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Mein Leben ist der Zoo

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Als sich ein nicht enden wollender Hals auf mich zubewegt und sich Sekunden später eine lange, lilafarbige Zunge nach dem Knäckebrot in meiner Hand ausstreckt, halte ich den Atem an. Neben mir steht Jan Schiller vollkommen ruhig und gelassen, denn für ihn sind diese Momente Alltag, für mich sind sie jedoch etwas ganz Besonderes.

Giraffen bleiben Wildtiere

Erst nachdem er mir versichert hat, dass Giraffen nur Backenzähne und keine Schneidezähne haben, bin ich mutig und füttere das Wildtier ebenfalls aus der Hand. „Zootierpfleger ist immer noch mein Traumberuf“, betont Jan und zeigt mir im Giraffenhaus seinen Berufsalltag in der ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen, der weit mehr ist als Füttern und Gehege reinigen.

Jan Schiller im Gespräch über seinen Traumberuf als Zootierpfleger
Jan Schiller spricht über seinen Traumberuf als Zootierpfleger in der ZOOM Erlebniswelt. Foto: Christian Sklenak

Auch wenn Giraffen mit ihrer ruhigen Art und ihrem gutmütigen Blick vergleichsweise harmlos erscheinen, sind und bleiben sie dennoch Wildtiere. „Wenn ich auf der Anlage bin, gehen wir uns gegenseitig respektvoll aus dem Weg“, macht Jan deutlich. „Betrittst du als Fremde jedoch ihr ‚Zuhause‘, so würden sie dich schnaubend jagen und ihr Revier verteidigen. Das könnte böse enden, denn mit einem Hufschlag können sie einen Löwen töten“, fährt der Dorstener fort.

Jan ist den Giraffen vertraut, er füttert sie, aber beim Berühren des Halses weichen die Giraffen zurück. „Nur mit Hans bin ich ganz dicke“, lacht er. Hans ist eine Handaufzucht. Allerdings hat die Milchflasche, mit der der kleine Bulle aufgezogen wurde, eher die Ausmaße eines Kanisters.

„Da Giraffenbabys im Stehen trinken, musste ich die Flasche hochhalten und das ging ordentlich in die Arme“, erinnert er sich. „Aber es war auch für mich etwas ganz Besonderes, ihn großzuziehen. Er ist mein 5,20 Meter großer Schoßhund.“ Doch sofort fügt der 41-Jährige hinzu: „Trotzdem bleibt Hans ein Wildtier.“

Giraffe auf dem Freigelände der ZOOM Erlebniswelt
Bei einer Körpergröße von fünf Metern hat die Giraffe den Überblick über das Freigelände. Foto: Christian Sklenak

Arbeitsalltag zwischen Giraffen, Löwen und Hyänen

Jan Schiller begann 2006 seine Ausbildung zum Zootierpfleger und arbeitet seit seinem erfolgreichen Abschluss in verschiedenen Revieren der ZOOM Erlebniswelt. Insgesamt betreut er als stellvertretender Teamleiter mit seinem Team neben den Giraffen unter anderem auch Löwen und Hyänen. Auch harmlosere Tiere wie Stachelschweine und Antilopen sowie weitere Arten gestalten seinen Arbeitsalltag abwechslungsreich. „Ich bin sehr gerne hier und möchte daher auch nicht in einen anderen Zoo wechseln“, sagt er.

Jan kennt alle Tiere genau, zumindest die größeren. Er weiß ihre Namen und kann sie auch unterscheiden. Aus seinen jahrelangen Beobachtungen und der Nähe erkennt er Veränderungen im Verhalten und weiß, wann etwas nicht stimmt. So wie bei Aja Sabe.

Gelsenkirchens älteste Giraffe, zugleich die drittälteste in Europa, genießt einen kleinen Sonderstatus und muss wegen ihrer Arthrose nicht mit den anderen nach draußen, wenn sie nicht möchte. Sie muss sich auch nicht mehr wie die Jüngeren am Futterplatz durchsetzen. Ihr eigener Rhythmus wird respektiert. Kito, der älteste Giraffenbulle Europas, fühlt sich jedoch in der siebenköpfigen Herde immer noch wohl.

