgehalten.

Ich will die Frau hinter den Kulissen der liebevollen Projekte kennenlernen – und besuche sie. Der Eingang liegt verborgen im Herzen ihres Gartens, weiter hinten sind Hühner untergebracht – und Bienen. Ich gehe durch ein kleines Tor, an der Tür angekommen suche ich die Schelle. Vergeblich. So sehr sie bei ihren Projekten nach vorne geht, desto zurückgezogener lebt sie hinter den Kulissen in ihrem „Taubenschlag“ – mit ihrem Mann Frank und ihren zwei erwachsenen Söhnen, die auch nicht mehr ganz zuhause wohnen. Ich klopfe. Ein Hund bellt – und schnell wird klar, warum es keine Schelle braucht: Hündin Rosl kündigt den Besuch freudig an und will die Gäste als Erste begrüßen. Im Fenster am Eingang ist eine Taube eingearbeitet – „ein Geschenk zur Hochzeit“, sagt Marion Taube und begrüßt mich herzlich mit einem festen Händedruck.

Wir gehen in ihr Haus und setzen uns an einen Tisch im Wohnzimmer. Dort duftet es nach grünem Tee, der frisch aufgebrüht ist. „Ich hoffe, du magst Tee. Kaffee trinke ich nicht“, sagt sie. Die Einrichtung ist schlicht. Neben dem Fernseher stehen ein Kamin, Holz im Korb und eine Gitarre. „Mein Mann spielt die, ich habe davon leider wenig mitbekommen“.

Leidenschaft für Literatur

Am anderen Ende des Raums ist eine Schrankwand von oben bis unten mit Büchern gefüllt, einige Fotos ihrer Söhne stehen auch da. Marion Taube verrät: „Meine tiefste Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben“. Ihre ersten Bücher waren die Geschichten von Wilhelm Busch und ein altes Volkskundelexikon, aus dem ihr ihre Großmutter Helene vorlas. „Ich saß damals auf ihren Knien“. Wilhelm Busch inspirierte sie von frühster Kindheit an – und das ist bis heute so. Schon als Kind hatte sie immer alles ausgelesen, was bei ihren Eltern und Großeltern im Regal stand.

LippePolderPark, Stadtkrone und Stadtpark: Mit Marion Taube lassen sich Herzenprojekte leicht realisieren.

Tanz im Regen

„Der Garten meiner Großeltern schmeckte nach Gnubberkirschen, Erbsenschoten und schwarzen Johannisbeeren“, erinnert sie sich. Sie fühlt sich bis heute in stickigen Räumen unwohl und schläft bei offenem Fenster, sagt sie. Und sie liebt es, barfuß im Regen zu tanzen und die Tropfen auf ihrem Gesicht zu spüren, da sie ein sehr sensitiver und emotionaler Mensch ist. Naturverliebt und lebenslang auf Schatzsuche zieht es sie bis heute nach draußen. Sie wollte immer die schönste Blume und den kleinsten Frosch entdecken.

Marion Taube erklärt die Dorstener Stadtkrone

Sie ist eine Romantikerin, tief verwurzelt mit dem Sehnsuchtsgedanken für den es Orte braucht. Sehnsucht entfaltet ihre schöpferische Kreativität. Einen großen Freundeskreis hat sie nicht. „Ich bin wirklich gern allein und ganz zurückgezogen. Ich lebe nicht im Außen, sondern in mir“. Dennoch trägt sie ihre Projekte nach außen – und auch hier steht sie ehrlich dahinter. Wo andere sagen, es geht nicht, sagt sie erst recht: „Es geht! Denk in Alternativen, denk es anders, denk es neu!“ Ihre ersten Projekte in Dorsten entstanden aus der Frage heraus: „Warum findet für diese Stadt keine Wahrnehmung statt?“ Sie wollte das ändern – und arbeitet seit jeher daran, alten Orten eine neue Wertschätzung zu geben.

