Arbeit, die an Feiertagen nicht ruht: Ehrenamtlicher Einsatz bei der Telefonseelsorge Niederrhein/Westmünsterland

Dorsten/Wesel. Weihnachten – Licht erstrahlt aus den Häusern. Was sich hinter den Türen und Fenstern abspielt, bleibt im Dunkeln. Verborgen. Unsichtbar.

Im Schein der Lichter werden die Schatten ausgeblendet. Die Gesellschaft gaukelt sich in der Weihnachtszeit eine heile Welt vor. Eine utopische Version einer „Welt, wie sie sein könnte“. Manche Menschen stehen vor allem dann, in der dunklen Jahreszeit, vor einem Abgrund aus Einsamkeit, Armut, Sorgen, Ängsten und Nöten.

Einsamkeit sitzt am anderen Ende des Hörers.
Foto: Marie-Therese Gewert

„Probleme, die manch ein Mensch ohnehin mit sich trägt, nehmen um die Weihnachtszeit in ihrer Intensität zu“, betont Telefonseelsorger Günther Taler* (Name von der Redaktion geändert).

Intensive Gespräche

„So wie ich es über Weihnachten erlebe, rufen uns nicht mehr Menschen an als sonst, aber die Gespräche sind intensiver“, sagt er. Die Themen bewegen sich zwischen Sehnsüchten und Konflikten. Ohnmacht aber auch Hoffnung. Seit 19 Jahren arbeitet er bei der Telefonseelsorge Niederrhein/Westmünsterland mit Sitz in Wesel.

Jedes Jahr ist er über die Feiertage mindestens an einem Tag im Einsatz, hört Menschen aller Altersklassen und Schichten zu. „Hier wird einem erst bewusst, wie groß die Einsamkeit in Deutschland ist“, bemerkt er. „Vielleicht bin ich der Einzige, mit dem dieser Mensch am Tag gesprochen hat“, meint Günther weiter. „Derjenige, der anruft, will sprechen“.

Hilferufe

Günther hört zu, wo viele weghören. Oft sagt er zwanzig Minuten lang nichts. Schweigt, nimmt sich zurück und lässt den Menschen zu Wort kommen, der ihn anruft. Hinter vielen Anrufen verbirgt sich ein Hilferuf. Doch Günther spürt: „Wenn der Anrufer sprechen will, dann haben wir eine Chance“. Dann sei der Anrufer noch auf der Suche nach Lösungen und hat noch nicht aufgegeben.

Warum Günther Taler sich ans Telefon setzt und zuhört? „Es macht Freude. Ich kann anderen Menschen mein offenes Ohr schenken“, sagt er begeistert. „Um sie zu begleiten, nicht aber, um als Berater Probleme für sie zu lösen“, erklärt er. Damit sich jeder offen aussprechen kann, spielen Namen keine Rolle.

Alles, was am Telefon gesagt wird, bleibt anonym. Foto: Unsplash

Depression, Alkoholismus und andere Süchte

Alles bleibt stets anonym, daher möchte Günther Taler seinen richtigen Namen nicht nennen. Nur so viel sei verraten: Er kommt aus der Region, hatte eine Leitungsfunktion im Beruf und ist jetzt Rentner.

Oft rufen Menschen mit psychischen Problemen an. Sie leiden unter Depression, Alkoholismus und anderen Süchten. Nie weiß er, wer anrufen wird. „Wenn wir den Hörer auflegen, wissen wir nicht was passiert“, sagt er. Doch damit kommt er gut klar.

Gutes Gefühl

„Bei mir ist immer ein Lächeln in der Stimme“. Ehrlich und authentisch hört er zu. Und manchmal hört er am Ende des Gesprächs sogar ein leises Lachen heraus. Das gibt ihm ein gutes Gefühl. In seiner Anfangszeit wurde der Hörer öfter aufgelegt.

Dann hinterfragt er sich, reflektiert das Gespräch und wird zum Nachdenken angeregt. Doch mittlerweile passiert es ihm nicht mehr oft, dass jemand auflegt. Den Spaß hat er über die Jahre nicht verloren. Seine Frau sieht ihm schon an, wenn er sich auf den Weg zur Telefonseelsorge macht.

