Das denkmalgeschützte Gebäude am Kleinen Ring war lange ein vernachlässigter Ort. Nun soll daraus ein hochwertiger Büro-, Praxis- und Gewerbestandort mit historischem Charakter werden.
Der alte Bahnhof Wulfen ist eines dieser Gebäude, an denen viele Menschen im Stadtteil seit Jahren vorbeikommen. Man kennt ihn, auch wenn man ihn lange kaum noch genutzt hat. Roter Backstein, Bahntrasse, Erinnerungen an frühere Zeiten und zugleich der Eindruck eines Ortes, der viel zu lange sich selbst überlassen blieb. Nun könnte aus dem lange vernachlässigten Bahnhofsgebäude wieder ein lebendiger Teil von Alt-Wulfen werden.

Unter dem Titel „Ein Denkmal erwacht“ wird das historische Empfangsgebäude derzeit als künftiger Büro-, Praxis- und Gewerbestandort vermarktet. Noch in diesem Jahr soll der alte Bahnhof saniert und neu entwickelt werden. Dabei geht es nicht um eine schnelle kosmetische Auffrischung, sondern um ein ambitioniertes Projekt. Denkmalgeschützter Bestand, moderne Infrastruktur und eine Nutzung, die gemeinsam mit künftigen Mietern oder Investoren geplant werden soll.
„Der Architekt mag es nicht, wenn ich von einer Ruine spreche“
Maklerin Lea van Oepen ist von dem Projekt überzeugt. Im Gespräch mit unserer Redaktion beschreibt sie den Zustand, in dem Architekt und Eigentümer Nils Martens das Gebäude übernommen hat, mit einem Satz, der die Herausforderung deutlich macht.
„Der Architekt mag es nicht, wenn ich von einer Ruine spreche, aber das war der Zustand, in dem er den Bahnhof gekauft hat“, sagt van Oepen.

Gerade deshalb soll bei der Sanierung besonderer Wert auf Qualität gelegt werden. Es gehe nicht darum, möglichst günstig Fläche herzustellen, sondern darum, einem besonderen Gebäude gerecht zu werden. Materialien, Restaurierung und Ausbau sollen hochwertig sein. Das erklärt auch den vergleichsweise hohen Quadratmeterpreis, der abhängig von Ausbau und Nutzung voraussichtlich bei rund 20 Euro liegen soll.
Noch ist das Projekt kein abgeschlossenes Erfolgskapitel. Ein endgültiger Investor oder Nutzer ist nach Angaben aus der Vermarktung noch nicht gefunden. Van Oepen und Martens sind jedoch überzeugt, dass der Standort Potenzial hat. Gesucht werden Menschen oder Unternehmen, die nicht einfach nur Bürofläche brauchen, sondern einen Ort mit Geschichte und Charakter. Dazu haben Architekt und Makler bereits eine Projektwebsite gestartet.

Ein Bahnhof als Stück Wulfener Geschichte
Der Bahnhof Wulfen ist mehr als ein altes Gebäude an einer Bahnlinie. Er steht für eine Zeit, in der die Eisenbahn den Alltag vieler Orte prägte. Die Strecke Dorsten-Coesfeld ging am 1. Juli 1879 in Betrieb. Für das damals noch stark landwirtschaftlich geprägte Wulfen bedeutete die Bahnlinie den Anschluss an das Ruhrgebiet und an größere Waren- und Verkehrsströme.
Das Empfangsgebäude entstand als zweigeschossiger Backsteinbau. Im Erdgeschoss lagen einst Warteraum, Fahrkarten- und Gepäckschalter sowie weitere Diensträume. Im Obergeschoss befand sich die Wohnung des Stationsvorstehers. Damit war der Bahnhof nicht nur Verkehrsstation, sondern auch Arbeitsplatz, Dienstgebäude und Wohnort.
1929 wurde Wulfen zum Bahnhof ausgebaut. Es gab zwei Bahnsteiggleise, eine Güterverladung und einzelne Gleisanschlüsse. In den 1930er Jahren wurde im Gebäude eine Bahnhofsgaststätte betrieben. Der Bahnhof war damit auch ein sozialer Ort, an dem nicht nur Züge hielten, sondern Menschen zusammenkamen.

Später verlor der Standort Stück für Stück seine frühere Bedeutung. 1976 wurde der Fahrkartenverkauf eingestellt, 1977 wurde die Güterabfertigung nach Dorsten verlagert, 1978 schloss die Wartehalle. Anfang der 1980er Jahre nutzten Jugendliche das Gebäude zeitweise als selbstverwaltete Begegnungsstätte. Mit der Demontage des zweiten Hauptgleises wurde Wulfen 2003 vom Bahnhof zum Haltepunkt zurückgestuft. 2007 stellte die Stadt Dorsten das Empfangsgebäude unter Denkmalschutz.
Kein Schlösschen, aber ein typischer Bahnhof seiner Zeit
Beim Bahnhof Dorsten ist der ursprüngliche Architekt bekannt. Das repräsentative Empfangsgebäude in der Innenstadt wurde von Gustav Paeffgen entworfen, einem Kölner Architekten, der im Stil des Historismus arbeitete und Bahnhofsgebäuden gern eine besondere Anmutung gab.
Für Wulfen lässt sich ein solcher Architektenname nach den vorliegenden Quellen nicht sicher belegen. Das Gebäude gehört vielmehr zu jenen typischen Empfangsgebäuden, wie sie im westlichen Münsterland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Oft wurden solche Bauten nach Typenentwürfen errichtet und entlang einer Strecke in verschiedenen Varianten umgesetzt.

