Der Wilde Westen ist gleich nebenan

Gut versteckt und nicht einfach zu finden, mitten im Rhader Wald liegt die Westernstadt. Horses Henn, wie Karl-Heinz Einhaus von Freunden genannt wird, plante und baute sie eigenhändig in den 70er-Jahren auf.

40 Jahre lang baute Horses Henn an seiner Stadt. Dazu gehört auch der Saloon, Treffpunkt aller durstigen Kehlen. Foto: Jürgen Moers

Amerikanische Trapper, Büffeljäger, Cowboys, Indianer und Bardamen des 19. Jahrhunderts würden sich hier wie zu Hause fühlen. Ohne die exakte Wegbeschreibung hätte ich Old Buffalo sicher nicht gefunden. Aber nun bin ich hier und Horses Henn führt mich übers Gelände. Mein erster Blick nach dem Betreten des Geländes fällt auf den Teich, in dem das Schwimmen aufgrund des Haifischvorkommens verboten ist. Als Zweites sehe ich den Saloon, das älteste Gebäude der Westernstadt. Aufgrund seines Alters kann Karl-Heinz Einhaus die Holzbauten leider nicht mehr pflegen und instandhalten, das Lebenswerk des 89-Jährigen verfällt. Dennoch hat diese Westernstadt immer noch viel ihres alten Charmes erhalten.

Die Westernstadt für Old Buffalo

Vor 50 Jahren, als der gebürtige Hannoveraner das Pferd seiner Tochter übernehmen musste, begann sein Interesse am Country-und Westernleben. „Wenn schon, dann auch richtig“, dachte er sich, schneiderte sich eine Weste und war seitdem ein Cowboy. Und das, ohne ein einziges Karl-May-Buch gelesen zu haben. Schnell knüpfte Karl-Heinz Einhaus Kontakte zu Gleichgesinnten, der Club „Old Buffalo“ wurde gegründet und die „Stadt“ wuchs durch die Mithilfe der Mitglieder stetig an. „Die Holzhäuser wurden von uns nicht kopiert, sondern aus dem Bauch heraus erstellt. Wir haben auch nicht den Alltag von damals nachgespielt, wir haben ihn gelebt“, betont der Rhader, der einen ganz speziellen Humor hat.

40 Jahre lang wuchs die Stadt mehr und mehr und wurde zum regelmäßigen Treffpunkt der Clubmitglieder. Horses Henn öffnet die Tür zum Saloon und standesgemäß betreten wir durch die Flügeltüren den Treffpunkt aller damaligen durstigen Kehlen. Ich weiß nicht, wohin ich zuerst sehen soll. Hier blickt mich ein Büffelkopf an, dort hängen Cowboystiefel und mit ein bisschen Fantasie sehe ich den Barkeeper, der Whisky ausschüttet. „Viele der alten Stücke hier sind Gastgeschenke anderer Clubs, auch aus dem angrenzenden Ausland“, erzählt der ehemalige Sheriff. Horses Henn trug anfangs diesen goldenen Stern an seiner Weste, später gab er ihn jedoch ab und wurde Texas Ranger.

Der Wagen ist ein Originalrequisit aus dem Film „Der mit dem Wolf tanzt“. Foto: Jürgen Moers

Die Western-Stadt

Draußen sehe ich mich weiter um und erblicke eine Kirche, den Original-Wagen aus dem Film „Der mit dem Wolf tanzt“, das Sheriffbüro inklusive des obligatorischen Gefängnisses, eine Silbermine, einen Barbier und einen amerikanischen Friedhof. Im Geiste sehe ich Frauen in bunten Trachten oder bodenlangen Kleidern, wie sie schnell ihre Kinder einsammeln, da sich ein berüchtigter schießwütiger Revolverheld der Stadt nähert. Männer mit spitzen Stiefeln und Halstüchern schieben sich die Cowboyhüte in den Nacken. Sie spucken ihren Kautabak aus und suchen sich die besten Plätze, um dem kommenden Spektakel beizuwohnen. Mit einer der ersten Schaulustigenist auch der Bestatter, der sich mit dem Maßband in der Hand an einen schlichten Holzsarg lehnt und sein Geschäft wittert.

Die Tür zum Saloon geht auf und breitbeinig stellt sich der herausgeforderte Held oder auch Unglücksrabe des Tages seinem Schicksal.Er eilt noch schnell zum Store, um sich mit dem Notwendigsten, sprich Patronen und Schießpulver einzudecken, dann fallen auch schon die ersten Schüsse. Und da für einen der beiden Kontrahenten die Schießerei ungut endete, wurde er auf dem original amerikanischen Friedhof neben der Kirche beigesetzt. „Die Holzkreuze hier tragen sowohl die reellen Geburts-und Sterbedaten als auch das Austrittsdatum einiger Clubmitglieder“, erklärt der freundliche Senior. „Der Sieger des Schusswechsels feierte dagegen im angrenzenden Saloon, bis er todmüde ins ‚Bunkhaus‘, der Schlafstätte der Cowboys, direkt neben der Schnapsbrennerei fiel und seinen Rausch ausschlafen konnte“, fährt er fort.

Im Old Buffalo Saloon wurde seinerzeit ordentlich gefeiert. Foto: Jürgen Moers

„Es war eine tolle Zeit“

So oder so ähnlich spielte sich der Alltag im Wilden Westen vor zwei Jahrhunderten ab, in etwa so fand aber auch das Westernleben in Rhade statt. Die Clubmitglieder trafen sich regelmäßig, um in historischen Kleidern, Westen und Hosen samt Sheriffstern das Alltagsleben des neunzehnten Jahrhunderts wiederaufleben zu lassen. „Leider findet seit Corona das Clubleben nicht mehr statt und die Treffen hier gehören der Vergangenheit an“, bedauert es der sechsfache Vater ein wenig. „Ob es ihm nicht in der Seele wehtun würde“, wollte ich wissen. „Ach Mädchen, ein Steak oder ein Stück Torte isst du mit Genuss, aber dann ist es weg. So ist es auch mit der Westernstadt: Es war eine tolle Zeit, aber alles hat nun mal ein Ende“, antwortet mir Karl-Heinz Einhaus ganz pragmatisch.

Country Land Old Buffalo ist nun geschlossen und das Privatgelände darf auch nicht mehr betreten werden. Aber wie sagte Horses Henn so treffend: „Alles hat nun mal ein Ende.“

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Hallo, ich bin Martina Jansen. Meine Heimat ist das Monatsmagazin „Lokallust“, aber da wir mit den „Heimatmedien“ eng zusammenarbeiten, richte ich mich seit einiger Zeit nun auch hier als freie Mitarbeiterin häuslich ein. Als nicht gelernte Redakteurin schreibe ich aus dem Bauch heraus und lasse dabei unbewusst, gerne aber auch ganz bewusst, redaktionelle Regeln aus. Soll heißen: Ich schreibe so, dass ich auch verstanden werde. Gerne treffe ich mich mit Menschen aus Dorsten, Schermbeck oder Raesfeld, die ein verrücktes Hobby haben, ehrenamtlich tätig sind oder einfach „gut drauf“ sind, also mit Menschen wie du und ich und bin jedes Mal darauf gespannt, welche Geschichte am Ende dabei herauskommt.