„Du strahlst ja so“, sagt sie dann. Durch seine ehrenamtliche Arbeit habe er sich selber weiterentwickelt und mehr über sich und auch sein Leben erfahren. Sein Ehrenamt habe ihn achtsam und demütig werden lassen. Manchmal wird er mit seinem eigenen Leben konfrontiert. So spielte das Thema Suizid in seinem unmittelbaren, nahen Umfeld eine große Rolle.

Empfänglicher für die Probleme

Er brauchte drei Anläufe, bis er den Schritt als Telefonseelsorger wagte. Bekannte sagten ihm damals: „Du hast dich verändert“. Günther hat keinem etwas von seiner Arbeit gesagt, lächelt nur in sich hinein und merkt: „Man wird empfänglicher für die Probleme dieser Welt, bleibt geerdet, hebt nicht ab und bleibt stramm an der Realität“.

Was, wenn am Heiligabend keiner da ist? Die Telefonseelsorge hilft. Telefonnummer: 0800/111 0 111 oder 0800/ 111 0 222. Chatberatung unter: online.telefonseelsorge.de.

Ehrenamtliche Mitarbeit – Eine neue Ausbildungsgruppe beginnt im Herbst 2020 – Jetzt bewerben!

Rund 100 qualifizierte, ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten bei der Telefonseelsorge Niederrhein mit Sitz in Wesel. Sie telefonieren oder chatten mit den Menschen, die sich bei ihnen melden. Wie die Telefonseelsorger persönlich mit den Geschichten umgehen, die sie hören, ist unterschiedlich.

Einmal im Monat gibt es ein Treffen: In Gruppen wird in einer Supervision über schwere Themen gesprochen, um sie für sich zu ordnen. Beispielsweise bei einem suizidalen Thema. Die Supervision ist verpflichtend, ist Schatz und Schutz zugleich. Auch wenn hier keine therapeutischen Experten sitzen, so sind sie dennoch auf Fachthemen geschult.

Im Herbst 2020 beginnt eine neue Ausbildungsgruppe zur ehrenamtlichen Mitarbeit bei der Telefon Seelsorge Niederrhein-Westmünsterland. Das Einzugsgebiet der Telefonseelsorge in Wesel reicht vom Niederrhein bis ins Westmünsterland. Geeignet sind Menschen, die genug Kraft erübrigen können, mit den Anrufern nach Lösungen zu suchen, die der jeweiligen Situation und den Lebensverhältnissen der Anrufenden angemessen sind. Sie müssen
sich selbst in Frage stellen können und an sich arbeiten.

Die Ausbildung erfolgt nach bundeseinheitlichen Richtlinien und enthält als wichtigste Elemente die Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Gesprächsführung. Darüber hinaus lernen die künftigen ehrenamtlichen Telefonseelsorger aktiv zuzuhören und sich selbst sowie die Gesprächspartner vorurteilsfrei anzunehmen. Voraussetzung für die Mitarbeit ist körperliche und seelische Gesundheit. Nach Beendigung der Ausbildungszeit erwartet die Telefonseelsorge von ihren Mitarbeitern die Übernahme von jeweils drei Diensten zu je vier Stunden im Monat, tagsüber und nachts. Ausbildungsort ist in Wesel.

Wer sich bewerben möchte: Informationsmaterial gibt es bei der Telefonseelsorge unter der Telefonnummer 0281 – 156-141 von montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr und unter www.telefonseelsorge-niederrhein.de

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Hallo, ich bin Marie. Schon während meines Studiums in Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule schlug mein Herz für die Geschichten der Menschen. Als freie Mitarbeiterin war ich während meines Studiums stets für die WAZ Dorsten unterwegs. Danach zog es mich nach Kassel zum Volontariat bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, kurz HNA. Nachdem ich in einer Kommunikationsagentur in Düsseldorf tätig wurde, entschied ich mich im Mai 2018 für die Selbstständigkeit. Seither arbeite ich für verschiedene Auftraggeber, journalistisch und beratend. Ich schreibe für dorsten-online.de, weil die Plattform von Menschen aus der Heimat für Menschen aus der Heimat gemacht wird. Ich freue mich, Sie mit Beiträgen und Informationen aus der Region versorgen zu dürfen. Anregungen, Fragen und Hinweise nehme ich gerne entgegen. Marie-Therese Gewert

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