Löwennachwuchs und Artenschutz

Ich frage Jan nach besonderen Erlebnissen im Zoo. „Da gibt es viele, auch viele emotionale“, antwortet er mir. Ein besonderes Erlebnis wird Jan jedoch nie vergessen. „Eines Morgens rief mich meine Kollegin an und teilte mir mit, dass im Gehege Löwenbabys lägen. Ich dachte natürlich an einen Scherz, denn wir hatten eigentlich die Fortpflanzung der Tiere mittels eines Hormonimplantates verhindert. Aber die Natur war stärker und so kamen wir ungeplant und unverhofft zum Löwennachwuchs.“

Löwin in der ZOOM Erlebniswelt
Auch die Löwen betreut Jan Schiller in der ZOOM Erlebniswelt. Foto: Christian Sklenak

Nach 14 Monaten hieß es aber von den drei weiblichen Jungtieren Abschied zu nehmen, da das alte Löwenmännchen die Kleinen nicht länger geduldet hätte. „Ich fuhr mit ihnen zu einem Zoo nach Ungarn, der sie aufnahm. Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen war das ein sehr emotionaler Moment. Da sind schon Tränen geflossen“, erinnert sich Jan an seine erste und einzige Löwengeburt.

Die Zucht spielt im Zoo eine wichtige Rolle, allerdings nur dann, wenn sie aus fachlicher Sicht sinnvoll ist. Es geht nicht um bloßen Nachwuchs, sondern um den Erhalt stabiler Bestände und um einen gesunden Genpool.

Gerade bei Arten, deren Populationen in der Natur zurückgehen, ist dies entscheidend. Der Tierpfleger spricht in diesem Zusammenhang auch über Arten- und Naturschutzprojekte, an denen die ZOOM Erlebniswelt beteiligt ist. Dazu gehören beispielsweise Auswilderungsprojekte wie beim Feldhamster oder die Nachzucht fast ausgestorbener Arten, wie die des Edwardsfasans in Vietnam.

Was Freiheit im Zoo bedeutet

In Tierpflegergesprächen geht Jan gerne in Diskussionen mit Besuchern, auch kritischen Fragen begegnet er dabei offen. „Viele Tiere haben im Zoo ein geschütztes, manchmal sogar ein besseres Leben als in ihrem natürlichen Lebensraum“, erklärt mir Jan und wirft die Frage in den Raum, was Freiheit eigentlich heißt.

„Auch in der Natur ist ein Tier nicht frei“, setzt er seine Ausführung fort. „Dort müssten sie ums Futter und ums Überleben kämpfen, werden krank oder verhungern, müssen Revierkämpfe austragen und um die Rangordnung ringen. Im Zoo dagegen werden sie medizinisch betreut und erreichen durchschnittlich ein höheres Alter als in der Freiheit“, klärt er uns auf.

Auf diese Weise betreibt der Zoo auch aktiven Artenschutz, denn nur was man kennt, kann man auch schützen. Jan und sein Team tauschen sich darüber hinaus mit Kollegen anderer Zoos aus. Hinzu kommen regelmäßige Kontrollen durch den Europäischen Zooverband EAZA. Für Jan ist der Zoo deshalb nicht nur ein Ort des Staunens, sondern auch ein Ort des Lernens.

Mit Tierliebe allein ist es nicht getan

Das Interesse am Ausbildungsberuf des Zootierpflegers ist riesig. Zahlreiche Bewerbungen gehen jedes Jahr in der ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen ein, doch Jan rät dazu, sich vorher ein genaues Bild von dem Beruf zu machen.

„Mit Tierliebe allein ist es nicht getan. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. Giraffen fressen täglich rund 50 Kilo Grünfutter, und das muss auch irgendwann wieder raus und aus den Gehegen entfernt werden“, schmunzelt er. „Wir sind bei Hitze, Kälte und Regen draußen, außerdem an Sonn- und Feiertagen. Und auch mit Krankheit und Tod muss man umgehen können, denn das gehört zum Alltag eines Tierpflegers.“

Und trotzdem würde Jan keinen anderen Beruf wählen. „Ich gehe jeden Morgen gerne zur Arbeit“, sagt er am Ende unseres Gesprächs. „Wir sind ein Team, das wirklich zusammenhält.“

Besonders berührend seien auch die kleinen Momente, wie zum Beispiel die morgendlichen Begrüßungen durch die Löwen. „Sie sehen mich als Familienmitglied, doch bei aller Vertrautheit bleibt eine klare Grenze. Ich würde niemals hinter das Gitter zu ihnen gehen.“ Und Jan wird nicht müde, zu betonen, dass Zootiere keine Kuscheltiere sind, sondern unberechenbare Wildtiere bleiben.

Info

Am 21. Juni 2026 macht auch die ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen mit speziellen Führungen und Informationen zum Artenschutz auf die freilebenden Giraffen in Afrika, die stark gefährdet sind, aufmerksam.

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