StartGeschichteDorstener Stadtrat trifft Entscheidung zur Ehrenbürgerwürde von Paul Schürholz

Dorstener Stadtrat trifft Entscheidung zur Ehrenbürgerwürde von Paul Schürholz

Veröffentlicht am

Nach monatelanger und teils kontroverser Diskussion hat der Stadtrat von Dorsten am 10. September eine Entscheidung zur Ehrenbürgerwürde des ehemaligen Bürgermeisters Paul Schürholz (1893-1972) getroffen. Die Debatte, die sich über mehrere Jahre erstreckte, basierte auf der kritischen Aufarbeitung seiner Rolle während der NS-Zeit und mündet nun in einer differenzierten Neubewertung.

Bereits Anfang 2023 griff Bürgermeister Tobias Stockhoff Bürgeranfragen auf, die die NS-Vergangenheit Schürholz’ hinterfragten. Er beauftragte die Historiker Hans-Jochen Schräjahr und Dr. Josef Ulfkotte vom Verein für Orts- und Heimatkunde, diese systematisch zu untersuchen. In den 1980er-Jahren hatte die Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“ erste Hinweise gefunden, doch viele Fragen blieben offen.

Anzeige
Anzeige zum Freizeitspezial 2026 auf Dorsten-Online

Am 28. Januar 2025 präsentierten Schräjahr und Ulfkotte ihre Ergebnisse im Ratssaal. Sie belegten, dass Paul Schürholz 1937 der NSDAP beigetreten war, als Propagandawart und SA-Mitglied tätig war, Ratsmandate und Ausschussfunktionen innehatte und die Machtstrukturen des NS-Regimes in Dorsten unterstützte. Zudem war er Oberst der Altstadtschützen und organisierte Schützenfeste unter nationalsozialistischer Symbolik. Antisemitische Haltung, Bereicherung an jüdischem Eigentum oder Beteiligung an NS-Verbrechen konnten nicht belegt werden.

Brauchtum unter nationalsozialistische Symbolik gestellt: Schützenfest 1938. Foto: Dorsten unterm Hakenkreuz

Antrag der Fraktion Die Linke / Die Partei (abgelehnt)

Die Fraktion Die Linke / Die Partei beantragte eine ausdrückliche Missbilligung der Ehrenbürgerwürde von 1963. Der Antrag forderte:

  • Entfernung aller Hinweise auf Schürholz als Ehrenbürger aus städtischen Publikationen, Broschüren, Chroniken und Ausstellungen.
  • Öffentlichkeitsarbeit, um die Missbilligung zu kommunizieren.
  • Information anderer Städte, in denen Schürholz öffentlich geehrt wird.

Boris Benkhoff (Die Partei) kommentierte: „Wie viel Nazi muss man sein, um in Dorsten kein Ehrenbürger mehr sein zu können? Wir können das missbilligen. Das muss nicht mehr stehen.“
Der Antrag erhielt jedoch keine Mehrheit. Nur die Linke stimmte zu, alle anderen Ratsmitglieder dagegen.

Antrag von CDU, SPD, Grünen und FDP (angenommen)

Die Mehrheit stimmte einem Antrag der Fraktionen CDU, SPD, Grünen und FDP zu, der eine differenzierte Neubewertung vorsieht:

  • Das Ehrenbürgerrecht Schürholz’ erlosch mit seinem Tod, eine formale Aberkennung erfolgte nicht.
  • Veröffentlichung der historischen Aufarbeitung und des Gutachtens auf der städtischen Website, damit die Öffentlichkeit die Ergebnisse nachvollziehen kann.
  • Transparente Darstellung seiner NS-Vergangenheit sowie Würdigung seiner Verdienste beim Wiederaufbau Dorstens nach 1945.

Stockhoff betonte: „Wer Geschichte nur streicht, wird weder der Geschichte noch den Lehren daraus gerecht. Es ist wichtig, dass wir dokumentieren, wie wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt haben.“

Folgen des Ratsbeschlusses

Der Beschluss sorgt für Transparenz, ohne die Ehrenbürgerwürde formal aufzuheben. Hinweise auf Schürholz bleiben als historische Person bestehen, werden aber durch das Gutachten kontextualisiert. Die Stadt informiert die Öffentlichkeit über die Ergebnisse und verknüpft die Informationen mit den städtischen Ehrenbürgerlisten. Auch andere Städte, in denen Schürholz öffentlich geehrt wird, sollen informiert werden.

Dorsten setzt auf Dokumentation, transparente Kommunikation und differenzierte Darstellung. Stockhoff fasste zusammen: „Es geht nicht um Strafe oder Relativierung, sondern darum, unsere Geschichte zu kennen und daraus zu lernen.“

Neuer WhatsApp-Kanal

Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal unter https://bit.ly/dorstenonline für aktuelle Infos. Wir bieten lokale Nachrichten, Event-Infos, Polizeimeldungen und mehr.

NEUSTE ARTIKEL

Raub auf Getränkemarkt in Dorsten: Polizei sucht Zeugen

Nach einem Raub auf einen Getränkemarkt in Dorsten sucht die Polizei nach dem Tatverdächtigen und nach Zeugen. Ein maskierter Mann bedrohte eine Mitarbeiterin mit einer...

Lokallust Dorsten Juli 2026 ist da

Die neue Lokallust Dorsten erscheint im Juli 2026 einen Tag früher und bringt Geschichten über Heinz Mönk, Stauder, den 24-Stunden-Lauf und die Innenstadt.

Ein Jahr Peru mit Rotary: Matilda kehrt mit Fernweh nach Dorsten zurück

Vor einem Jahr sprach Matilda Schwieren aus Rhade noch darüber, wie es sich wohl anfühlen würde, für viele Monate Familie, Freunde und den vertrauten Alltag...

Dorsten erinnert in Riga an die Opfer des Holocaust

Die Erinnerung an die aus Dorsten deportierten und ermordeten Juden ist inzwischen auch an einem der wichtigsten Gedenkorte in Lettland sichtbar. Im Wald von Bikernieki...

Klick mich!