25 Monate lang war Kanada ihr Zuhause

Dorsten. Dank der modernen Technik des Videochats, sitzt mir Meryem Ebeling, genau gegenüber und ist doch 6222 Kilometer entfernt. Und trotz der Entfernung spüre ich auch jetzt, dass sie ihr Herz auf der Zunge trägt.

Ihren festen Job als Sozialarbeiterin im Soziokulturellem Zentrum „Das LEO“ gab Meryem Ebeling auf und zog mit ihrem Mann nach Kanada. „Carsten bekam als Ingenieur von seiner Firma das Angebot, für 25 Monate in Kanada zu arbeiten. Da haben wir sofort zugegriffen“, erzählt sie. „So eine Möglichkeit bekommen wir nie wieder.“

Meryem Ebeling findet sich schnell ein

Beide räumten ihr Haus in Hervest, verschifften ihre Möbel, lagerten Elektrogeräte ein. Diese funktionieren in Kanada aufgrund der niedrigen Spannung eh nicht. Und so ging es ab über den Großen Teich. „Es war ein langer Tag“, erinnert sich die herzliche „Auswanderin“. „Nach mehr als 14 Stunden seit unserer Abreise in Dorsten, kamen wir endlich in Waterloo, südwestlich von Toronto, an.“

Bereits ein Jahr zuvor flogen die Zwei für vier Wochen nach Kanada. Dort sahen sie sich in ihrem neuen Zuhause um. „Carsten arbeitete da bereits hier. Ich nutzte die Zeit und besuchte einen Yogakurs um Kontakte zu knüpfen.“

Die sympathische 33-Jährige fährt fort: „Als wir dann ein Jahr später wiederkamen, schloss ich mich mit unserem Mischlingshund „Punk“ der Hunderunde an. Außerdem besuchte ich einen Malkurs und nahm an einem ‚Conversations Circle‘ teil.“ In diesem Sprachkurs treffen sich Frauen aus der ganzen Welt. Für Mery, wie sie genannt wird, ist es auch heute noch sehr spannend, zu erfahren, warum sie alle ihr Land verlassen haben.

Anderes Land, andere Kultur, andere Regeln

„Ich bin freiwillig hier, habe weder finanzielle Probleme, noch muss ich mir Sorgen um meine Familie machen. Dennoch ist es schwer, in einem fremden Land mit einer fremden Sprache zurechtzukommen. Ich wurde hier jedoch sehr gut aufgenommen. Die Kanadier machen es mir mit ihrer Wertschätzung einfach, mich hier einzuleben. Sie sind nicht genervt, sondern wirklich an mir interessiert. Auch ich versuche, hier ganz viel zu lernen. Damit nehme ich das Beste aus zwei Kulturen für mich mit.“

Mery gibt zu, dass sie in den ersten Monaten in Kanada wieder so unsicher fühlte, wie damals mit 18. Da zog sie von Zuhause aus. „Hier ist so vieles anders als in meiner Heimat. In Deutschland suche ich mir meinen Arzt aus, hier muss ich mich bei einem Hausarzt online bewerben. Während die Deutschen Sicherheit bei der Arbeit suchen, ist das hier nicht wichtig.

Meryem Ebeling bringt sich ein

Auch das Schulsystem unterscheidet sich erheblich von unserem, ebenso der Umgang mit der Adoption. Und ein absolutes Muss ist es hier in Kanada, sich bei privaten Besuchen seine Straßenschuhe auszuziehen.“

„Das Thema Corona ist natürlich auch hier in Kanada präsent“, erzählt mir Meryem. „Die Grenze ist nach wie vor zu, eine Maskenpflicht gibt es erst seit Kurzem. Treffen sind eingeschränkt, aber die Menschen in unserer Region sind recht vorsichtig. Das Homeschooling an Schulen und Unis funktioniert sehr gut, denn hier waren wir auch schon vor Corona gut aufgestellt.“

Arbeiten in der Gemeinschaft

Die Dorstener Sozialarbeiterin kümmerte sich bis vor Kurzem ehrenamtlich in einer Einrichtung um behinderte Kinder. Ein Ehrenamt bekleidet hier fast jeder Kanadier, das Arbeiten in der Gemeinschaft oder in der Kirche ist für alle sehr wichtig. „Gerade bei meiner Arbeit fällt mir auf, dass hier nicht die Schwächen, sondern die Stärken der Menschen im Vordergrund stehen. Die Kinder in der Einrichtung sind nicht behindert, sondern sie benötigen besondere Hilfe, bei Schulkindern werden keine Defizite benotet, sondern ihre Stärken hervorgehoben“, bemerkt sie die Vorzüge dieses Systems.

Mery tat die Arbeit im sozialen Bereich richtig gut. Sie würde auch gerne, wenn sie und ihr Mann Anfang Oktober 2020 wieder nach Deutschland zurückkommen, nach einem Jahr Babypause weiterhin als Sozialarbeiterin arbeiten. Mit den Worten: „Ich vermisse das Leo, die Jugendlichen dort, die Kooperationspartner, besonders aber meine beiden früheren Kollegen Joshi und Dennis“, schickt Mery schon einmal vorab liebe Grüße an die Zwei in ihre alte Heimat.

Von Kanada geht es nun nach Marl

Für Meryem war eigentlich immer klar: “Ich werde Tierärztin!“ Zum Glück, wie sich später herausstellte, bekam sie keinen Studienplatz. Sie erlernte stattdessen zunächst den Beruf der Tierarzthelferin, studierte dann jedoch nach ein paar Jahren „Soziale Arbeit“.

Ihr Traum wäre es, beide Berufe zu vereinen und eine tiergestützte Pädagogik auf einem Bauernhof anzubieten. Und wer weiß, vielleicht führt ja gerade Meryems „Umweg“ über Kanada zu ihrem großen Traum.

Aus ihrem Aufenthalt in Kanada bringt das Paar eine lebenslange Erinnerung an diese Zeit mit: ihren Sohn Titus, der am 24. Juni geboren wurde. Mit ihm fassen die beiden in Marl wieder Fuß.

„Deine Geschichte in der Lokallust über mich hat uns dabei geholfen, dass wir den Mietvertrag unterschreiben konnten“, erzählt mir Mery. „So erhielten die Vermieter schon einmal einen Eindruck von uns, wir skypten anschließend und das passte dann wohl“, freut sie sich auf das neue Heim, aber auch auf ihre Rückkehr im Oktober.

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André Elschenbroich
Moin, ich bin André Elschenbroich. Vielen bekannt unter dem Namen Elsch. Der Eine oder Andere verbindet mich noch mit der WAZ, bei der ich 1988 als freiberuflicher Fotojournalist anfing und bis zur Schließung 2013 blieb. Darüber hinaus war ich in ganz Dorsten und der Region gleichzeitig auch für den Stadtspiegel unterwegs. Nachdem die WAZ dicht machte, habe ich es in anderen Städten versucht, doch es war nicht mehr dasselbe. In über 25 Jahren sind mir Dorsten, Schermbeck und Raesfeld mit ihren Menschen ans Herz gewachsen. Als gebürtiger Dorstener Junge merkte ich schnell: Ich möchte nirgendwo anders hin. Hier ist meine Heimat – und so freut es mich, dass ich jetzt als festangestellter Reporter die Heimatmedien mit multimedialen Inhalten aus unserer Heimat bereichern kann.

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