Gerade das macht den alten Bahnhof Wulfen interessant. Er war kein großstädtisches Repräsentationsgebäude, sondern ein zweckmäßiger, sorgfältig gestalteter Bahnhof für einen kleineren Ort. Seine Bedeutung liegt nicht im Prunk, sondern in seiner Alltagstauglichkeit. Er erzählt von Fahrkarten, Güterverkehr, Pendlern, Dienstwohnungen, wartenden Reisenden und davon, wie sehr die Eisenbahn die Entwicklung eines Dorfes beeinflussen konnte.
Aus Leerstand soll wieder Alltag werden
Über Jahre blieb der alte Bahnhof vor allem ein Ort des Stillstands. Immer wieder gab es Ideen, immer wieder Hoffnung auf eine neue Nutzung. Doch aus Plänen wurde lange kein neuer Alltag. Dass das Gebäude heute noch steht, ist auch deshalb bemerkenswert, weil zeitweise sogar ein Abriss diskutiert wurde.
Der neue Anlauf setzt nun auf eine Mischung aus Denkmalpflege und moderner Nutzung. Geplant sind flexibel nutzbare Flächen auf drei Ebenen. Insgesamt ist von rund 257 Quadratmetern Nutzfläche die Rede, hinzu kommt eine Außenfläche von rund 100 Quadratmetern. Denkbar sind unter anderem Büros, Kanzleien, Praxisräume, Agenturen, Immobilienunternehmen oder Hausverwaltungen.

Die bisherigen Planungen zeigen, wie unterschiedlich das Gebäude genutzt werden könnte. Im Erdgeschoss sind großzügige Flächen mit Foyer, Küche, großem Aufenthalts- oder Gastraumbereich und Terrasse vorgesehen. In den oberen Geschossen sind Büro- und Besprechungsräume, Teeküchen und Sanitärbereiche geplant. Damit könnte der Bahnhof sowohl ein repräsentativer Arbeitsort als auch ein Treffpunkt mit besonderer Atmosphäre werden.
Ein Standort zwischen Dorf, Bahn und Zukunft
Auch die Lage ist Teil der Geschichte. Der Bahnhof liegt unmittelbar an der Bahnstrecke und in Nähe des Wulfener Ortskerns. Der RE14 verbindet Wulfen unter anderem mit Dorsten, Bottrop und Essen. Auch B58 und A31 sind gut erreichbar. Für einen modernen Gewerbestandort ist das ein Argument. Für Alt-Wulfen könnte es zugleich ein Signal sein.

Gerade diese Verbindung macht das Projekt spannend. Es geht nicht nur um Quadratmeter, Miete und Grundrisse. Es geht um die Frage, wie ein Denkmal in einem Stadtteil weiterleben kann. Ein alter Bahnhof kann Museum sein, Mahnmal, Ärgernis oder Chance. In Wulfen soll er nun wieder ein Ort werden, an dem Menschen arbeiten, Kunden empfangen, Ideen entwickeln und vielleicht auch ein Stück Stadtteilidentität neu entdecken.
Der Blick zum Bürgerbahnhof Dorsten
Dass solche Projekte gelingen können, zeigt der Blick in die Dorstener Innenstadt. Auch der Bahnhof Dorsten war einst ein Gebäude, das lange stiefmütterlich behandelt wurde. Nach Jahren des Leerstands, bröckelnder Farbe und wachsender Kritik wurde aus dem alten Stationsgebäude schließlich der Bürgerbahnhof. Heute steht er für eine Erfolgsgeschichte der Stadterneuerung. Ein Denkmal wurde nicht nur erhalten, sondern mit neuer Nutzung wieder in den Alltag der Stadt zurückgeholt.

Der alte Bahnhof Wulfen ist deutlich kleiner, die geplante Nutzung eine andere. Doch die Grundidee ähnelt sich. Ein historisches Bahnhofsgebäude soll nicht länger als Problemfall wahrgenommen werden, sondern als Chance. In Dorsten ist daraus ein öffentlicher Ort geworden. In Wulfen könnte nun ein besonderer Arbeits- und Gewerbestandort entstehen, der Geschichte nicht nur bewahrt, sondern wieder nutzbar macht.
Noch ist Geduld gefragt
Bis dahin bleibt Arbeit. Eine denkmalgerechte Sanierung ist aufwendig, teuer und abhängig von passenden Partnern. Der besondere Charme des Gebäudes ist zugleich seine Herausforderung. Wer dort einzieht, bekommt keinen beliebigen Neubau von der Stange, sondern ein Haus mit Spuren, Geschichte und Ansprüchen.
Genau darin liegt aber auch der Reiz. Der alte Bahnhof Wulfen war lange ein Symbol für Stillstand. Wenn die Pläne gelingen, könnte daraus ein Beispiel werden, wie aus einem vernachlässigten Denkmal wieder ein lebendiger Ort wird. Für viele Wulfener wäre das mehr als nur ein Immobilienprojekt. Es wäre die Rückkehr eines Gebäudes, das nie ganz aus dem Blick verschwunden ist.




























