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Jüdische Sportstars: Zwischen Erfolg und Verfolgung

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Die Ausstellung "Zwischen Erfolg und Verfolgung" ist bis zum 13. Juni in Dorsten zu sehen. Sporthistoriker Dr. Henry Wahlig legt hier die Hand auf das Bild von Julius Hirsch, einem der erfolgreichsten deutschen Fußballer der Vorkriegszeit. Foto: Borgwardt

Sie waren Stars der Sportwelt: Deutsche Meister, auf den Weltranglisten ganz oben, Idole für ihre Zeit. Dann kamen die Nazis an die Macht. Eine Ausstellung erinnert in Dorsten nun an jüdische Sportstars.

Wir kennen Olaf Thon und Franz Beckenbauer, aber nicht Julius Hirsch oder Gottfried Fuchs. Kasparov ist vielen ein Begriff, aber nur wenige kennen Emanuel Lasker. Dabei waren sie einst echte Stars mit überragenden sportlichen Leistungen. Doch wegen ihres jüdischen Glaubens wurden sie schließlich diskriminiert und verfolgt. Nun erinnert eine ungewöhnliche Ausstellung am Wallgraben an jüdische Sportstars.

Ausstellung will bewusst in die Öffentlichkeit

„Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ ist der volle Titel der neuen Ausstellung vor dem jüdischen Museum. „Es war uns ganz wichtig, die größtmögliche Öffentlichkeit zu erreichen“, erklärt Dr. Henry Wahlig. Der Sporthistoriker des Deutschen Fußballmuseums ist Mitkurator der Wanderausstellung, die bislang vor allem in Großstädten zu sehen war. Ganz bewusst habe man sich dafür entschieden, die überlebensgroßen Bildnisse nicht in Museen, sondern an öffentlichen Plätzen zu zeigen. „Wir wollen Menschen erreichen, die sonst nicht in ein Museum gehen würden“, so Wahlig.

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Gerade das Thema Sport sei dafür wie kaum ein anderes geeignet, Menschen aller Schichten und jeden Alters zu erreichen. Davon ist Henry Wahlig überzeugt. „Wir stellen die sportlichen Leistungen der gezeigten Menschen heraus.“ Das fänden dann auch viele Leute interessant, die sich sonst mit Aufarbeitungen zur NS-Geschichte übersättigt fühlten. „Wir möchten nicht nur die 20 Prozent der Menschen erreichen, die sich sowieso für dieses Thema interessieren, in jede Ausstellung laufen und sich dafür selbst auf die Schulter klopfen“, so Wahlig.

Emanuel Lasker ist heute kaum noch bekannt, war aber einer der erfolgreichsten Schachspieler aller Zeiten. 27 Jahre lang konnte er seinen Weltmeistertitel verteidigen – so lange wie niemals jemand vor und nach ihm. Er war der bisher einzige Schachweltmeister aus Deutschland. Foto: Borgwardt

Bildnisse machen neugierig

Und tatsächlich machen die Bilder neugierig. Wer sich ihnen nähert, entdeckt auf der Vorderseite eine Person, die ihm vermutlich unbekannt ist. Auf der Rückseite finden sich dann die Beschreibungen zu den Sportlern. Da finden sich dann Weltmeister, Deutsche Meister, Olympiasieger oder Pioniere ihrer Sportarten wieder.

Dass man von vielen von ihnen noch nie etwas gehört hat, ist kein Zufall. „Das sind Menschen, die höchste Erfolge für Deutschland erzielt haben, und doch wurden sie aus der Geschichte verdrängt“, erklärt Henry Wahlig. So war etwa Walther Bensemann einer der wichtigsten Pioniere des deutschen Fußballs. Er gründete den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit und war der Erfinder des Magazins „Kicker“. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus allen Positionen herausgedrängt. Sein eigener Schüler und Mitherausgeber übernahm die Leitung über den „Kicker“ und verhöhnte seinen einstigen Freund in einigen Artikeln. Im „Kicker“ erschien 1938 auch eine Sonderausgabe mit allen deutschen Nationalspielern aller Zeiten – ohne einige der wichtigsten Vertreter zu nennen. „Dort fehlten dann Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, zwei der erfolgreichsten Spieler“, erinnert Wahlig. „Als 1988 dieses Album noch einmal neu aufgelegt wurde, fehlten sie dann immer noch.“ So gründlich hatten die Nazis die Erinnerung an die einstigen Helden des deutschen Sports zerstört.