Freiheit als größtes Gut

Als junger Mensch ging sie fort und hätte sich selbst nicht träumen lassen, dass sie je in ihre alte Heimatstadt zurückkehren würde. Sie war ausgebrochen und hat den Weg zurückgefunden – heute hat sie ihren „westfälischen Frieden“ mit der Stadt geschlossen, wie sie selbst sagt. Doch bevor es soweit war, drehte die Erde viele Bahnen – und sie weite Kreise in der Kunst- und Kulturszene.

Freiheit ist dein größtes Gut

Mit 17 zog die Ursulinen-Abiturientin aus dem Haus ihrer Eltern aus. Die Mutter streng. Der Vater liebevoll. Sie wollte nur noch raus und weg, hatte das Verlangen, mehr zu sehen. Sie wollte die Möglichkeiten des Lebens entdecken und auskosten. Raus aus dem beengten Dorf in die weite Welt. Kurz: Frei sein. „Freiheit ist dein größtes Gut“, hatte Großvater Hans ihr immer gepredigt. Und das beherzigte sie für jede ihrer Entscheidungen.

So war es immer und so wird es immer sein: Bücher und ein Tässchen Tee mit Marion Taube.

Glück im Gepäck

Als Freigeist hatte sie auf ihrem Lebensweg stets Glück im Gepäck und empfindet dafür tiefe Dankbarkeit. Sie wagte den Schritt, nach Hamburg zu gehen und sich vor Ort über Studiengänge zu informieren, da Internet und Smartphone damals noch Mangelware waren. Schnell entschied sie sich dort für Kunstgeschichte als Hauptfach. Zwei Nebenfächer kamen hinzu: Politikwissenschaft, aus Interesse am Weltgeschehen und Sinologie, die chinesische Philosophie, aus Leidenschaft. Damals noch ein eher ungewöhnlicher Studiengang, aber sie hatte schon immer ein Faible für Zen-Buddhismus und die chinesische Kultur. Sie ist keine Fernreisende, eher geerdet, elementar bodenständig und heimatverbunden. „Typisch Stier“, sagt sie mit einem Lächeln. Einmal zog es sie dienstlich nach Asien und sie erinnert sich, dass China nach Jasmintee roch.

In jungen Jahren: Als Bereichsleiterin für Kunst und Kultur, hier im Alter von 30, führte Marion Taube niederländische Architekten durch den Landschaftspark Duisburg-Nord.

Berufliche Stationen

Marion Taube hat sich alles hart erarbeitet. Geld bedeutete ihr nie etwas. Die 54-Jährige fragte sich schon immer nach dem Wesentlichen: „Wie kommst du dahin, wo dein Glück wohnt?“ Heute weiß sie: Ihre Familie ist das zentrale Glück ihres Lebens. Kein finanzieller Reichtum. Kein Bürojob. Als Geschenk empfindet sie daher auch ihre beruflichen Stationen: Zur Studienzeit war sie Redaktions-Assistentin beim NDR der Abteilung Tagesschau und Tagesthemen, wo sie Hanns-Joachim Friedrichs als Mentor hatte. Er war ihr ein wichtiger Wegbegleiter. „Das war die Zeit, als Moderatorin Sabine Christiansen ihren ersten Tag antrat – und ich wusste: Ich bin schon ganz nah am Traumjob dran“, sagt Taube. Journalismus an sich war allerdings nicht ganz das Wahre für sie. „Ich bin eine Anstifterin“, weiß sie heute. Im Jahr 2000 rief sie Kunstsammler Karl-Heinrich Müller an. Er holte sie zur Museumsinsel Hombroich bei Neuss. Bis 2004 war sie Geschäftsführerin der Förderstiftung und Stiftung Museum Insel Hombroich. Später Gründungsdirektorin des Museumsneubaus von Tadao Ando auf einer angrenzenden Raketenstation.

