Alarm im Stadtarchiv. Was sich anhört wie eine Krimiserie oder ein Escape-Spiel, ist für Martin Köcher und Melina Wendland bittere Realität. Unbemerkt, verborgen zwischen Akten, richten unerwünschte Eindringlinge einen enormen Schaden an. Dabei unterscheiden sie nicht zwischen Kopien oder Unikaten, Papierfischchen fressen konsequent alles, was Zellulose enthält.
Martin Köcher, Leiter des Dorstener Stadtarchivs, sieht die Spuren der Schädlinge auf Aktendeckeln oder an beschädigten Akten, die noch nicht im Karton liegen. „Doch dann ist der Schaden entstanden, und Kulturgut kann bereits verloren sein“, betont er.
„Während wir an einer Stelle die Schädlinge beseitigen, kommen mit den nächsten Akten weitere dazu. Es ist eine Sisyphusarbeit, mit der wir nicht hinterherkommen“, ergänzt Melina Wendland, Fachangestellte im Bereich Medien- und Informationsdienste.
Quarantäne und Kühlung fehlen
Erschwerend kommt hinzu, dass das Stadtarchiv nicht in einem dafür ideal geeigneten Gebäude untergebracht ist. Es fehlen wichtige Voraussetzungen wie etwa eine Quarantänekammer, in der befallene Akten abgestellt werden können, aber auch eine Kühlkammer wäre dringend notwendig.
„Die wichtigsten Unikate frieren wir der Reihe nach für 24 Stunden in einer kleinen Kühltruhe ein, damit die Papierfischchen absterben, bevor wir die Dokumente in Kartons verstauen, in die die Tiere nicht gelangen können“, berichtet der Leiter des Archivs. „Wir müssen die wichtigsten Unikate schützen, sonst sind sie weg. Doch dieser Prozess kostet Zeit, Personal und vor allem Nerven.“
Warum Originale weiter wichtig bleiben
Manche Papiere müssen nur drei Jahrzehnte aufbewahrt werden, etwa Ausländer- oder Einbürgerungsunterlagen, einige, wie Personalakten der Stadt, bleiben über 100 Jahre erhalten und werden danach teilweise mit weiteren Unikaten dauerhaft ins historische Archiv übernommen. Sie sind die Grundlage für spätere Nachforschungen.
„Wir digitalisieren zwar, aber das wirft dann die Frage auf, mit welchen Programmen wir künftig noch arbeiten können“, macht seine Kollegin auf ein anderes Problem aufmerksam. Dokumente und Dateien sollen aber auch in vielen Jahren noch lesbar sein.
Genau darin liegt die große Herausforderung, auf die Martin Köcher eingeht: „Wir sehen ja an der technischen Entwicklung von beispielsweise Video- oder Tonaufnahmen, wie schnell die Technik fortschreitet. Von offenen Spulen zu Video 2000 und hin zu 8mm Videokassetten oder entsprechend von Tonbändern über MC bis CDs, die heute kaum noch jemand kennt, geschweige denn abspielen kann.“ Darüber hinaus müssen die Originale zusätzlich aufbewahrt werden, wobei wir wieder beim Befall mit Papierfischchen wären.
Natürliche Mittel reichen im Archiv nicht aus
Diese kleinen Fraßschädlinge (Ctenolepisma longicaudata) meiden stark duftende ätherische Öle wie Lavendel, Zitrone, Essig und Zeder. Diese natürlichen Hausmittel können helfen, die Insekten aus Schränken und Regalen zu vertreiben. Bei der Anzahl der Dokumente beziehungsweise der Größe und Beschaffenheit des Archivs würden die Behandlungen jedoch nicht zum Erfolg führen.
Unterstützung vom Archivamt
Unterstützung kommt für die beiden Archivare daher vom Archivamt Münster, das beratend zur Seite steht. „Wir haben alle paar Meter Klebefallen aufgestellt, die teilweise auch gut gefüllt sind, und zusätzlich Ritzen im Boden und im Mauerwerk mit Klebeband verschlossen. Doch all das ist oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, bedauert die Fachangestellte.
Ihr Vorgesetzter wirft etwas sarkastisch ein: „Wenn wir stattdessen Mäuse hätten, wäre es für uns einfacher. Die sehen wir wenigstens, könnten sie wegfangen und hätten Ruhe.“ Papierfischchen dagegen sind schwer zu fassen, und die Population wächst rasant.
„Wir müssen mehr Bewusstsein für die Problematik schaffen, damit wir Akten ohne diese Schädlinge bekommen“, betont Martin Köcher zum Ende unseres Gesprächs. „Denn wer Archive schützt, schützt nicht nur Papier. Er schützt Erinnerungen, Nachweise, Lebensläufe und die Stadtgeschichte.“
Aus der Lokallust Dorsten
Dieser Beitrag gehört zu den Lokallust-Inhalten auf Dorsten-Online.