Ausgrenzung in den Sportvereinen

Auch die Sportvereine hatten eine unrühmliche Rolle bei der Ausgrenzung der jüdischen Mitglieder gespielt. „In vorauseilendem Gehorsam“, so Wahlig, hätten sie den Nazis gefallen wollen. Natürlich sei es dabei auch um Fördergelder gegangen. „Nach dem Krieg haben sich viele Verbände dann als unschuldige Opfer geriert, die eigentlich nur unpolitisch sein wollten“, kritisiert der Sporthistoriker. Dabei hätten sie ihre Vereine schon „arisiert“, als das vom Regime noch gar nicht vorgeschrieben gewesen war.

Greta Bergmann war eine der besten deutschen Leichtathletinnen. Bei den olympischen Spielen in Berlin 1936 wurde sie aber wegen angeblich „unsteter Leistungen“ ausgeschlossen. Ein Vorwand der Nazis, um keine Jüdin als deutsche Medailliengewinnerin zeigen zu müssen. Foto: Borgwardt

Ausstellung war bisher in Metropolen zu sehen

Dass die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ nach Dorsten gekommen war, ist vor allem Uwe Senftleben zu verdanken. Der Dorstener Botschafter für den Stadtdialog hatte die Wanderausstellung im vergangenen Jahr in Münster entdeckt. „Das wäre doch etwas für unsere Tage des Grundgesetzes“, war sein Gedanke. Als eine gewisse Hürde stand noch im Raum, dass „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ bislang vor allem in Großstädten zu sehen gewesen war. Aber dieser Gedanke hatte ihn dann noch eher angespornt. „Ich dachte mir, wie schön wäre es wenn man sagen könnte, diese Ausstellung stand bisher in Berlin, Hamburg, München – und jetzt in Dorsten“, erinnert sich Senftleben. Bürgermeister Tobias Stockhoff hatte er sofort auf seiner Seite. „Wir stellen die Tage des Grundgesetzes jedes Jahr unter ein anderes Thema. In diesem Jahr ist es Rassismus und Ausgrenzung, und dazu passt die Ausstellung perfekt“.

Zwei jüdische Sportstars aus der Nachkriegszeit: Im Hintergrund Ralph Klein, der den Holocaust überlebte und als „Mr. Basketball“ später das deutsche Nationalteam aufbaute. Vorne die Schwimmerin Sarah Poewe, die 2004 als erste Jüdin seit 1936 eine olympische Goldmedaille für Deutschland holte. Foto: Borgwardt

Freude des Kurators über Dorsten

Dorsten als nunmehr 28. Station für die große Ausstellung zu gewinnen, war dann aber doch weniger schwierig als gedacht. Vor allem, weil Mitkurator Dr. Henry Wahlig sehr gute Erinnerungen an die Lippestadt hatte. So hatte er als Student einmal zu jüdischen Sportlern beim VfB Bochum geforscht – und hatte dabei sehr große Hilfe vom jüdischen Museum in Dorsten erhalten. „Insofern freue ich mich sehr, nun wieder in Dorsten zu sein“, strahlte Wahlig bei der Eröffnung. „Für mich schließt sich hier ein Kreis. Denn ohne den Anker in Dorsten wäre meine heutige Arbeit im Fußballmuseum vielleicht auch nicht möglich geworden.“

Die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ ist noch bis zum 13. Juni 2022 am Wallgraben in der Dorstener Altstadt zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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