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Grundsteinlegung Tadao-Ando-Bau auf der ehemaligen Raketenstation: Taube begrüßt als Gründungsdirektorin die Gäste in Anwesenheit des berühmten Architekten und der betagten Mäzenin der Langen Foundation Marianne Langen

Eine Bewerbung im Leben

Marion Taube hat sich nur einmal in ihrem  Leben beworben. Bei der IBA, damals die Abkürzung der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, unter Leitung von Karl Ganser im Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr. Er sagte ihr: „Du kannst über dich hinauswachsen“. Und das tat sie. Von 1989 bis 1999. IBA war auf zehn Jahre angelegt, ein Zukunftsprogramm des Landes NRW zur Bewältigung der Strukturkrise des nördlichen Ruhrpotts. Dort wurde sie in der ersten Halbzeit zunächst Referentin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Später Bereichsleiterin in Kunst und Kultur. Zehn Jahre lang half sie beim Wiederaufbau und der Neuentdeckung alter Industriegebäude mit, hauchte ihnen neues Leben ein. Die Aufgabe verlangte ihr Mut ab und forderte sie.

Sie liebt die italienische Küche: In ihrer Zeit als Mutter und Hausfrau hat sie kochen gelernt.

Zurück in der alten Heimat

Im Alter von 32 Jahren lernte sie schließlich Frank Taube kennen. Bei ihm hatte sie während einer Bootstour plötzlich den Gedanken: „Zuhause!“ Sie war angekommen. Ohne festen Ort. Weil er das Segeln liebt, ging sie aus Liebe zu ihm aufs Wasser und machte den Segelschein. Das Paar heiratete, bekam zwei Söhne und später wagte sie den vielleicht mutigsten Schritt. Sie kehrte mit ihm nach Dorsten zurück, als er den weißen Taubenschlag am Waldrand entdeckte.

Zuhause gefunden: Hündin Rosl hieß ursprünglich Rosine und kommt aus dem WDR-Sendeformat Tiere suchen ein Zuhause.

Ihm haben es die Dorstener zu verdanken, dass die Kuratorin wieder in ihrer alten Heimat lebt und wirkt. Als ihre Söhne dann neun und sechs Jahre alt waren, entschied sie sich gegen Beruf und Karriere. Ein weiterer mutiger Schritt. Zehn Jahre lang war sie Mutter und Hausfrau. Heute ist klar: Sie würde sich jederzeit wieder so entscheiden. Sie fährt nirgends hin, ist keine Fernreisende, trägt viele Geschichten in sich und ist ein Mensch, bei dem man sein Herz ausschütten kann. Dennoch reist sie mit den Geschichten aus ihren Büchern durchs Leben: „Ich bewege mich nicht in der Welt, aber ich bin ständig in der Welt unterwegs“, sagt sie.

Ideen mit ganzem Konzept

Manchmal macht sie sich doch auf den Weg – allein oder mit Familie – und genießt die Ruhe Dänemarks und Hollands. Kurz vor ihrem aktuellen Projekt fuhr sie nach Zeeland. Nur sie und Rosl mit dem Wohnwagen. Eine Woche lang hat sie nur gelesen und die Seele baumeln lassen – und plötzlich hatte sie den nächsten Einfall: Stadtkrone. Wenn Marion Taube eine Idee hat, ist es nicht nur ein Gedanke, sondern gleich das ganze Konzept. Alle ihre Projekte haben einen Anfang aber auch ein klares Ende. Vielleicht würde sonst der Zauber verloren gehen. Ein Glück, dass Marion Taube umtriebig ist – und sie sicher noch viele Ideen in sich trägt. Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, was sie uns künftig schenken wird.

Nähere Infos zur Person und zu den einzelnen Projekten gibt’s unter http://freitaube.de/ und http://stadtkrone-dorsten.de

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Hallo, ich bin Marie. Schon während meines Studiums in Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule schlug mein Herz für die Geschichten der Menschen. Als freie Mitarbeiterin war ich während meines Studiums stets für die WAZ Dorsten unterwegs. Danach zog es mich nach Kassel zum Volontariat bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, kurz HNA. Nachdem ich in einer Kommunikationsagentur in Düsseldorf tätig wurde, entschied ich mich im Mai 2018 für die Selbstständigkeit. Seither arbeite ich für verschiedene Auftraggeber, journalistisch und beratend. Ich schreibe für dorsten-online.de, weil die Plattform von Menschen aus der Heimat für Menschen aus der Heimat gemacht wird. Ich freue mich, Sie mit Beiträgen und Informationen aus der Region versorgen zu dürfen. Anregungen, Fragen und Hinweise nehme ich gerne entgegen. Marie-Therese Gewert