Wenn Wolfgang Burkhardt in seinem Arbeitszimmer eine Mappe aufschlägt, ist das wie eine kleine Zeitreise. Zwischen säuberlich sortierten Klarsichthüllen blitzen vergilbte Briefe auf, sorgfältig beschriebene Postkarten, kunstvoll verzierte Urkunden.
„Ich sammle seit über 40 Jahren“, sagt der 77-Jährige, und seine Stimme verrät, dass es dabei nicht nur um Papier geht – sondern um Erinnerungen, um Geschichten und um das Bewahren einer Stadtgeschichte, die andernfalls vielleicht verloren ginge.
Alles begann mit einer Postkarte
Vor der Rente war Wolfgang Burkhardt Betriebsfahrer bei Coca-Cola, doch seine zweite Karriere als leidenschaftlicher Sammler begann ganz unspektakulär. In den 1970er-Jahren besuchten er und seine Frau Ria, mit der er seit 1973 verheiratet ist, eine Kirmes im Lippetal. Dort entdeckte er eine alte Ansichtskarte vom Ort, an dem Ria als Kind schwimmen gelernt hatte. „Ich habe meiner Frau die Karte geschenkt und sie war happy“, erinnert er sich lachend.

Dieser kleine Kauf war der Funke, der eine Sammelleidenschaft entfachte, die bis heute anhält. Aus einer Postkarte wurden viele – sehr viele. Heute besitzt Wolfgang Burkhardt mehr als 1000 historische Ansichtskarten aus Dorsten und Umgebung. „Postkarten, die ich noch nicht habe, sind kaum noch zu finden“, sagt er und klingt dabei weder stolz noch satt, sondern eher wie jemand, der genau weiß: Die Jagd nach dem letzten, besonderen Stück hört nie auf.

Ein Archiv, das Geschichte atmet
Seine Sammlung ist längst weit mehr als eine Postkartensammlung. Sie umfasst Hunderte Briefe, amtliche Bekanntmachungen, Fotos und Dokumente – manche von unschätzbarem historischen Wert. Da ist zum Beispiel ein Ausgangspass des Königlichen Polizeipräsidiums aus den 1820er-Jahren, der dem Inhaber „ohne Unterschied zwischen Stadt und plattem Lande“ freie Reise gestattete. Oder eine Bekanntmachung von Bürgermeister Schepen aus dem Jahr 1568, die den Betrachter zurück in eine Zeit führt, als Dorsten noch Teil eines völlig anderen politischen Gefüges war.

Ein vergilbter Haftbefehl vom Königlichen Amtsgericht aus dem Jahr 1905 erzählt von der Justiz im Kaiserreich, während ein kunstvoll verziertes „Contribution“-Dokument aus dem Jahr 1814 an die napoleonische Besatzungszeit erinnert, als französische Truppen im Raum Dorsten Geld eintrieben. Bewegend ist ein Flugblatt der Alliierten mit dem Titel „Nach Hitlers Sturz – Keine Rache gegen das deutsche Volk“, das Hoffnung in dunklen Tagen verbreitete.

Andere Stücke gewähren Einblicke in den Alltag vergangener Generationen. So etwa ein handschriftlich verfasster Marktbericht von 1934, in dem akribisch vermerkt ist, wie viele Rinder, Schweine und Pferde aufgetrieben wurden und zu welchem Preis, oder eine Preisliste aus der Nachkriegszeit, auf der neben Kartoffeln, Heringen und Rindfleisch auch „fetter Auslandsspeck“ verzeichnet ist.

Und dann gibt es noch die menschlich berührenden Geschichten, wie die Anzeige von 1945 über einen Wirt in Wulfen, der nach einem Streit bei der Gestapo denunziert wurde, oder das Foto eines Unfalls am Forsthaus Freudenberg vom 10. Dezember 1928, exakt morgens um 9.05 Uhr, auf dem ein klassischer Wagen der 20er-Jahre auf der Seite liegt.

Von Sammlern für Sammler
Zwei große Dorstener Sammler, Heinz Kleine-Voßbeck und Walter Biermann, hinterließen Burkhardt ihre Nachlässe. „Das war eine große Ehre für mich“, sagt er. Die Integration dieser Sammlungen in sein eigenes Archiv war akribische Arbeit. Jede Karte, jeder Brief wurde gesichtet, datiert und in systematisch geordneten Ordnern untergebracht.

Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Arbeit ist groß. „Der materielle Wert ist zweitrangig“, betont Burkhardt, auch wenn er für manche Rarität tief in die Tasche gegriffen hat. „Wichtiger ist, dass diese Dokumente erhalten bleiben.“

Familienprojekt mit Zukunft
Seine Frau Ria steht voll hinter seinem Hobby. Wenn ein neues Stück den Weg ins Haus findet, schauen sie es sich gemeinsam an. Manchmal gibt es dabei kleine Wunder. Wie es etwa der Moment war, als die beiden auf einem alten Foto zufällig Rias Großvater als jungen Mann entdeckten.

Ria selbst ist im Dorstener Kulturleben aktiv, als Laienschauspielerin in der Theatergruppe Phoenix. So haben beide ihre eigene Bühne – er im Archiv, sie auf den Brettern.
Und die Zukunft der Sammlung? Die ist gesichert. Die gemeinsame Tochter hat schon angekündigt, die Arbeit fortzuführen, wenn Wolfgang einmal nicht mehr kann. „Das beruhigt mich sehr“, sagt er.

Kooperation mit dem Stadtarchiv
Ein wichtiger Partner für Burkhardt ist das Dorstener Stadtarchiv. Viele seiner Stücke ergänzen und bereichern dortige Bestände, und nicht selten ist er Anlaufstelle für Historiker, Journalisten oder einfach neugierige Bürger. „Das Schönste ist, wenn jemand bei mir etwas entdeckt, das einen persönlichen Bezug zu seiner Familie oder Straße hat.“

Das große Ganze im Blick
Wer Wolfgang Burkhardt zuhört, spürt schnell: Er sammelt nicht aus Nostalgie, sondern mit einem klaren historischen Bewusstsein. Seine Schätze erzählen von Kriegen und Friedenszeiten, von Alltag und Ausnahmesituationen, von menschlichen Dramen und heiteren Begebenheiten.

So ist aus einer einzelnen Postkarte ein Archiv geworden, das Dorstens Geschichte nicht nur bewahrt, sondern erlebbar macht. „Ich sehe mich ein bisschen als Schatzbewahrer“, sagt Burkhardt – und wer seine Sammlung gesehen hat, weiß: Das ist keine Übertreibung.

Kontakt zum Sammler
Wer selber „verborgene Schätze“ in seinem Bild- oder Kartenarchiv hat, oder Interesse an einer bestimmten Aufnahme hat, kann Wolfgang Burkhardt unter [email protected] kontaktieren.




























